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GriechenlandWas käme nach dem Euro?

Die griechische Regierung will nach wie vor im Euro bleiben und zum Austritt kann das Land auch nicht gezwungen werden - dennoch denken Volkswirte bereits an die Folgen eines Grexits. Was würde konkret passieren, wenn der Euro in Griechenland nicht mehr Zahlungsmittel wäre?

Von Brigitte Scholtes | 29.06.2015

Ein Mann steht mit seinem Kind auf dem Arm vor einem Graffiti in Athen, das eine Euro-Münze zeigt.
Not wäre die wahrscheinliche Folge eines Grexits für die Menschen in Griechenland. (imago / Xinhua)
Griechenland fordert die Europäische Währungsunion heraus. Im Euro bleiben ja - aber nicht zu den Bedingungen der Partner. Für Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen, ist das kaum vorstellbar:
"Früher oder später wird der ganze Zahlungsverkehr in Griechenland zusammenbrechen. Und dann muss sich Griechenland überlegen, wie sie tatsächlich das Land mit Nahrungsmitteln, aber natürlich auch mit Geld versorgen will."
Doch zum Austritt zwingen kann das Land niemand. Aber solche Umstände würden doch bedeuten, dass das Land eine andere Währung oder Schuldscheine, zumindest vorübergehend einführen müsste. Die in Griechenland vorhandenen Euro-Geldscheine würden weiter in Umlauf bleiben, aber die Kapitalverkehrskontrollen müssten dann aufrechterhalten werden, damit nicht noch mehr Geld ins Ausland abfließt. Gleichzeitig müsste die neue Währung, die Drachme wahrscheinlich, im elektronischen Geldverkehr eingesetzt werden. Denn der könnte in Griechenland nicht mehr in Euro abgewickelt werden. Diese Währung aber würde dann wahrscheinlich bald auch als Bargeld genutzt werden. Denn es kämen ja keine neuen Euroscheine mehr in den Wirtschaftskreislauf. Diese Währung würde schnell abwerten, damit also die Einfuhren von außen teurer werden. Not wäre die wahrscheinliche Folge für die Menschen im Land, zumindest vorübergehend. Deshalb hält Gertrud Traud eine andere Lösung für besser: Nämlich Griechenland müsste zwar raus aus dem Euro, aber könne in der EU bleiben und erhielte dazu humanitäre Hilfen - ohne Reformauflagen:
"Das ist alles etwas, was derzeit juristisch noch nicht angedacht ist und eigentlich auch nicht möglich. Aber Verträge sind wandelbar, und insbesondere in der Eurozone hatte man in der Vergangenheit auch keine Hemmungen, neue Wege zu gehen. Und das wäre für mich eine Möglichkeit, Griechenland tatsächlich wieder auf die Beine zu helfen. Denn was man jetzt hat, Eurozone und Griechenland - das passt nicht mehr zueinander."
Die Rolle der EZB
So könnte das Land mit Geldern aus der EU einen Neuanfang beginnen. Eine wichtige Rolle kommt in den nächsten Tagen dabei aber auch der EZB zu. Denn sie hat die Notfallkredite ja nicht gekündigt, aber auch nicht aufgestockt. Und da werde sie solange nichts unternehmen, wie politisch nichts geschehe, meint die Chefvolkswirtin der Helaba:
"Wenn aus Griechenland ein Signal kommt für neue Verhandlungen, dann würde die EZB mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Notfallkredite wieder aufstocken. Sie möchte den Verhandlungsfluss nicht stören, aber sie möchte auch nicht die Einzige sein, die das Ganze noch am Laufen hält."
Außerdem werde die EZB auch genau darauf achten, dass die Finanzmärkte nicht zu sehr in Turbulenzen geraten, vermutet Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank:
"Das hat die EZB relativ klar angedeutet, dass sie dies notfalls tun würde. Sie würde beispielsweise bei erheblichen Turbulenzen am Rentenmarkt in Italien, Spanien und anderen Ländern ihre Ankäufe dieser Staatsanleihen kurzfristig verstärken, um eben größere Marktturbulenzen zu verhindern, um einen Konjunktureinbruch zu verhindern und um damit eine Deflationsgefahr abzuwenden."
Klar ist heute nur eines: Es bleibt eine große Herausforderung, die Griechenlandkrise zu beenden - ob mit oder ohne Euro.