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Hamburger Pilotprojekt
Geflüchtete als Unternehmer

Ein bundesweit einzigartiges Projekt startet Ende Oktober in Hamburg: Der "leetHub St. Pauli" will Geflüchtete im Rahmen eines sechsmonatigen Programms fit für den deutschen Arbeitsmarkt machen. Das Ziel: die Qualifikation für eine Unternehmensgründung bzw. eine freiberufliche Tätigkeit.

Von Maike Strietholt | 24.10.2016

    Die Skyline von Hamburg, vorn die Jacobi-Kirche
    In Hamburg gibt ein Pilotprojekt Geflüchteten Tipps für die Unternehmensgründung. (dpa / picture alliance / Maja Hitij)
    Die Stimmung ist gelöst an diesem Morgen im "leetHub St. Pauli". Drei Männer zwischen Ende 20 und Anfang 40, allesamt aus Syrien stammend, haben um den großen Tisch im Besprechungsraum Platz genommen. Vereinsmitbegründer Sven Mangels reicht eine Kaffeekanne herum.
    "Ja – herzlich willkommen! Ich freue mich, dass ihr den Weg zu uns gefunden habt. Ich hoffe, es war nicht so schwer. Und wir würden dann gern gleich ein bisschen über eure Geschäftsideen erfahren!"
    Eine solche Idee war Bewerbungsvoraussetzung – neben einer Aufenthaltserlaubnis und Deutschkenntnissen des Levels B1. Kein Problem für Amer, der seit eineinhalb Jahren in Deutschland ist und mit der Projektvorstellung beginnt:
    "Ich habe einen Master-Abschluss in Financial Markets, aber hier in Deutschland meine Idee ist ein Restaurant mit syrisch-veganem Essen! Wir sind eine kleine Gruppe. Ich kenne viele Sachen über die deutschen Regeln nicht."
    Existenzgründungsberater Roland Becker, der das Projekt fachlich begleitet, hat konzentriert zugehört – mit einem Stirnrunzeln. Er hakt nach:
    "Dass wir innerhalb von vier Monaten für ein Restaurant die Planung fertig machen und einen Kredit bekommen, halte ich für völlig unrealistisch. Was genau planst du mit deinem Team und wie können wir das hinkriegen ohne großes Investieren?"
    "Das Restaurant ist ein Long-term-Plan. Und jetzt wir können ein Catering-Business machen."
    Auch Amer hat sich über das heikle Thema Startkapital offensichtlich schon Gedanken gemacht, und Roland Becker nickt nun zustimmend – das klingt doch realistischer!
    "Das ist auch eine Sache, wobei wir helfen wollen – in deinem Fall, dass wir gucken, wo wir dir eine Küche organisieren, dass du mit deinem Projekt starten kannst, ohne groß investieren zu müssen."
    Yasser, der sich als nächster vorstellt, ist hingegen bereits gestartet: Der gelernte Filmemacher hat Gelder von zwei Stiftungen bekommen, um einen Dokumentarfilm über Geflüchtete zu drehen. Und der Anschlussplan steht auch schon.
    "Ich benutze das Geld, um mir Equipment zu kaufen, Freelancer-Arbeit. Ich hatte in Syrien eine kleine Firma, Filmproduktion."
    Und am liebsten würde Yasser es natürlich auch in Deutschland wieder soweit bringen.
    Bis er, Amer und Assam – der dritte Bewerber des heutigen Tages, der sich als Journalist selbstständig machen möchte – überhaupt ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften können, wird einiges an Vorbereitung nötig sein. Roland Becker:
    "Die Bausteine dieses Programms sind im Grunde sehr dicht an dem, wie Gründungsberatung normalerweise funktioniert. Was bedeutet es, selbstständig zu sein – dieses 'selbst' und 'ständig' – habe ich die Motivation und kann ich am Ende davon leben? Wir können das mit den Leuten durchplanen und durchrechnen. Es gibt Kleingruppen-Seminare, es gibt Einzelberatung."
    Lernen, worauf es ankommt
    Und es gibt die Räumlichkeiten des "leetHub St. Pauli", der Arbeitsort der maximal zwölf Teilnehmenden für 20 Wochenstunden innerhalb der kommenden sechs Monate – eigener Arbeitsplatz mit Laptop inklusive. Auch die Vereinsgründer sind hier Ansprechpartner mit Selbstständigkeitserfahrung: Sven Mangels betrieb zuvor ein soziales Reiseunternehmen, seine Kollegin Julia von Weymarn hat eine Unternehmensberatung gegründet:
    "Da kommen wir einfach aus der eigenen Erfahrung, dass eine Menge mehr dazu gehört als nur gut Betriebswirtschaft gelernt zu haben, um ein guter Unternehmer zu sein."
    Kontakte sind das A und O
    Zum Beispiel gehört es dazu, Kontakte zu haben: Die Räume und Gehälter finanziert eine befreundete Werbeagentur aus dem Obergeschoss – allerdings nur für das Startjahr des Vereins. Gründungsberater Roland Becker sieht aber gute Chancen, dass das Programm auch danach bestehen bleibt:
    "Wir hoffen, dass wir, indem wir an ganz viele verschiedene Netzwerke gehen, auch in Hamburg klarmachen, dass Existenzgründung für Geflüchtete eine gute Alternative ist! Wir haben eine Zielgruppe, die viel dichter an dem Thema dran ist als viele Deutsche. Und wir haben gute und spannende Leute und gute und spannende Ideen."
    Bisher keine Frauen als Existenzgründer im Projekt
    Julia von Weymarn, die gemeinsam mit Sven Mangels den Verein gegründet hat, bedauert lediglich, dass es bislang nicht gelungen ist, auch Frauen für das Programm zu begeistern:
    "Wir haben nur Männerbewerbungen! Ich glaube, dass das in den Ländern auch nicht so üblich ist, dass sich Frauen selbstständig machen. Da müssen wir noch mal nach den Kanälen suchen, wie die von uns erfahren und das Gefühl haben können, dass sie hier Unterstützung bekommen für ihre eigene Idee."