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GesellschaftNachrichten in Einfacher Sprache sind ein Beitrag zur Inklusion

Von Tanja Köhler
Eine Ausgabe des Internetangebots "Nachrichtenleicht" vom Deutschlandfunk. (Deutschlandradio / Screenshot)
Eine Ausgabe des Internetangebots "Nachrichtenleicht" vom Deutschlandfunk. (Deutschlandradio / Screenshot)

Die Bedeutung barrierefreier Gebäude für Rollstuhlfahrer oder barrierefreie Webseiten für sehbehinderte Menschen sind längst ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Bedeutung barrierefreier Informationen aber wird gerade erst erkannt. Oder auch nicht.

Die Journalistin Susanne Gaschke hat in einem Artikel für die Zeitung "Die Welt" die Wochenzeitung "Das Parlament" für ihre Beilage in Leichter Sprache kritisiert. Gaschke moniert, die Beilage sei ein "Inbegriff von Herablassung", sie drücke "komplizierte Dinge nicht einfach, sondern dumm" aus. Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor.

Denn es ist doch so: Jeder Mensch stößt in der Sprache irgendwann an seine Grenzen. Manche haben Verständnisschwierigkeiten bei komplexen wissenschaftlichen Formulierungen, für andere sind Justiztexte, Amtssprache oder Medienberichterstattung schlicht unverständlich. Wer kann schon auf Anhieb erklären, was mit "Nulltarif" oder "Leistungsschutzrecht" gemeint ist oder was sich hinter der "kalten Progression" verbirgt und wie diese Begriffe das eigene Leben beeinflussen? 

Der Zugang zu Informationen ist eine Voraussetzung, um am politischen und gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Aber nicht alle Menschen haben gleichermaßen Zugang zu Informationen, etwa weil sie kognitive Behinderungen oder Lernschwierigkeiten haben oder nur eine geringe Lese- und Schreibkompetenz besitzen. Für solche Menschen können Informationen unüberwindbare Hürden darstellen. 

Informationen als Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Teilhabe

Texte in Leichter und Einfacher Sprache wollen Menschen Zugang zu Informationen verschaffen, den sie sonst nicht bekommen würden. Sie wollen Menschen in einer Gesellschaft, in der Informationen eine Grundvoraussetzung darstellen, um am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen zu können, eben diese Teilhabe und Mitbestimmung an Gesellschaft und Politik ermöglichen. Denn, wie gesagt, nicht alle Menschen haben gleichermaßen Zugang zu Informationen.

Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein: Fehlende Zugriffsmöglichkeiten auf Medienangebote können ebenso verantwortlich sein wie Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Verstehen. Schwierigkeiten beim Schreiben, Lesen und Verstehen von Texten haben zum Beispiel funktionale Analphabeten.

20 Millionen potenzielle Nutzer in Deutschland

Der "Level-One-Studie" der Universität Hamburg zufolge, die die Lese- und Schreibkompetenz der deutschen Bevölkerung untersuchte, gelten 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als funktionale Analphabeten und weitere 13,3 Millionen Menschen haben größere Probleme beim Lesen und Schreiben. Addiert man beide Gruppen, stellen Texte in Einfacher Sprache für 20 Millionen Menschen in Deutschland – immerhin 40 Prozent der gesamten erwachsenen Bevölkerung – einen Beitrag zur sprachlichen Barrierefreiheit dar. 

Und noch ein Hinweis sei erlaubt: Die Vereinten Nationen fordern in der UN-Behindertenrechtskonvention die Vertragsstaaten dazu auf, Menschen mit Behinderung gleichberechtigten Zugang zu Information und Kommunikation zu gewährleisten, um ihnen eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen (Artikel 9). Wenn man so will, dann versucht die Beilage in Leichter Sprache der Zeitung "Das Parlament" genau dies zu ermöglichen.

Nachrichtenleicht des Deutschlandfunks

Die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks veröffentlicht übrigens schon seit fünf Jahren jeden Freitag einen Wochenrückblick in Einfacher Sprache, in dem wir über aktuelle nationale und internationale Ereignisse und Entwicklungen berichten. Wir halten dieses Angebot für eine zutiefst öffentlich-rechtliche Aufgabe und betrachten es als Beitrag zur sprachlichen Barrierefreiheit und Inklusion. 

Logo von Nachrichten leicht (Deutschlandfunk)Logo von Nachrichten leicht (Deutschlandfunk)

Bei der Konzeption des Angebots haben wir uns an den professionellen journalistischen Ansprüchen des Senders orientiert: Wie in den klassischen Nachrichtensendungen des Deutschlandfunks soll auch bei der Präsentation von Nachrichten in Einfacher Sprache am Anspruch festgehalten werden, die wichtigsten nationalen und internationalen Themen zu vermitteln, unabhängig von der Komplexität der Ereignisse. Damit verbunden ist der Anspruch, dass die zur Verfügung gestellten Informationen auch in der sprachlichen Vereinfachung zutreffend sein müssen und nicht wertend sein dürfen, auch nicht in dem Bemühen, Dinge einfach zu erklären. Die Kolleginnen und Kollegen in der Nachrichtenredaktion, die jede Woche an unserem Wochenrückblick arbeiten, wissen, wie viel schwieriger es sein kann, beispielsweise den Syrien-Konflikt in Einfacher Sprache zu erklären. 

Menschen mit Demenz und Patienten nach einem Schlaganfall

Als wir unser Angebot im Jahr 2013 starteten, haben wir nicht mit einem so großen und breiten Zuspruch gerechnet. Durch Reaktionen unserer Leserinnen und Leser oder deren Angehörigen wurde uns schnell deutlich, dass wir mit unserem Angebot viele Menschen erreichen: Menschen mit geringen Deutsch-Kenntnissen, mit Leseschwäche, mit Verständnisschwierigkeiten und geringem Wortschatz, Menschen mit Demenz, Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten, aber auch Kinder und Jugendliche. Ein Lehrer, der unsere Texte im Unterricht verwendet, schrieb uns "Ihre Nachrichten sind für meine Schüler eine gute Hilfe, um die Welt besser zu verstehen." Wir freuen uns sehr, wenn wir mit unseren Nachrichten in Einfacher Sprache Menschen die Welt ein wenig näher bringen können. 

Und noch etwas freut uns: Seit knapp einem Jahr sind wir jeden Freitag um 20.04 Uhr mit unseren Nachrichten in Einfacher Sprache auf Sendung, im Deutschlandfunk. 

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