
Ob aus Angst, Scham oder mangelndem Vertrauen in die Sicherheitsbehörden: Nur die wenigsten Betroffenen von Gewalt in Beziehungen gehen zur Polizei. Eine neue Studie von Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesregierung bringt Licht ins Dunkel.
Die Dunkelfeldstudie und ihre Ergebnisse
Häusliche Gewalt, sei es in (Ex-)Partnerschaften oder innerhalb der Familie, ist in Deutschland kein Randphänomen. Bereits die Ende 2025 veröffentlichte Kriminalstatistik des BKA zeichnete ein alarmierendes Bild – und zeigte dennoch nur die Spitze des Eisbergs. Denn erfasst werden darin lediglich Straftaten, die der Polizei bekannt sind.
Um das tatsächliche Ausmaß der Gewalt in Deutschland zu erfassen, ließen BKA, Innen- und Familienministerium für die sogenannte Dunkelfeldstudie bundesweit 15.000 Menschen zwischen 16 und 85 Jahren anonym zu ihren Gewalterfahrungen befragen. Das Ergebnis: Gerade einmal zehn Prozent der Betroffenen gehen zur Polizei und erstatten Anzeige. Bei Gewalt in Partnerschaften liegt die Quote sogar unter fünf Prozent – das heißt: 19 von 20 Fällen bleiben verborgen.
Dabei kommt es gerade in Beziehungen besonders häufig zu Übergriffen. Laut der Studie hat jede sechste Person körperliche Gewalt in der aktuellen oder früheren Partnerschaft erlebt. Noch weiter verbreitet ist psychische Gewalt: Rund 45 Prozent der Befragten – also fast jede und jeder Zweite – berichtete davon.
Geschlechterspezifische Gewalt
Mit der Erhebung soll eine Verpflichtung aus der sogenannten Istanbul-Konvention erfüllt werden, einem Übereinkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Allerdings nimmt die Dunkelfeldstudie auch andere Betroffene in den Blick. So wurden erstmals auch Männer repräsentativ als Opfer erfasst.
Demnach waren Männer in den vergangenen fünf Jahren zwar annähernd gleich häufig von psychischer und körperlicher Gewalt in Partnerschaften betroffen wie Frauen. Der Unterschied liegt jedoch in der Intensität. Laut BKA-Präsident Holger Münch ist Gewalt gegen Frauen brutaler. Sie erlitten schwerere Verletzungen und schätzten die Lebensgefahr als höher ein.
Frauen werden laut der Studie zudem häufiger Opfer sexualisierter Gewalt. Rund 36 Prozent der Frauen (Männer: 16 Prozent) waren in den vergangenen fünf Jahren von sexueller Belästigung betroffen, vier Prozent von sexuellen Übergriffen (Männer: 1,4 Prozent). Dabei werden Frauen überwiegend von Männern angegriffen, während Männer sexualisierte Gewalt oft durch Männer erleben.
Jung, migrantisch, queer
Neben dem Geschlecht spielen weitere Faktoren eine Rolle, wenn es um die Häufigkeit von Gewalterfahrungen geht: Besonders betroffen sind Jüngere, unter anderem durch sexuelle Belästigung, digitale Gewalt und K.-o.-Tropfen, sowie Menschen mit Migrationshintergrund, darunter Frauen häufiger als Männer.
Das wiederum hängt laut BKA-Präsident Münch mit der Altersstruktur zusammen. Frauen mit Migrationshintergrund seien im Schnitt deutlich jünger, und Jüngere generell häufiger betroffen. Dasselbe gelte auch für Angehörige der queeren Community. Die Hälfte der Befragten berichtete zudem von körperlicher Gewalt durch Erziehungsberechtigte, ein Drittel von psychischer.
Warum gehen kaum Betroffene zur Polizei?
Dass sich Opfer von Gewalt nur selten an die Polizei wenden, hat laut Fachleuten wie der Rechtsanwältin Christina Clemm viele Gründe. Dazu gehören etwa Angst vor Racheakten und weiterer - zum Beispiel finanzieller - Gewalt, Scham und mangelndes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Familienministerin Karin Prien (CDU) betont: „Dieses Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe.“
Dabei macht Rechtsanwältin Clemm auch staatliche Institutionen mitverantwortlich für die geringe Anzeigenbereitschaft von vor allem Frauen bei Gewalt in (Ex-)Beziehungen und sexuellen Übergriffen. Das Misstrauen vieler Betroffener gegenüber den Behörden hält die Juristin für „durchaus berechtigt“. Denn kommt es zu einer Anzeige, werde oft an der Glaubwürdigkeit der Opfer gezweifelt und die überwiegende Mehrheit der Verfahren eingestellt.
Um die klaffende Lücke zwischen Hell- und Dunkelziffer zu schließen, fordert Clemm besser ausgestattete und ausgebildete Strafverfolgungsbehörden sowie mehr Schutz für die Opfer. Auch der frühere Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit, Roland Hertel, sieht Polizei und Justiz in der Pflicht, damit sich Opfer von Gewalt ernst genommen fühlen und die Taten zur Anzeige bringen. Medien müssten zudem auf bestehende Hilfsangebote hinweisen.
Für Betroffene von häuslicher Gewalt gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Sie reichen von Informationsangeboten im Internet über Beratungsstellen bis hin zu Einrichtungen wie Frauenhäusern. Das Bundesjustizministerium gibt einen Überblick zu entsprechenden Angeboten und der rechtlichen Situation.
Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet vertraulich, kostenfrei und jederzeit unter der Nummer 116 016 oder per Onlineberatung Hilfe und Unterstützung – in Deutsch und 18 weiteren Sprachen.
Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet vertraulich, kostenfrei und jederzeit unter der Nummer 116 016 oder per Onlineberatung Hilfe und Unterstützung – in Deutsch und 18 weiteren Sprachen.
Wie lässt sich häusliche Gewalt verhindern?
Gewalt muss jedoch nicht nur besser geahndet, sondern vor allem verhindert werden. Nach Einschätzung von Rechtsanwältin Clemm wird sich die „riesige Gewaltbelastung“ in der Gesellschaft nicht allein über die Strafjustiz lösen lassen. Sie fordert ein Gesamtkonzept zum Schutz der Betroffenen, bessere Beratungsstellen und vor allem: Prävention.
Auch der Sozialarbeiter Hertel ruft die Politik zum Handeln auf. Es gebe zu wenig Angebote für Opfer wie Täter. Konkret wirbt Hertel für eine bessere Umsetzung des Opferschutzes und der Frauenhauskoordinierung sowie für mehr Täterarbeit. Bereits in Kindergärten und Schulen müsse es entsprechende präventive Angebote geben.
Das fordert auch die Soziologin Barbara Kavemann, die seit Jahren zu geschlechterspezifischer Gewalt forscht. Vor allem Kinder in Familien, in denen Gewalt ausgeübt wird, bräuchten Unterstützung. Zudem müssten Trennungen der Eltern unter „sicheren Bedingungen“ stattfinden können. Viele Frauen blieben aus Angst vor Gewalt und Armut bei gewalttätigen Partnern, so Kavemann. „Wenn das besser abgefedert ist, können auch Entscheidungen in der Beziehung selbstbewusster getroffen werden.“
Roland Hertel plädiert im Kampf gegen häusliche Gewalt zudem für eine bessere Vernetzung zwischen Polizei, Gerichten, Jugendämtern und freien Trägern sowie für mehr Sensibilisierung für das Thema häusliche Gewalt. „Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen und schulen über Gewaltdynamik in Paarbeziehungen.“
Wie entsteht Gewalt in Beziehungen?
Aus Sicht der Soziologin Kavemann sind die Ursachen von Gewalt in Beziehungen gesellschaftlich begründet. Sie verweist auf strukturelle, ökonomische und emotionale Abhängigkeiten in Partnerschaften. „Daraus können Muster resultieren von Kontrolle und Dominanz.“ Vor allem Männer entwickelten ein solches „Dominanzstreben“. Das hohe Maß an sexueller Gewalt deutet sie als Hinweis auf einen „Verfügungsanspruch“, den viele Männer über „ihre“ Frauen und deren Körper hätten.
Kavemann fordert, Gewalt in Beziehungen als gesellschaftliche Herausforderung zu begreifen. Es brauche eine öffentliche Reaktion, die deutlich mache: „Auch die Gewalt im privaten Raum ist unrecht.“
Welche Maßnahmen kündigt die Regierung an?
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte angesichts der Ergebnisse der Dunkelfeldstudie Maßnahmen im Kampf gegen körperliche, psychische und sexuelle Gewalt an: „Es geht um mehr Schutz für die Opfer und härtere Strafen für die Täter.“ So soll eine „Tarn-App“ weiterentwickelt werden, die es Opfern ermöglicht, Gewalttaten verdeckt zu dokumentieren. Zudem sei bereits ein Gesetz auf dem Weg, das den Einsatz von K.-o.-Tropfen härter bestrafe. Die Bundesregierung wolle außerdem elektronische Fußfesseln für Täter erlauben.
Auch BKA-Präsident Münch betonte, die Studie trage „zu einer gezielten Weiterentwicklung von Schutz- und Hilfsangeboten“ bei. Gleichzeitig gelte es, dafür zu sorgen, dass mehr Betroffene den Mut finden, Gewalt anzuzeigen, um Unterstützung zu erhalten. Sozialarbeiter Hertel warnt indes vor Aktionismus und hofft, dass die Stimmen aus der Praxis nun tatsächlich in der Politik Gehör finden. Gesetzesverschärfungen allein reichten nicht. Hertel wirbt dafür, Opfer und Täter in ihren Krisen abzuholen. Fachleute hätten seit Jahren auf die hohe Dunkelziffer hingewiesen. Es sei an der Zeit, das „gewaltbelastete System“ anzupacken.

















