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StartseiteSonntagsspaziergangTradition und Entschleunigung im Valposchiavo24.02.2019

GraubündenTradition und Entschleunigung im Valposchiavo

Die Gegend des Valposchiavo im Schweizer Kanton Graubünden besticht durch ihre weitgehend unberührte Berg- und Gleschterregionen. Im 3.500-Einwohner-Ort Poschiavo selber trifft man aber auch auf zivilisatorische Errungenschaften der Architektur und des Textilgewerbes.

Von Sabine Loeprick

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Schneeberge (Deutschlandradio/ Sabine Loeprick)
Blick auf die Schweizer Alpen vom Bernina-Express aus (Deutschlandradio/ Sabine Loeprick)
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Es hat ordentlich geschneit in der Nacht, gut, dass Bergführer Romeo Lardi darauf bestanden hat, für den Ausflug zum Gletschergarten von Cavaglia Schneeschuhe mitzunehmen. Anders könnte man heute das Gelände auf knapp 1.700 Metern Höhe gar nicht erkunden. Also Schneeschuhe angeschnallt und Romeo hinterhergestapft, vom kleinen Bahnhof Cavaglia, in Richtung Waldrand. 

Hier führt Romeo, ein drahtiger Endsechziger, seine Gäste leicht bergauf, während er von der Entdeckung der sogenannten Gletschermühlen erzählt:

"Das Ganze hat angefangen sehr früh, und zwar 1856, als der ehemalige reformierte Pfarrer von Brusio in seinem Buch ‚Poschiavino‘ ein Kapitel geschrieben hat über die Gletschermühlen von Cavaglia."

Dann passierte fast 150 Jahre lang nichts, sagt Romeo. Schließlich sei es Mitarbeitern der Rhätischen Bahn und einem Jugendaustausch zu verdanken gewesen, dass die schachtartigen Vertiefungen in den Felsen nach und nach von Schutt freigeräumt werden konnten. Und Romeo beschloss Ende der 90er-Jahre einen Förderverein für die Anlage eines Gletschergartens zu gründen:

"Somit haben wir 1998 im Frühling angefangen und für 18 Jahre war es hier eine riesige Baustelle. Wenn man denkt, in den ersten zwei, drei Jahren haben wir rote Zahlen geschrieben, aber jetzt geht es viel besser. Im allerersten Jahr 1999 haben wir eine Gruppe geführt, letztes Jahr waren es rund 170 Gruppen hier im Gletschergarten."

Blick in die Gletschertöpfe

Die Besucher kommen vor allem in den Sommermonaten, dann kann man in die Gletschertöpfe hinunterschauen, die vor Jahrtausenden durch das Schmelzwasser des Palü-Gletschers ausgehöhlt wurden. Und so zu natürlichen Kunstwerken wurden, mit farblich unterschiedlichen wie poliert wirkenden Gesteinsschichten. Romeo:

"Die Gletschermühlen hier in Cavaglia sind entstanden vor ungefähr 8.000 bis 12.000 Jahren. Bei der großen Schmelze wurde enorm viel Wasser produziert und das Schmelzwasser stürzte unter hohem Druck in die Gletscherspalte. Cavaglia liegt auf 1.700 Metern Höhe und Poschiavo auf 1.000 Metern, Luftdistanz sind 2,8 Kilometer. Es gab einen großen Absturz vom Gletscher und hier sind drei Gletscherspalten entstanden - das entspricht auch der ersten, zweiten und dritten Reihe von den Gletschermühlen."

Hinauf zur kleinen Aussichtsplattform, hier kann man wirklich die Stille auf sich wirken lassen. Kein Mensch weit und breit, kein Auto, nur die eingeschneiten Felsformationen, Zeugen der geologischen Vergangenheit der Region. Aber Romeo mahnt zum Aufbruch, denn er kennt den Fahrplan der Bernina-Bahn auswendig. Und tatsächlich kommt dort hinten schon der rote Zug in Sicht, der auf seiner Fahrt von St. Moritz bis ins italienische Tirano 1.300 Höhenmeter überwindet.

Blick in die Tessitura (Weberei) Valposchiavo von Claudia Lazzarini  (Deutschlandradio / Sabine Loeprick)Eine hochspezialisierte Weberei: die Tessitura Valposchiavo von Claudia Lazzarini  (Deutschlandradio / Sabine Loeprick)

Ankunft in Poschiavo, auf Deutsch Puschlav, dem 3.500 Einwohner Örtchen, alle Gemeindeteile schon zusammengezählt. Das mit seinen Patrizierhäusern, den hohen Kirchtürmen und der Piazza wie eine Mischung aus Schweizer Bodenständigkeit und italienischer Lebensart daherkommt. Kaspar Howald schmunzelt, er ist die erstaunten Blicke gewohnt. Poschiavo habe an der Schnittstelle der Herrschaftsgebiete von Graubünden und dem Veltlin immer eine besondere Rolle gespielt:

"Das Veltlin ist in etwa so groß wie Graubünden, auch durch die Landwirtschaft ziemlich wohlhabend. Poschiavo lag somit im Zentrum zwischen den beiden Gebieten, hier ging der ganze Handel hindurch, hier war ein Teil der Verwaltung. Alles lief über Poschiavo oder Val Bregaglia."

Schmugglerei bis in die 1970er wichtige Einnahmequelle

Das mit dem Handel blieb – auf die eine oder andere Art und Weise. Bis in die 70er-Jahre des 20.Jahrhunderts war die Schmugglerei eine wichtige Einnahmequelle im Tal - Kaffee und Zigaretten wurden über die "grüne Grenze" nach Italien gebracht. Erzählt Kaspar, während er mit seinen Gästen auf die Piazza zusteuert, den Hauptplatz von Poschiavo Borgo mit seinen fast mediterran wirkenden Häusern. Den Fassaden in Gelb, Rosé und Weiß mit Malereien und bunten Fensterläden. In einer Seitenstraße dann scheint man vor einem kleinen Renaissancepalast angekommen zu sein. Im 19. Jahrhundert waren viele Bewohner des Tals emigriert – in europäische Großstädte wie Rom oder Mailand oder St. Petersburg, waren dort als Zuckerbäcker zu Wohlstand gekommen. Und hatten sich zurück in ihrer Heimat stattliche Wohnhäuser bauen oder alte entsprechend herrichten lassen. Kaspar:

"Ein erstes Beispiel ist das hier, das Casa Mateos Lendi, das war eines der ersten Häuser, das in diesem neuen Stil gebaut wurde. Der Architekt heißt Giovanni Sottovia, das war ein Italiener, ein Protestant, der aus Italien geflüchtet war. Der damalige Bürgermeister von Poschiavo Tommaso Lardelli war auch Protestant, er kannte den Architekten und sagte ihm: Komm zu uns nach Poschiavo, denn hierher kommen jetzt Leute mit viel Geld zurück – und wir brauchen Architekten, um zu bauen."

Erker, Stuck, Malereien an den Fassaden – drinnen repräsentative Wohnräume und nach dem damaligen Stand moderne Bäder mit fließend Wasser –, die sogenannten "Zuckerbäckerhäuser" gehören auch zu dem, was Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer das "Unerwartete" im Valposchiavo nannte. Die Verbindung von alten Traditionen und Weltläufigkeit, die man auch bei Claudia Lazzarini und ihrer Tessitura Valposchiavo findet. Die Weberei wurde 1955 gegründet, um die Abwanderung aus dem Tal aufzuhalten und um das Handweben als Teil der lokalen Tradition zu erhalten, sagt Claudia Lazzarini. Heute sei sie eine der letzten ihrer Art in der Schweiz.

Mit dem Designpreis "Prix Jumelles" ausgezeichnet

"Wie heißt das Muster noch mal? - Das ist Rosengang, aber in anderen Farben. - Und wie viel schafft man davon am Tag? - Na, so ungefähr drei Stunden braucht man für einen Meter."

Geschirrtücher, Kissen, Tischdecken - aus Leinen, Baumwolle und Seide werden heute in der Tessitura in aufwendigen Verfahren gewebt. Die Produkte haben ihren Preis, daher versuche man verstärkt mit Hotels oder Wellnessanlagen im Luxussegment zusammenzuarbeiten. Und mit jungen Designerinnen, beispielsweise in Zürich, wie Kaspar Howald ergänzt:

"Wir verkaufen hier nur an Touristen – und die gibt es im Sommer, im Juli, August und dann kaum noch. Deswegen versuchen wir nach Zürich zu gehen, weil dort das ganze Design-Know-how sitzt, das wir hier nicht haben."

So könnte es funktionieren, die alte Tradition im Valposchiavo zu bewahren – und sie gleichzeitig überlebenstauglich für das 21. Jahrhundert zu machen. Erst kürzlich ist eine neue Serie der Tessitura von Badetextilien mit dem begehrten Designpreis "Prix Jumelles" ausgezeichnet worden.

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