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Griechenland"Deutschland wird zum Feindbild gemacht"

Die griechische Regierung habe trotz der Schuldenkrise einen starken Rückhalt in der Bevölkerung, sagte der ehemalige Regierungssprecher Evangelos Antonaros im DLF. Der Schlagabtausch mit Deutschland scheine bei der Mehrheit der Griechen gut anzukommen - ein Ende der Regierung sei daher nicht in Sicht.

Evangelos Antonaros im Gespräch mit Peter Kapern | 11.03.2015

Evangelos Antonaros
Der ehemalige griechische Regierungssprecher Evangelos Antonaros (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
Zu den heroischen Tönen der griechischen Regierung unter Alexis Tsipras gehörten auch die Reparationsforderungen. Deutschland werde zum Feindbild gemacht. Die Mehrheit der griechischen Parteien unterstütze die Forderungen, sagte der Ex-Parlamentsabgeordnete der konservativen Nea Dimokratia im DLF. Auf der anderen Seite gebe es aber auch warnende Stimmen. So habe etwa der frühere Außenminister Evangelos Venizelos zu einem vorsichtigen Vorgehen gemahnt. Das Ex-Regierungsmitglied habe dazu aufgerufen, die Reparationsforderungen von der Diskussion um die Hilfszahlungen abzukoppeln.
Die Troika habe sich in den vergangenen Jahren durch ihr arrogantes Verhalten bei den Griechen unbeliebt gemacht, sagte Antonaros weiter. Die Menschen seien momentan weder dazu in der Lage, ihre Steuern oder Mieten zu bezahlen, noch ihre Kinder zur Schule zu schicken. Es sei nun wichtig, dass es zu einer Verständigung mit den Euroländern komme. "Es muss ein Weg gefunden werden, die Leute vom pro-europäischen Kurs zu überzeugen", sagte der Ex-Regierungssprecher, damit nicht noch mehr europakritische Stimmen die Oberhand gewännen.

Das Interview in voller Länge:
Peter Kapern: Falls Sie in diesem Jahr einen Urlaub in Griechenland planen, vielleicht können Sie die Reisekosten ja wieder reinholen: als Finanzamtsdenunziant im Auftrag von Alexis Tsipras, oder zumindest als Leserreporter der „Bild"-Zeitung. Bei beiden Institutionen können Sie dann ja Wirte, die keine Quittung schreiben, verpfeifen. Weil aber die EU nicht glaubt, dass allein damit der griechische Staatsbankrott abzuwenden ist, muss die griechische Regierung ab heute etwas tun, was sie kürzlich noch kategorisch ausgeschlossen hat. Sie muss den Geldgebern nachweisen, wie groß die Löcher in der Staatskasse sind und was Athen selbst unternimmt, um sie zu stopfen. Anders ausgedrückt: Ab heute redet die griechische Regierung wieder mit der Troika. Am Telefon ist jetzt Evangelos Antonaros, der frühere Regierungssprecher und Parlamentsabgeordnete der konservativen Nea Dimokratia in Athen. Herr Antonaros, guten Morgen!
Evangelos Antonaros: Guten Morgen.
Kapern: Herr Antonaros, wir haben ja in den vergangenen Tagen gehört, dass Alexis Tsipras erwägt, Touristen und einfache Bürger als Steuerkontrolleure einzusetzen, um die Finanznot in Griechenland zu beheben. Das klingt ja schon nach schierer Verzweiflung. Ist der griechische Staatsbankrott Ihrer Meinung nach noch zu vermeiden?
Antonaros: Griechenland befindet sich in einer sehr schwierigen Situation. Das Geld scheint auszugehen. Man weiß nicht ganz genau, wie viel Geld noch in der Kasse, in der Staatskasse ist. Das wird hier auch nicht bekannt gegeben. Man spricht von ein, zwei oder drei Wochen noch, die ausreichen, um Gehälter und so weiter zu bezahlen. Deswegen scheint die Lage sehr dramatisch zu sein. Deswegen auch der Hilferuf der griechischen Regierung an die Partner, sozusagen neue Zahlungen vorzunehmen.
"Ich glaube nicht, dass das Ende dieser Regierung abzusehen ist"
Kapern: Verhält sich die Regierung von Alexis Tsipras so, als hätte sie nur noch zwei oder drei Wochen Zeit, Ihrer Meinung nach?
Antonaros: Nein, das sehe ich nicht so. Aber sie hat noch einen ziemlich starken Rückhalt in der Bevölkerung. Das geht aus aktuellen Meinungsumfragen hervor. Auf der anderen Seite wird die Bevölkerung aufgrund dieser Berichterstattung, die wir erleben, aus dieser dramatisch klingenden Berichterstattung auch in den Fernsehsendungen und so weiter, sehr verunsichert. Aber ich glaube nicht, dass das Ende dieser Regierung abzusehen ist.
Kapern: Warum nicht?
Antonaros: Weil die Politik, die hier gemacht wird, teilweise mit heroischen Tönen betrieben wird, und es gibt auch diesen Schlagabtausch mit dem Partner, mit Deutschland, der ungewohnte Höhepunkte erreicht hat. Deutschland wird zum Prügelknaben und zum Feindbild gemacht, und das muss ich leider befürchten, das ist auch mein Eindruck, das scheint bei der Mehrheit der Bevölkerung gut anzukommen. Die griechische Regierung hat etwa im Parlament das Thema Reparationsforderung wieder aufgegriffen. Das ist ein altes Thema, ein Streitthema zwischen Griechenland und Deutschland. Gestern ist Ministerpräsident Tsipras auch in dieser Sache im Parlament aufgetreten und er hat gesagt, Deutschland habe die moralische Verpflichtung, dieser Forderung nachzukommen. Damals bei der Wiedervereinigung sei Griechenland ausgetrickst worden.
Kapern: Was halten Sie von dieser wiederaufgewärmten Debatte um Reparationsforderungen? Wie viel ist davon Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Antonaros: Das kann ich schlecht beurteilen. Die Mehrheit der Griechen - und das ist auch sehr interessant -, die Mehrheit aller griechischen Parteien scheinen für eine Unterstützung dieser Reparationsforderungen einzutreten. Auf der anderen Seite: Manche Parteichefs, vor allem der Sozialdemokrat Venizelos, der in der letzten Regierung Außenminister war, hat gesagt, man sollte sehr vorsichtig vorgehen und man sollte versuchen, die jetzigen Verhandlungen mit den Partnern über Hilfszahlungen und so weiter und so fort von der Reparationsfrage abzukoppeln. Es gibt also auch manche vernünftige Stimmen, die natürlich vor der Gefahr, wie soll ich sagen, einer sehr schweren Krise in den Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland warnen.
"Es ist wichtig, dass man zu einer Verständigung kommt"
Kapern: Herr Antonaros, eine andere Frage: Bekommen Sie eigentlich Bauch- oder Kopfschmerzen, wenn Sie das Wort Troika hören?
Antonaros: Ich persönlich nicht, obwohl die Troika-Vertreter in den letzten, würde ich sagen, drei Jahren hier sehr arrogant aufgetreten sind und sich auch so verhalten haben, dass sie sich bei den meisten meiner Landsleute unbeliebt gemacht haben. Aber wissen Sie, ich bin der Meinung, auf das Wort an sich kommt es nicht an. Es ist wichtig, dass man zu einer Verständigung kommt, dass man einen Ausweg aus dieser Krise findet. Aber wie gesagt, das Wort Troika ist hier in der griechischen Atmosphäre schwer vorbelastet.
Kapern: Aber, Herr Antonaros, in Brüssel und in vielen anderen Hauptstädten Europas, da wird das Problem eher auf der Athener Seite gesehen, nämlich dass die Regierung in Athen nie die Reformen geliefert hat, die sie versprochen hat, auch nicht die Vorgängerregierung, an der ja Ihre Partei, die Nea Dimokratia, beteiligt war. Liegt dort nicht eher das Problem?
Antonaros: Ja, das stimmt auch. Ich sage auch, das ist meine Kritik an der Regierung, die meine Partei gestellt hat, vor allem in der letzten Phase. In den letzten sechs bis sieben Monaten ist man von diesem Weg deutlich abgegangen, vermutlich mit Blick auf die Wahlen, die mancher kommen sah, und man hat viel versprochen und weniger als das Versprochene eingehalten. Auf der anderen Seite darf man nicht übersehen, dass die Menschen hier in den letzten fünf Jahren aus der Puste geraten sind. Die kommen nicht mehr mit. Die sind nicht in der Lage, ihre Steuerzahlungen zu tätigen, nicht einmal ihre Miete zu bezahlen oder ihre Kinder zur Schule zu schicken und irgendwas zu bezahlen. Es muss auch irgendein Weg gefunden werden, diese Leute von der Richtigkeit dieser Politik, wovon ich überzeugt bin, von dem proeuropäischen Kurs, meine ich, auch zu überzeugen. Sonst gibt es die Gefahr, dass hier europakritische, westkritische Kräfte, wie das auch bei dieser Regierung der Fall ist, es gibt auch rechtsradikale Kräfte, immer stärker die Oberhand gewinnen. Und ich glaube, da hat auch die letzte Regierung nicht alles getan, was Überzeugungsarbeit betrifft, um die Bevölkerung von der Richtigkeit dieser Politik zu überzeugen.
Kapern: Sagt Evangelos Antonaros, der frühere Regierungssprecher und Parlamentsabgeordnete der konservativen Nea Dimokratia in Athen. Herr Antonaros, danke für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag nach Athen!
Antonaros: Ich danke Ihnen auch.
Kapern: Auf Wiederhören!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.