Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 02:07 Uhr Klassik live
StartseiteCorsoRap ist in Deutschland Massenkultur11.01.2014

grim104Rap ist in Deutschland Massenkultur

Moritz Wilken ist in Friesland aufgewachsen, zog später nach Berlin und macht Deutsch-Rap mit seinem Freund Testo oder als Solokünstler unter dem Namen grim104. Wilken über Rap in Deutschland als Massenkultur und basisdemokratische Musikrichtung.

Ein Mikrofon liegt am 28.10.2013 auf einem Podest in einer Ausstellung in München (Bayern). Foto: Inga Kjer/dpa  (picture alliance / dpa)
Rap funktioniert in seiner Urform einfach mit dem Mund, sagt Moritz Wilken. (picture alliance / dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Weiterführende Information

Geburt einer Subkultur aus einer Party (DeutschlandradioKultur, Fazit, 11.08.2013)

Rapszene will "Klima der Angst" nicht mehr (DeutschlandradioKultur, Thema, 5.07.2013)

Moritz Wilken: Ich hatte das letztens, dass ich in einer Mitfahrgelegenheit irgendwo hingefahren bin und so ein 40-jähriger Physiotherapeuten-Typ das Alligatoah-Album komplett durchgehört hat und dann so ganz entschuldigend noch gesagt hat: "Ja, ick hör eigentlich nicht so watt, dit tut mir auch leid." Und ich dann irritiert war, weil ich das halt schon so seit drei, vier, fünf Jahren diese Person kenne, oder diese Musik kenne - dass dieser 40-jährige Physiotherapeut das anmacht, zwar immer noch so diese Entschuldigungsgeste, die halt auch ganz viele noch nach wie vor machen, wenn es um Rap geht; als ob das so eine perverse Leidenschaft wäre, wie so ein Fetisch oder so was, aber eben trotzdem durchgehört und gefeiert hat.

Rap wird zunehmend zu einem Massenthema

Als ich angefangen habe, Rap zu hören, also bis weit in mein Teenagerleben hinein, war es trotzdem immer noch eine ... also, wenn man sich ernster damit beschäftigt hat, hat man sich auch ernster mit irgendeiner eigenen Subkultur beschäftigt und musste sich so Codes und Slang und was auch immer erarbeiten. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt wesentlich leichter geworden ist, sich das anzueignen, weil es einfach in einer viel breiteren Masse stattfindet, was jetzt gar nicht schlecht ist und immer so klingt wie ein wehleidiger Opa, der sagt: "Oh, wir mussten uns das alles noch selber...ich musste noch auf die Jams fahren." Ich empfinde Rap jetzt einfach als sehr,  sehr breites Massenthema.

Friedliche Koexistenz zwischen den Rap-Lagern

Deutsch-Rap war spannend. Also ich finde ja einmal schön, dass es jetzt so eine friedliche Koexistenz zwischen den zwei großen Lagern gibt, also zwischen Gangsta-Rap und diesen anderen Rap, Casper, Alligatoah und Cro und so weiter, die ja jetzt friedlich neben Haftbefehl, SSIO und Bushido existieren können, ohne dass es jetzt immer diese Kämpfe gibt, wer jetzt den cooleren oder wer jetzt die bessere Ideologie verfolgt. Das ist schön, also das ist wie der Hitler-Stalin-Pakt, nur in angenehm irgendwie.

Ich finde es zwar irgendwie schön, diese friedliche Koexistenz, aber ich mag halt auch Reibung irgendwie und fände es halt auch spannend, wenn es wieder kantiger wird. Ich glaube auch einfach, dass das passieren wird. Was auch passieren wird - wenn wir schon die ganze Zeit bei Geschichtsmetaphern sind und davon ausgehen, dass Geschichte zyklisch verläuft - dann wird auch diese Blase wieder platzen, die ja im Moment in das Unermessliche anschwillt. Das wird auch wieder zurückgehen.

Rap in Deutschland künftig Massenkultur?

Was natürlich auch passieren kann, ist, dass Rap in Deutschland den amerikanischen Weg geht und einfach Teil der Massenkultur wird. Also das ist ja eigentlich genau das, was jetzt gerade passiert, dass es eben so eine Massenkultur ist. Und jetzt ist halt die Frage, ob es wieder verschwindet, dann wieder sein Nischendasein fristet bis es wieder das nächste große Ding gibt auf das sich alle einigen können, oder ob es den amerikanischen Weg geht, wo dann ein Barack Obama auch Jay-Z hören kann und wo eine Angela Merkel dann Cro pumpen kann ohne schlechtes Gewissen.

Eine basisdemokratische Musikrichtung

Ich finde ja auch nach wie vor, dass Rap eine der basisdemokratischsten Musikrichtungen ist, weil einfach so schnell jeder mitmachen kann. Das ist sogar der Unterschied zu Punk, wo du ja trotzdem irgendwas Instrumentenartiges brauchst und einen Proberaum, während Rap in seiner Urform ja einfach nur mit einem Mund funktioniert. Diese Experimentierfreude gibt es natürlich, aber dann gibt es eben auf der einen Seite die Goldenen Zitronen, dann gibt es Razzia und Vorkriegsjugend und Slime und auf der anderen Seite wirst du dann aber trotzdem Die Ärzte und Die Toten Hosen haben. Wahrscheinlich wird es dann auch denselben Weg gehen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk