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Grenzübergreifendes Naturerlebnis

An der deutsch-polnischen Grenze wird der Naturschutz "harmonisiert": Bereits seit 1992 arbeiten im Landschaftsschutzpark an der Oderaue Naturschützer aus beiden Ländern zusammen. Das von der EU geförderte Projekt lässt Vorurteile und die schwierige gemeinsame Geschichte in den Hintergrund rücken.

Von Lennart Pyritz | 16.05.2013

In den Feuchtwiesen der Oderaue hüpfen Frösche, es zwitschert in den Hangwäldern, ein Storchenpaar klappert mit den Schnäbeln. Der Park ist ein Eldorado für Vögel, darunter Seeadler, Wachtelkönige und die vom Aussterben bedrohten Seggenrohrsänger. Auch Biber und Fischotter fühlen sich hier wohl. Manchmal ziehen sogar Wölfe von der polnischen Seite herüber. Erste Pläne zum grenzüberschreitenden Naturschutz gab es hier bereits Anfang der 1990er-Jahre:

"'92 hat das Projekt dann sozusagen gemündet in eine deutsch-polnische Vereinbarung zur Errichtung, zur Gründung eines Internationalparks Unteres Odertal. Auf der deutschen Seite ist dann '95 der Nationalpark gegründet worden, und auf polnischer Seite 1994, ein Jahr vorher, diese beiden großen Landschaftsschutzparks,"

sagt Dirk Treichel. Der 45-jährige studierte Forstwirtschaftler ist seit knapp acht Jahren Leiter des Nationalparks auf deutscher Seite. In der Vergangenheit gab es schon gemeinsame Rangertagungen, Sprachkurse und Treffen während der Weihnachtsfeiern. Die Aufnahme Polens in die EU und den Schengenraum hat die Kooperation beider Länder zusätzlich vorangetrieben. 2011 wurde schließlich ein Interreg-Projekt bewilligt - ein Regionalprogramm der EU, das den Naturschutz beider Länder "harmonisieren" soll. Dreieinhalb Millionen Euro stehen damit bis 2014 zur Verfügung.

"Wir haben also einen Teil wirklich, der sich beschäftigt mit der Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Dann haben wir einen naturschutzfachlichen Teil, wo man genau sich ansieht, wie werden denn die Tier- und Pflanzenarten erfasst, auf der polnischen und auf der deutschen Seite. Da ist Frappierendes herausgekommen, wo man eigentlich feststellen musste, die Daten kann man gar nicht so vergleichen oder in einen Topf schütten. Und wir haben sehr viel auch im Bereich der Umweltbildung auf den Weg gebracht. Zum Beispiel Informationstafeln für die Besucher. Dreisprachig: Englisch, Deutsch und Polnisch, mit einem einheitlichen Layout. Natürlich mit der Intention, dass der Besucher des Unteren Odertals gar nicht mehr merkt, ist er auf der polnischen oder auf der deutschen Seite."

Draußen vor Treichels Büro ist die Umsetzung der Maßnahmen in vollem Gange: Ein neues Haus entsteht neben der Nationalparkverwaltung: ein Begegnungszentrum für deutsche und polnische Jugendgruppen. Im Zuge des aktuellen Projekts kamen auch polnische Mitarbeiterinnen in die deutsche Parkverwaltung. Eine davon ist Isabella Adamiak:

"Ich hab die Stelle einfach im Internet entdeckt und mich darauf beworben, vor allem, weil der Inhalt interessant war und polnisch und deutsche Zusammenarbeit. Und da kann ich dann meine Muttersprache sozusagen zum Einsatz bringen."

Parkleiter Treichel blickt auch optimistisch in die wirtschaftliche Zukunft des Schutzgebietes:

"Ich denke schon, ein Internationalpark mit diesem Ansatz des Deutsch-Polnischen ist im gesamteuropäischen Wettbewerb eine ganz andere Größe, als wenn man über nationale Schutzgebiete sprechen würde. Naturtourismus ist ein Thema, was extrem boomt."

Die Zuversicht ist auch in der nachkommenden Generation spürbar. Vier junge Polen, Landschaftsarchitekten im zweiten Lehrjahr, machen derzeit ein Praktikum im Nationalpark. Ihnen gefällt die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Etwas Ähnliches könnten sie sich sogar beruflich vorstellen. Die schwierige gemeinsame Geschichte und die Vorurteile sind für sie in den Hintergrund gerückt. Die polnische Sachbearbeiterin Isabella Adamiak übersetzt und fasst die Stimmung zusammen:

"Alles geht Richtung Harmonisierung, dieses Gemeinsame. Die Grenze trennt nicht."

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