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Gute Lehre, schlechte Lehre

Lehrveranstaltungen, die aus Freude und nicht aus quälendem Pflichtbewusstsein besucht werden, sind immer noch zu selten. Eine Ausnahme gibt es an der niedersächsischen Universität Oldenburg. Dort erhielt in diesem Jahr eine Lehrkraft den "Preis der Lehre", weil sie ihren Studenten den Lernstoff besonders lebendig vermittelt: Ann-Kathrin Schultz lehrt Allgemeine Sonderpädagogik, und in ihrer Freizeit spielt sie Improvisationstheater.

Von Andre Zantow |
    Applaus erhält Ann-Kathrin Schultz nach einem Seminar nicht. Dafür aber viel Zuspruch von ihren Studenten.

    " Ich besuche die Veranstaltung gerne. Das macht Spaß, weil sie macht das gut mit Schaubildern an der Tafel und viel Gruppenarbeit und wir haben dann auch zum Schluss der Veranstaltung noch Vorträge gemacht, und das finde ich gut. "

    Ann-Kathrin Schultz ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Allgemeine Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg. 50 bis 70 Studenten besuchen ihre Seminare. Aber Angst oder Unsicherheit hat die junge Dozentin noch nie empfunden. Das liegt an ihrem Hobby: Dem Improvisationstheater.

    " Natürlich schult diese ganze Theatersache darin, dass man es gewohnt ist vor Leuten zu sprechen, dass man vielleicht seinen Sprachmodus einigermaßen unter Kontrolle hat und versucht ein bisschen abwechslungsreich die Dinge vorzutragen. Aber ansonsten ist es für den Vortrag gar nicht so relevant, sondern eher im Umgang mit den Seminarteilnehmern, im Umgang mit Fragen und Bemerkungen die so rein geworfen werden und wie man schnell reagiert auf Dinge, die vielleicht so nicht vorhersehbar waren. "

    Die Studenten sollen sich in den Seminaren von Ann-Kathrin Schultz aktiv einbringen. Die junge Dozentin bezeichnet das als: "Geben und Nehmen". Dialog statt Monolog - das kommt auch bei Studentin Vera Funke gut an:

    " Sie gestaltet das Seminar schon von Anfang an mit den Studenten. Bespricht die Themen, legt das offen, wenn man irgendwelche Wünsche hat, kann man das mit einbringen. Und dann hat sie nicht so einen klassischen Lehrstil, von vorne wird geredet und wir schreiben mit. Das ist wirklich ein richtiges Seminar. Das heißt Sie gibt Inputs und dann passiert ganz viel bei den Studenten. Also dass wir uns selbst Themen erarbeiten, dass Referate verteilt werden und aber auch ganz viel, dass auch praktisch erprobt wird. Sobald das halt geht. "

    Gruppenarbeit, Referate, ein hoher Praxisanteil, eigentlich nichts wirklich Neues. Trotzdem längst kein Alltag an deutschen Hochschulen. Dabei lohnt es sich mehr Zeit in die Unterrichtsgestaltung zu investieren.

    " Ich glaube einfach je mehr Sinne quasi einbezogen werden, desto mehr bleibt auch hängen. Also es ist ein Unterschied, ob ich irgendwas nur erzähle oder, ob ich mir die Mühe mache noch eine Folie, ob Powerpoint oder Overhead oder was weiß ich, zu machen. Oder, ob man tatsächlich noch einen Arbeitsauftrag zu einer Fragestellung formuliert, der die Studierenden dazu bringt miteinander ins Gespräch zu kommen oder ein bestimmtes Ergebnis zu erarbeiten. Insofern denke ich schon, dass das auch einen größeren Lernerfolg hat. "

    Informationen, die über mehrere Sinne vermittelt werden bleiben länger im Gedächtnis. Das zeigen Ergebnisse der Hirn- und Lernforschung. Prof. Dr. Eckard Altenmüller vom Zentrum für systematische Neurowissenschaften Hannover plädiert außerdem für einen lebendigen Vortragsstil.

    " Bei den Studierenden gibt es ein so genanntes Spiegel-Neuro-Netzwerk. Wenn der Vortragende, in dem Fall der Dozent, seine Freude über den Stoff und seine Begeisterung echt vermitteln kann. Dann wird er auch bei den Studenten viel eher diese Begeisterung erzeugen können. Es gibt gewissermaßen eine Art Spiegel- und Empathie-System zwischen Lehrenden und Studierenden. "

    Dann gibt es mit Sicherheit im Hörsaal auch keine einschlafenden Studenten mehr. Ann-Kathrin Schultz vermittelt ihren Studenten echte Begeisterung für ihr Fach. Gleichzeitig achtet sie auf eine abwechslungsreiche Präsentation. Sie liest nie vom Blatt ab, spricht immer frei und nie länger als 20 Minuten am Stück. So schafft es die junge Dozentin ständig Augenkontakt zu ihrem Publikum zu halten.

    Außerdem kennt sie spätestens nach zwei Semestern die Namen ihrer Seminarteilnehmer. All das hilft ihr individuell auf die Studenten zu reagieren. Und genau diese Fähigkeit sollten sich laut Professor Dr. Altenmüller alle Dozenten aneignen.

    " Man ist im Grunde genommen wenn man eine Vorlesung hält ganz ähnlich mit einem Musiker oder einem Künstler verwandt. Die Künstler machen eine Performance und ein guter Künstler, der weiß ganz genau, wie das, was er gerade macht bei dem Publikum ankommt. Der hat eine Möglichkeit das Publikum an sich zu binden. Und so ähnlich ist es im Grunde genommen. Diese feine Wahrnehmung zu kultivieren ist eine wichtige Voraussetzung um eine gute Lehre zu machen. "