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GrossbritannienMehr als 1400 Kinder und Jugendliche missbraucht

Großbritannien wird erneut von einem Missbrauchsskandal erschüttert. In der Stadt Rotherham wurden über mehr als 15 Jahre hinweg Hunderte von Kindern und Jugendlichen sexuell missbraucht, ohne dass Polizei oder Behörden einschritten.

Von Tobias Armbrüster | 27.08.2014

Das Stadtpanorama von Rotherham.
Die Opfer in Rotherham kamen fast ausnahmslos aus Kinderheimen oder aus sozial schwachen Familien. (picture alliance/dpa/Will Oliver)
Ans Licht gekommen ist dieser Missbrauchsskandal durch eine unabhängige Untersuchung - die sollte eigentlich nur eine Handvoll Fällen noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Aber das Ergebnis ist erschütternd: Mehr als 1400 Kinder wurden über mehr als 15 Jahre hinweg vergewaltigt, entführt, bedroht, eingeschüchtert.
Die Opfer kamen fast ausnahmslos aus Kinderheimen oder aus sozial schwachen Familien und wurden deshalb von Sozialarbeitern betreut. Schwere Vorwürfe werden deshalb vor allem gegen die Behörden in Rotherham erhoben. Im britischen Fernsehen kommt heute eins der Opfer zu Wort, eine junge Frau:
"Ich war damals ein Kind und die Leute bei der Stadt hätten einschreiten sollen - aber niemand hat mir zugehört, wenn ich etwas sagen wollte. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie oft ich sexuell missbraucht wurde, aber es hat mich auf jeden Fall für mein Leben geprägt. Egal was jetzt noch passiert, für mich ist es zu spät."
Sozialarbeiter ignorieren Hinweise aus Angst vor Rassismus Vorwürfen
Bei den Tätern, und es muss um Dutzende von Männern gehen, handelt es sich vor allem um Einwanderer aus Pakistan, die Stadt Rotherham hat eine große pakistanische Gemeinde. Wie genau die Täter vorgegangen sind und warum sie so lange nicht erkannt wurde, das ist eine der großen Fragen in diesem Fall. Klar ist, dass sie ihre Opfer massiv bedroht haben, einige wurden mit Benzin übergossen, andere berichten, dass sie bei Vergewaltigungen zusehen mussten.
Aber der Untersuchungsbericht zeigt auch, dass einige Sozialarbeiter den zahlreichen Hinweisen nicht nachgegangen sind, aus Angst sie könnten hinterher als Rassisten dargestellt werden. Seitdem der Skandal gestern bekannt wurde, ist nur der Chef des Gemeinderates von Rotherham zurückgetreten. Der Labour-Abgeordneten für Rotherham, Sahra Champion, ist das nicht genug:
Landesweite Untersuchung soll weitere Missbrauchsfälle untersuchen
"Ich mache mir da große Sorgen. Offenbar war es doch so, dass vor allem in den oberen Etagen unserer Verwaltung etwas vertuscht wurde. Wir müssen das viel genauer untersuchen. Ich finde es vor allem beunruhigend, dass viele dieser Leute immer noch in einer Position arbeiten, in der sie Kinder eigentlich beschützen sollten."
Der Fall hat inzwischen auch die Londoner Politik erreicht, denn es scheint gut möglich, dass es Missbrauchsfälle dieser Dimension auch in anderen britischen Städten gab und gibt. Das Innenministerium hat deshalb eine landesweite Untersuchung angekündigt.