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StartseiteKultur heuteGott vor Gericht22.12.2005

Gott vor Gericht

Claus Leggewie über den Kreationismus in den USA

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie sieht im Urteil des Bundesgerichts von Pennsylvania, die kreationistische Schöpfungslehre im Biologieunterricht an öffentlichen Schulen des Bundesstaats zu lehren, einen Etappensieg der Aufklärung. Entscheidend an dem Richterspruch sei weniger, die heutige Ausprägung des Kreationismus', die Theorie des so genannten intelligenten Designs, zu widerlegen, als ihr zu bescheinigen, dass es eine als nur wissenschaftlich verkleidete, religiöse Theorie sei.

Moderation: Burkhard Müller-Ullrich

Charles Darwin im Jahr 1875. (AP Archiv)
Charles Darwin im Jahr 1875. (AP Archiv)

Burkhard Müller-Ullrich: Das erste Thema führt uns gleich zu den ersten und letzten Fragen des Daseins. Die Frage nach seiner Herkunft beschäftigt den Menschen von jeher: Stammt er vom Affen ab oder blies Gott ihm den Lebensatem in die Nase? An der von Darwin aufgestellten Evolutionstheorie schien seit Jahrzehnten niemand mehr zu rütteln - auch nicht die katholische Kirche. Im vergangenen Jahr etwa erklärte die Internationale Theologenkommission des Vatikan unter ihrem damaligen Vorsitzenden Kardinal Ratzinger, dass die Evolutionstheorie der katholischen Schöpfungslehre nicht widerspreche. In den Vereinigten Staaten sieht es etwas anders aus, da gibt es den so genannten Kreationismus. Das ist eine keineswegs homogene Denkrichtung, die gegen die moderne Evolutionsforschung Front macht und in der extremsten Ausprägung den biblischen Schöpfungsbericht als eine Art wissenschaftliches Dokument ansieht. Deshalb fordern die Kreationisten, wenn sie Darwins Schriften nicht gleich ganz verbrennen und verbannen wollen, dass zumindest in den Schulen der christliche Schöpfungsglaube den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologen gleichgestellt werde. Doch genau das hat ein Bundesrichter in Pennsylvania jetzt für verfassungswidrig erklärt. Claus Leggewie, ist das nun der Sieg der Vernunft und der Aufklärung?

Claus Leggewie: Ja, ich würde mal sagen, ein Etappensieg. Es geht hier weniger darum, die Lehre des so genannten Intelligent Design, die heutige Ausprägung des Kreationismus', zu widerlegen, als ihr zu bescheinigen, dass es eine als wissenschaftlich verkleidete religiöse Theorie ist. Und die darf eben nach einem alt-amerikanischen Verfassungsgrundsatz in einer öffentlichen Schule nicht gelehrt werden. Es geht also um die von Thomas Jefferson so hochgehaltene und so hochgezogene Trennmauer zwischen Staat und Religion, zwischen Kirche und dem politischen Bereich.

Müller-Ullrich: Sie sagten gerade das Stichwort "Intelligent Design", das ist ja nun eine sehr moderne, im Grunde sehr avancierte Verkleidungsform von etwas so Fundamentalem, das wir immer ein bisschen geneigt sind, darüber zu lachen, der Schöpfungsglaube und so weiter. Intelligent Design bedeutet einen Rückschluss zu ziehen aus der hochgradigen Komplexität der Welt, wie wir sie vorfinden, auf einen Schöpfer?

Leggewie: Genau. Man sagt, diese Welt ist viel zu komplex - und das wissen wir aus naturwissenschaftlicher Anschauung und -theorie -, als dass sie sozusagen auf einem plump evolutionären Wege so entwickelt haben könne. Deswegen muss dem zu Grunde gelegen haben ein intelligentes Design, eben das eines Schöpfers. Die Verfechter dieser Theorie sind zum Teil Biochemiker, Naturwissenschaftler und reden die Sprache von Naturwissenschaftlern, knüpfen an an bestimmten Kontroversen um die Evolutionstheorie, um bestimmte ideologische Ausprägungen dieser Theorie in Richtung Evolutionismus, und sagen: Wir selber stehen sozusagen auf einem naturwissenschaftlichen Standpunkt und unsere Lehre ist ihrerseits eine wissenschaftliche Lehre und keine religiöse Lehre. Das ist genau das, was der Richter in Pennsylvania zurückgewiesen hat - der übrigens ein konservativer Republikaner ist.

Müller-Ullrich: Es ist ja auch vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn schon Wissenschaftler dahinter stehen?

Leggewie: Ja, es gibt eine ernst zu nehmende Diskussion um die Evolutionstheorie. Es gibt ja nun dann doch sehr radikale Verfechter dieser Theorie, wie beispielsweise in den USA Richard Dawkins, dessen Buch "Das egoistische Gen" ist vielleicht auch hier in Europa sehr bekannt geworden, und dieser Reduktionismus, der von dieser Seite kommt, der befördert sozusagen kreationistische Denkweisen oder die ja sehr weit verbreitete Annahme, dass an der Schöpfungslehre ja doch wohl etwas dran sein müsse. Wenn man so reduktionistisch-naturwissenschaftlich verfährt, wie das beispielsweise in den letzten Monaten einige Hirnforscher getan haben, dann bricht sozusagen auf der anderen Seite ein Sinndefizit auf und das füllen dann kreationistische Ideologen auf. Übrigens hat auch in der katholischen Kirche das wieder etwas sich Bahn gebrochen: Der Wiener Kardinal Schönborn, immerhin ein Papabile und ein dem jetzigen Papst sehr nahe stehender Theologe, hat in einem Meinungsbeitrag für die "New York Times" kürzlich Dinge vertreten, die doch über das hinausgehen, was man sozusagen den "Waffenstillstand zwischen katholischer Kirche und Evolutionstheorie" bezeichnen könnte. Also hier gibt es durchaus auch internationale Auswirkungen dieses Vordringens der Kreationisten in den letzten fünf bis zehn Jahren in den USA.

Müller-Ullrich: Wie erklären Sie sich das gerade in den USA, die ja doch ein sehr wissenschaftsorientiertes und so avanciertes Land sind, wo ja auch die Machbarkeit in jeder Hinsicht zu den Grundannahmen des gesellschaftlichen Lebens zählt?

Leggewie: Ja, vielleicht gerade deswegen. Weil man über Jahrzehnte eben in einem dann doch sehr säkularen Verständnis naturwissenschaftlich-technisch begründeten Fortschritts gelebt hat und jedenfalls in bestimmten Kreisen - und das meint jetzt hier insbesondere auch den so genannten Bibelgürtel in den Südstaaten - davon nicht wirklich erreicht worden ist. Das hat auch Sinnfragen aufgeworfen, geradezu massenhaft, und so ist die Reaktion da. Auf der anderen Seite ist es eine ideologische Ausprägung der evangelikalen Strömung und der protestantisch-fundamentalistischen Strömungen. Dieser Lehre, der Schöpfungslehre - jetzt vielleicht nicht im radikalen Sinne und nicht vielleicht in der Weise, dass man sie monopolistisch in Schulen lehren soll, hängen in den Vereinigten Staaten zwei Drittel der Bevölkerung an - in einem Land wie Deutschland sind das vielleicht zehn bis 15 Prozent. Und allen voran der amerikanische Präsident, der sich auch als Anhänger des Intelligent Design bekannt hat und auch der Auffassung ist, dass man beide Theorien doch bitte gleichberechtigt an den Schulen lehren soll.

Müller-Ullrich: Und warum wird dieser Krieg zunächst in der Schule ausgetragen? Denn es gibt doch viele andere Felder, auf denen man erst mal diskutieren könnte.

Leggewie: Das ist auch zunächst einmal ein Schauplatz gewesen, der sich in sicherlich auch hoch renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschriften abgespielt hat. Es gibt beispielsweise im "Scientific American" immer wieder Artikel, die dann heißen "15 Answers to Creationist Nonsense" - also, "15 Antworten auf den kreationistischen Blödsinn" oder "auf den Blödsinn der Schöpfungslehre". Also das hat zunächst einmal den wissenschaftlichen Zirkel erreicht. Dass die Schule das Kampffeld wird, hat zu tun damit, dass öffentliche Schulen im Rahmen der Trennung von Religion und Politik in den USA eigentlich religionsfreie Räume sind. Das Urteil, das jetzt in Pennsylvania gefällt worden ist, hängt damit zusammen, dass ein Schulelternrat eben die Lehre des Intelligent Design gewissermaßen verordnet hat. Hier gab es also einen Schulkonflikt und darauf hat dieser Richter dann reagiert. Also die Schule ist das Kampffeld der Auseinandersetzung zwischen säkularen Positionen, die in der amerikanischen Gesellschaft sehr stark sind, und fundamentalistischen Positionen, die in den letzten 20, 30 Jahren immer stärker geworden sind.

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