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Grün, genügsam und giftig

Biologie. - Wenn die Erdölquellen dereinst versiegen, könnten Industrie und Verkehr dennoch weiter laufen - mit Pflanzenöl. Forscher der Universität Hohenheim in Stuttgart sind Experten auf dem Gebiet besonders ertragreicher grüner Ölquellen. Einer ihrer Favoriten ist die Sukkulente Jatropha.

Von Carl Josef Kutzbach | 22.11.2005

    In Ägypten, Indien und Madagaskar erprobt Professor Klaus Becker vom Institut für Tierproduktion in den Tropen und Subtropen eine Pflanze, die für viele Menschen zum Retter in der Not werden könnte:

    "Die Jatropha ist eine Ölpflanze. Sie hat Nüsse, die man sich ungefähr vorstellen muss wie Walnüsse - etwas kleiner, aber die Form stimmt - und wenn die äußere Schale oder die Haut, die grün ist - auch bei der Jatropha - wenn die eine gelbliche Färbung bekommt, kann man sie ernten. Und wenn man diese Schale entfernt, findet man dann drei Nüsse und diese Nüsse enthalten bis über 40 Prozent Öl."

    Der bis zu sechs Meter hohe Busch biegt sich bei Stürmen elastisch bis zur Erde, wächst auf ausgelaugten Böden, die sonst zu nichts taugen, und wird von weidenden Tiere nicht abgefressen, weil er giftig ist:

    "Sie ist sehr giftig und durch diese Giftigkeit kann sie am Standort existieren. Wir bauen sie in unserem Projekt mit DaimlerChrysler, das jetzt seit gut zwei Jahren läuft, in Indien an, im Gujarat, das heißt das so genannte "Ghandi-Land", wo wir Trockenzeiten von über acht Monaten haben und Temperaturen in der Trockenzeit von gegen 40 Grad Celsius."

    Schon nach zwei Jahren, zeigt Professor Becker auf Fotos, ist auf dem ehemals braungrauen, unbrauchbaren Land ein grüner Wald von Büschen gewachsen. Dank der Giftigkeit braucht man nicht mal einen Zaun um Jungpflanzen. Als Leiter des Tropenzentrums der Universität Hohenheim, schätzt Professor Becker die Jatropha auch im Kampf gegen Bodenverluste durch Wind und Wasser:

    "Wir haben den typischen positiven Effekt von Baumpflanzungen, dass zwischen den Baumreihen - wenn es etwa Wasser- und Winderosion gibt - sich wieder wertvolle Partikel ablagern können. In Afrika haben wir gesehen, dass - wenn es sich um Winderosion handelt - bis 0,7 Zentimeter pro Jahr betragen können. Das führt über die Jahre dazu, dass möglicherweise diese degradierten Flächen wieder herangezogen werden können zur Nahrungsmittelproduktion."

    Versuche mit dazwischen gepflanzten Gemüsen sind viel versprechend. Jatropha liefert also Öl, Arbeitsplätze für Anbau und Ernte und schützt den Boden. Und was taugt dieses Öl und der daraus erzeugte Biodiesel? In der Forschungsabteilung von DaimlerChrysler in Stuttgart Untertürkheim ziert eine Jatrophapflanze das Fensterbrett. Der Ingenieur Stephan Keppeler untersucht hier alle Treibstoffe. Auf seinem Tisch stehen zwei Fläschchen, eines mit Jatropha-Öl und eines mit dem daraus erzeugten Diesel:

    "Zunächst mal muss man sagen, dass der Kraftstoff ja noch in der Entwicklung ist. Wir können aber auf Grund der Daten, der Analysen, die wir heute durchgeführt haben, feststellen, dass wir sehr nah mit den Eigenschaften an dem liegen, was wir hier in Deutschland als Rapsöl kennen. Wenn man diesen Kraftstoff anschließend verestert, kann man davon ausgehen, dass dieser Kraftstoff auch vergleichbar ist mit einem europäischen Dieselkraftstoff. Es gibt eine Norm. Diese Norm beschreibt Eigenschaften, die ein Kraftstoff haben muss. Wenn diese Eigenschaften eingehalten werden, dann kann der in modernen Dieselmotoren gefahren werden. Und mit dem Jatropha-Kraftstoff, den wir bisher erzeugt haben, halten wir diese Norm ein - wohlgemerkt mit sehr sehr einfachen Methoden, so wie sie in Indien auch anwendbar sind."

    Biodiesel von Flächen, die sonst nicht landwirtschaftlich genutzt werden können - das schafft selbst für ärmste Länder neue Möglichkeiten. Professor Becker:

    "Wir konnten sehen, dass wir mit Sicherheit - wenn wir eine Pflanze finden, die eine gewisse Kühleresistenz hat - um die zehn bis 20 Millionen Hektar in Madagaskar zur Biodiesel-Produktion verwenden könnten. Flächen, die seit mehreren hundert Jahren degradiert sind. Wir würden überhaupt keine Konkurrenz zu irgendeinem anderen Anbau darstellen und wir wären in der Lage, in ungefähr sieben Jahren die eine Million Tonnen Rohöl, die Madagaskar braucht, im Land selbst zu produzieren und deutlich mehr mit den Möglichkeiten, dann Öl zu exportieren, etwa vor die Haustür nach Südafrika."

    Die größte Sorge ist jetzt, dass die Jatropha so rasch und stark genutzt wird - Investoren planen Hunderttausende von Hektar zu bebauen - dass die Forschung bei Zucht und Schädlingsbekämpfung nicht mit der Entwicklung Schritt halten könnte, denn dafür fehlt ihr Geld.