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StartseiteUmwelt und VerbraucherGiftige Chemikalien in Kitas22.03.2011

Giftige Chemikalien in Kitas

Bundesweit 60 Einrichtungen untersucht

Der BUND hat mehrere Monate lang Staubproben aus Kitas auf Schadstoffe untersucht. Erste Ergebnisse erregen Besorgnis: Viele der Kitas seien mit Weichmachern stark belastet, die in das Hormonsystem von Kindern eingreifen können.

Von Philip Banse

Kleinkinder sind in manchen Kitas gefährdet. (AP)
Kleinkinder sind in manchen Kitas gefährdet. (AP)
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Für Eltern mit Kita-Kindern sind die Befunde Besorgnis erregend. Der Bund für Umwelt und Naturschutz hat bundesweit 60 Kitas untersucht. Jede Kita hat eine Woche lang Staub gesaugt und dieser Staub, wurde dann auf sieben Weichmacher untersucht. Weichmacher machen Plastik weich und wirken bei Menschen wie Hormone und können vor allem bei Jungs dazu führen, dass sie später weniger Spermien produzieren. Ergebnis der Staubanalysen: Die untersuchten Kindertagesstätten sind im Schnitt drei Mal so hoch mit Weichmachern belastet, wie der durchschnittliche private Haushalt. Bei einzelnen Kitas wurden im Staub sogar 20 Mal mehr Weichmacher gefunden als in unser aller Wohnungen üblich sind. Warum sind ausgerechnet Kitas so stark mit schädlichen Weichmachern belastet? Die Chemie-Expertin des Bund für Umwelt und Naturschutz, Sarah Häuser, sagt: In Kitas finden sich einfach überdurchschnittlich viele Gegenstände aus Weich-PVC, PVC also, das mit Weichmachern weich gemacht wurde:

"Dazu gehören zum Beispiel PVC-Böden, damit sind ganz viele Kitas ausgestattet, Turnmatten, Gymnastikbälle, abwaschbare Tischdecken, Spielzeug auch, Schutzhüllen für Matratzen. Aus diesen Produkten gasen diese Weichmacher mit der Zeit aus und gelangen in die Umgebung, in die Umwelt und eben auch in den Kita-Staub und die Kinder können dann diese Weichmacher auch in ihren Körper aufnehmen."

Was passiert, wenn Kinder so viel Weichmacher aufschlecken und einatmen, ist nur für Jungs einigermaßen untersucht, sagt Ibrahim Chahoud, Toxikologe an der Berliner Uni-Klinik Charité.

"Man hat gefunden, dass diese Substanzen auf Testosteron wirken und auf die Spermienproduktion. Weichmacher können bei Jungs vermutlich zu einer verminderten Spermienproduktion führen."

Weniger Sperma und verminderte Fortpflanzungschancen also. Wir alle sind solchen Weichmachern täglich ausgesetzt. Für Kinder sind diese Chemikalien aber besonders gefährlich sagt, Professor Chahoud: Atmen erwachsene Männer Weichmachern ein, kann ihre Sperma-Produktion verringert werden - erholt sich aber wieder.

"Exponiert man aber ungeborene oder neu geborene Kinder diesen Weichmachern, dann sind diese Veränderungen bleibend."

Bei Kindern können diese Weichmacher die Fortpflanzung also für immer beeinträchtigen. Das ist umso ärgerlicher, weil diese schädlichen Weichmacher leicht zu vermeiden sind, sagt BUND-Expertin Sarah Häuser. Einige der untersuchten Kitas seien denn auch kaum mit Weichmachern belastet. Statt PVC hätten die Kitas Linolium-Fußböden. Faustregel sei: auf Weich-PVC verzichten:

"Bei Neuanschaffungen von Turnmatten und Spielzeugen und solchen Sachen sollte man darauf achten, dass es kein Weich-PVC ist. Das erkennt man einmal an der charakteristischen speckigen, weichen Oberfläche; teilweise sind diese Produkte mit dem Kürzel PVC gekennzeichnet oder mit dem Recycling-Symbol mit der Nummer 3. Das ist so ein Dreiecks-Symbol mit unterschiedlichen Nummern drin und wenn da eine 3 drin steht, ist das eben PVC."

Der BUND kritisierte, dass es keine staatlichen Grenzwerte für Weichmacher in Innenräumen gibt - obwohl ihre schädliche Wirkung auch von der EU anerkannt sei. Allein für Spielzeug für unter Fünfjährige gibt es jedoch Grenzwerte. In der Raumluft dagegen dürfen beliebige Mengen Weichmacher herumfliegen.

"Und deswegen fordert der Bund für Umwelt- und Naturschutz die Verbraucherschutzministerin Aigner auf, diese Weichmacher in allen Produkten zu verbieten, die im Umfeld von Kindern eingesetzt werden, mit denen Kinder also auch tatsächlich in Berührung kommen."

Wer wissen will, wie viel Weichmacher in der Kita seiner Kinder herumfliegt, kann auch weiterhin Staubproben an den BUND zur Analyse schicken. Auch Staubproben aus privaten Haushalten will die Umweltorganisation untersuchen. Wie das genau geht und an wen die Staubsaugerbeutel geschickt werden müssen steht auf der Internetseite des BUND.

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