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Gunnar Cynybulk wechselt zu Ullstein
"Ich bin persönlich beleidigt, wenn Ware liegen bleibt"

Diese Personalie wird von der Literaturbranche genau beobachtet: Gunnar Cynybulk wechselt vom Aufbau Verlag zu Ullstein, wird dort verlegerischer Geschäftsführer. Im Deutschlandfunk verrät Cynybulk, was er am ersten Tag in seinem neuen Büro verändern will.

Von Holger Heimann | 29.09.2017

    Gunnar Cynybulk, aufgenommen anlässlich des 70-jährigen Bestehen des Aufbau-Verlags am 04.08.2015 in Berlin.
    Gunnar Cynybulk, ehemaliger Verlagsleiter Literatur des Aufbau Verlages, (dpa / Jörg Carstensen)
    Gunnar Cynybulk ist ein vielbeschäftigter Mann. Im Moment arbeitet er für zwei Verlage gleichzeitig. Sein Büro beim Aufbau Verlag hat er zwar schon geräumt, trotzdem will er noch einige Projekte zu Ende bringen. Der neue Job als verlegerischer Geschäftsführer beim Ullstein Verlag beginnt am 4. Oktober. Aber Gunnar Cynybulk, der die zum S. Fischer Verlag gewechselte Siv Bublitz ersetzt, beschäftigt sich bereits seit einiger Zeit intensiv mit Ullstein. Seine Gefühlslage im Transitbereich zwischen dem Alten und dem Neuen beschreibt er als komplex und durchaus zwiespältig:
    "Es ist mir nicht leicht gefallen, Aufbau zu verlassen nach 18 Jahren. Ich habe als Praktikant da angefangen, war Lektoratsassistent, Lektor, Programmleiter, und am Schluss war ich Verleger. Wir haben sehr viel aufgebaut. Auch biografisch ist mir der Verlag sehr nah. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man noch einmal etwas Neues gut anfangen kann."
    Vom Mittelstandsverlag zu einem Konzern
    Gunnar Cynybulk ist 44 Jahre alt. Vom Verlagsleiter steigt er zum verlegerischen Geschäftsführer auf. Und er wechselt von einem mittelständischen Verlag zu einem Konzernunternehmen. Der Ullstein Verlag, der zur schwedischen Bonnier-Gruppe gehört, erwirtschaftet mit 43 Millionen Euro mehr als dreimal so viel Umsatz wie der deutlich kleinere Aufbau Verlag. Ullstein beschäftigt dreimal so viele Mitarbeiter und bringt doppelt so viele Bücher heraus. 14 verschiedene Labels gehören zu dem Unternehmen, darunter Traditionsmarken wie Econ, List und Propyläen. Allein die schiere Größe bringt einige Vorteile mit sich, glaubt Cynybulk.
    "Was mich an Ullstein überzeugt hat, ist natürlich die Vertriebsstärke, die Taschenbuchstärke, die Stärke auf allen Feldern der Verwertung: Rechte und Lizenzen, digital. Ein Haus dieser Größe und mit diesem Hintergrund hat einfach mehr Ressourcen, als ein unabhängiger mittlerer Verlag hat - das ist sehr charmant und extrem ehrenwert. Aber es ist auch schön, mehr Autoren kräftiger durchsetzen zu können. Ich glaube, dass mir das bei Ullstein möglich sein wird."
    Aber Größe allein garantiert natürlich längst nicht den Erfolg. Zwar lassen sich Bücher mit mehr finanzieller Schubkraft auch besser durchsetzen. Aber entscheidend ist die Qualität des Programms. Der Ullstein Verlag gilt mit Autoren wie John Le Carré und Nele Neuhaus als Spezialist für Unterhaltung. Und auch mit Sachbüchern macht er immer wieder von sich reden. 2014 kam der Überraschungs-Mega-Bestseller "Darm mit Charme" heraus. Das Buch, das bereits über eine Million Mal verkauft wurde, steht immer noch auf der Bestsellerliste. Das Problem ist die Literatur. Auf dem Feld, das für jedes ambitionierte Haus Aushängeschild sein soll, kommt der Verlag einfach nicht voran. Genau das soll und will Gunnar Cynybulk ändern.
    "Ich bin darauf gespannt, mit einem wirklich durchsetzungskräftigen Werkzeug auch Literatur zu offerieren, an den Markt zu bringen. Da gibt es wahrscheinlich auch Bedarf bei Ullstein. Seit vielen Jahren, eigentlich seit Gründung des Verlages gibt es immer einen etwas linkischen Tanz zwischen der Unterhaltung und der Literatur. Die Mitarbeiter bei Ullstein möchten stärker in der Belletristik, der Literatur sein. Und das reizt mich einfach, mit einem starken Vertrieb, mit der Mitarbeiterstärke zu den führenden literarischen Häusern zu gehören in Deutschland. Das kann man erreichen mit einem Verlag dieser Beschaffenheit."
    Erfolgreiche Bilanz bei Aufbau
    Die Aufbau-Verlagsgruppe ist unstrittig unter Gunnar Cynybulks Führung auf literarischem Feld erfolgreicher und sichtbarer geworden - dafür stehen Bücher wie die leidenschaftliche Selbstbefragung "Sieben Nächte" von Simon Strauß oder die kraftvolle Milieustudie "Hool" von Philipp Winkler. Doch die anspruchsvolle Literatur zu hegen und zu pflegen gehörte immer zum Selbstverständnis des Hauses. Nicht umsonst galt der 1945 gegründete Verlag als Suhrkamp des Ostens. Die Ullstein-Tradition ist eine andere. Die Unterhaltungsautorin Vicki Baum war für den Verlag, in dem 1903 die ersten Bücher erschienen, prägender als Schriftsteller wie Brecht oder Feuchtwanger. So ist es geblieben. Es wird daher nicht leicht sein, literarisch ambitionierte Autoren davon zu überzeugen, dass sie bei Ullstein besser aufgehoben sind als bei ausgewiesenen Literaturverlagen wie Hanser, Fischer oder Suhrkamp. Doch der Glaube an das Gelingen gehört gewissermaßen zu den Grundvoraussetzungen des Verlegerjobs. Und so ist Gunnar Cynybulk wie selbstverständlich Optimist.
    "Es ist doch toll, etwas Kompliziertes anzupacken. Ich weiß nicht, ob es mir gelingt. Ich kann nur nach meinen Prinzipien und nach meinen Überzeugungen arbeiten, wie ich es in den letzten Jahren getan habe. Ich bin sehr an der deutschsprachigen Literatur interessiert. Ich bin daran interessiert, die Klassiker von morgen zu finden und einfach sehr streng auszuwählen. Das Wichtigste an einem literarischen Text ist immer die Sprache, es ist nicht das Sujet. Im Übrigen interessiert es mich auch, sehr, sehr erfolgreich in der Unterhaltung zu sein. Ich stamme von Marktfrauen ab und bin persönlich beleidigt, wenn die Ware liegen bleibt. Ich möchte, dass die Dinge unters Volk kommen. Meine Großtante hat Kurzwaren verkauft, und ich habe sie oft begleitet als Junge. Ich habe in Potsdam und Berlin Füßlinge verkauft."
    Erst mal Bilder aufhängen
    Am kommenden Mittwoch geht es los für Gunnar Cynybulk. Er fährt dann nicht mehr zum Moritzplatz nach Kreuzberg. Das repräsentative Ullstein Verlagsgebäude, ein ehemaliges Gymnasium, steht in der Friedrichsstraße, in Mitte. Zum Antrittsbesuch war der Neue schon da. In seiner ersten Rede hat er klargemacht, dass er keinen Masterplan mitbringt, sondern erst einmal den Verlag kennenlernen will. Am schnellsten wird sich wohl das Chefbüro im oberen Stockwerk mit Blick zur Charité wandeln, das der neue verlegerische Geschäftsführer bezieht. Für die Neugestaltung des Raumes hat er jedenfalls schon einen Plan.
    "Ich glaube, den ersten Tag werde ich damit verbringen, Bilder aufzuhängen, Bücher einzuräumen und in Sitzungen zu gehen. Dieses Büro ist fürchterlich groß, dieses Verlegerbüro, und da hallt es so arg, das muss gefüllt werden."
    Alle anderen Veränderungen werden mehr Zeit in Anspruch nehmen. Verständlicherweise hält sich Gunnar Cynybulk mit detaillierten Vorhersagen zurück. Doch selbstbewusst kündigt er trotzdem an, dass bereits im kommenden Jahr eine neue Handschrift kenntlich werden soll. Die Erfahrungen, die der Verleger bei Aufbau gemacht hat, will er, wie er sagt, "auf ein größeres Zahnrad bringen". Eines wird sich für den Mann, der vor drei Jahren selbst sein Romandebüt vorgelegt hat, nicht ändern:
    "Bei Aufbau habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir sehr wenig Zeit fürs Schreiben blieb. Schreiben ist ja keine Stilfrage, sondern eine Lebensfrage, eine Existenzfrage. Also, wie man lebt, Lebensführung. So eine Verlegerarbeit verträgt sich nicht gut mit dem eigenen Schreiben. Das habe ich erkennen müssen. Also man rennt die ganze Zeit, aber zum Schreiben muss man spazieren gehen."
    Erfolgreichen Verlegern wird häufig ein langer Atem nachgesagt. Ihnen geht es weniger um einzelne Bücher, sondern darum, Autoren über große Zeiträume zu begleiten. Sie sind mithin eher Marathonläufer als Sprinter. Gunnar Cynybulk wird sich wohl auf beiden Strecken verausgaben müssen.