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Gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang

Als ins unendlich getrieben Absurde schildert der Dramatiker René Pollesch die Weltwirtschaftskrise. "Die Unterscheidung von realen und fiktiven Werten wird obsolet, und zwar spätestens seit das Kreditgeld aus einer Schöpfung aus dem Nichts besteht", heißt es in dem an der Berliner Volksbühne inszenierten Stück "Ich schau dir in die Augen - gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang".

Von Eberhard Spreng | 14.01.2010

Fünfmal klopft Fabian Hinrichs mit einem Stock auf das Holz des Bühnenbodens. Früher einmal, im Frankreich des Sonnenkönigs, markierte diese Geste, gefolgt von dem Ausspruch "Place au Théâtre", den Beginn einer Theateraufführung. Damit forderte man die in einem Saal umherwandelnden Adeligen auf, an den Seitenwänden Platz zu nehmen und den Raum so für die Schauspieler freizumachen.

In der heutigen Theaterarchitektur braucht es diese Geste nicht mehr, mit der ja auch bedeutet wurde, dass es nun vom wirklichen ins Reich des vorgestellten Lebens geht. Wenn René Pollesch seinen neuen Abend mit dieser alten Geste beginnt, dann, weil er sich hier noch mehr als in vorangehenden Arbeiten mit der merkwürdigen Übereinkunft beschäftigen will, in dieser vorgeführten und vorgestellten Theaterwirklichkeit allgemeinen gesellschaftlichen Sinn zu sehen. Und deshalb beginnt Fabian Hinrichs sein gut eineinhalbstündiges Solo auch mit einer einleitenden Klarstellung:

"Das ist ganz klar ein weißer männlicher Heterosexueller, der hier spricht, von einer Plattform, die auch nur ihm gehört, und keinem Hund, keiner Kakerlake und keinem sonstigen Zeug. Tusch!"

Die "widerliche Kunstform der Geselligkeit" soll in der Volksbühne nicht zu erleben sein und schon gar nicht das gängige interaktive Theater. In der theoretisch am slowenischen Philosophen Slavoj Žižek und dem österreichischen Interpassivitätstheoretiker Robert Pfaller geschulten Aufführung soll sich der Zuschauer hier gar nicht emotional engagieren sondern sich eher vorstellen, seine Begleiterin ginge im Anschluss an die Vorstellung nicht mit ihm, sondern mit dem Schauspieler nach Hause.

Es geht um das delegierte Leben und Genießen. Konsequenterweise ruft Hinrichs also während seines Auftritts die Technik wiederholt auf, hier sogenanntes "Dosengelächter" einzuspielen und kokettiert so mit der in Sitcoms üblichen Form des delegierten Lachens vom Band. Thematisch ist Pollesch seiner in Zürich unter dem Titel "Calvinismus Klein" produzierten Arbeit äußerst nahe und greift auch auf einzelne ihrer Textpassagen zurück. Aber hier ist mit dem Akteur ein Element auf der Bühne, das Polleschs oft lustige, mal boulevardeske, mal farcige Anwendung von zeitgenössischen Theoriegebilden auf einer anderen Ebene fortsetzt.

Hinrichs Performance ist die einer forcierten Körperlichkeit, einer, die glaubhaft macht, dass der Schauspieler nicht für etwas anderes stehen kann und also keine Stellvertretung betreibt. Er sprüht seine nackte Haut mit Farbe ein, rennt über die kahle Bühne, hämmert auf einem Schlagzeug herum, zupft an einer Westerngitarre und lässt sich von einer riesigen Kugel aus lauter roten Scheinwerfern in die Höhe ziehen. Er wirft Reklam-Heftchen ins Publikum und spielt Tischtennis mit einem kurzzeitig herbeigeeilten Kerlchen mit Mikrofonangel. Und dann fordert er das Publikum eben doch auch zum Mitstöhnen, Mitklatschen, Mitsingen auf. "Und wir sind endlich von den Dingen befreit, die wir lieben" - so lautet der Text der Schnulze.

All das ist im Ablauf relativ beliebig und braucht ja auch nichts zu bedeuten, in einer Aufführung, die jede Sinnproduktion obsolet findet. Von dem Büchlein, das vor Jahren die Ergebnisse einer Frankfurter Konferenz abbildete, hat Pollesch lediglich den wunderschönen, ihm wie auf den Leib geschnittenen Titel entnommen, allerdings ohne es inhaltlich abzubilden. Und in gewissem Sinne hat er die Paradoxie von "Ich schau dir in die Augen und Verblendungszusammenhang" mit einem tänzerischen, hochpräsenten Akteur auch greifbar gemacht. Der agiert diesmal eben außerhalb von Zusammenhang, Situation oder Bebilderung und so auch außerhalb einer theatralischen Konvention, die für Pollesch mehr denn je zum Reich der Verblendungen zählt.