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Handball-Bundesliga"Wir müssen unsere Hausaufgaben machen"

Seit 2017 gibt es in der Handball-Bundesliga einen TV-Vertrag mit dem Bezahlsender Sky und ARD/ZDF. Die mediale Reichweite der Clubs ist massiv gestiegen. Doch es gelte weitere Missstände zu beheben, sagte der Geschäftsführer des Bundesligisten HSG Wetzlar Björn Seipp im Dlf.

Björn Seipp im Gespräch mit Marina Schweizer | 26.08.2018

Olle Forsell Schefvert und Mads Mensah Larsen Joao Ferraz beim beim Sprungwurf, Action, Aktion, Handball, DKB Bundesliga, Rhein-Neckar Löwen - HSG Wetzlar
Durch den TV-Vertrag der Handball-Bundesliga mit Sky und ARD/ZDF haben alle Vereine an Reichweite gewonnen (imago sportfotodienst)
Marina Schweizer: Herr Seipp, erwarten Sie denn Überraschungen für diese Saison?
Björn Seipp: Das ist natürlich immer sehr schwer zu prognostizieren, gerade wenn eine Saison gerade erst den ersten Spieltag absolviert hat. Ich denke schon, dass es Überraschungen geben wird, die sich dann aber wahrscheinlich eher im Tabellenmittelfeld abspielen werden, weil die großen Clubs wie Kiel, die Rhein-Neckar Löwen, Flensburg oder sicherlich auch Berlin werden ganz klar die Meisterschaft unter sich ausmachen. Nichtsdestotrotz kann es sicherlich den einen oder anderen Club geben, der überrascht, aber das wird sich dann sicherlich erst mal in der Saison widerspiegeln müssen und ich bin auch sehr gespannt, weil einen Ausreißer nach oben und wahrscheinlich einen nach unten wird es immer geben.
Schweizer: Ich höre dann auch durch: Sie sehen eine Dominanz, die zementiert scheint oben. Mit welchem Vorhaben geht ein Club wie die HSG Wetzlar in diese Saison? Ein Club, der ja seit Jahren im Tabellenmittelfeld platziert ist.
"Monetäre Möglichkeiten am Ende ausschlaggebend"
Seipp: Ja, zum einen ist natürlich klar: Es ist Spitzensport. Im Spitzensport sind natürlich auch immer die monetären Möglichkeiten am Ende des Tages ausschlaggebend. Wenn man die Etat-Tabelle neben die letztlich sportliche Tabelle legt, dann findet man da doch auch sehr sehr viele Stimmigkeiten. Für uns geht es als Allererstes mal darum, dass wir frühzeitig die Klasse halten. Wir haben einen verhältnismäßig großen Umbruch in diesem Sommer wieder gehabt. Uns haben ganz wichtige Spieler wie Jannik Kohlbacher oder auch Benjamin Burić verlassen. Dafür haben wir junge, talentierte, zum Teil auch No-Names für die Bundesliga verpflichtet und das braucht seine Zeit. Da haben wir eine Verantwortung natürlich für die Stadt, für die Region, dass wir weiterhin Erstliga-Handball garantieren. Und das ist ein gutes und realistisches Ziel, erst mal frühzeitig die Klasse zu halten und sich im Nachgang dann, wenn das Thema letztlich erledigt ist, neue Ziele zu setzen.
Schweizer: Jetzt sprechen sie schon über die monetären Fallstricke. Seit der vergangenen Saison gibt es ja mehr Präsenz für den Handball im Fernsehen. Ein neuer Fernseh-Vertrag mit Sky und ARD/ZDF macht's möglich. Merken Sie das auch als Verein aus dem Mittelfeld? Merken Sie einen Effekt?
TV-Vertag: Quantensprung für den Handball
Seipp: Allem voran ist dieser neue Fernsehvertrag für den Handball ein Quantensprung. Das muss ich ganz klar sagen, also wir erreichen neue Zielgruppen. Wir erreichen mehr Menschen. Wir erreichen auch mehr Menschen flächendeckend als HSG Wetzlar und dementsprechend hat sich das natürlich auf jeden Fall in der Hinsicht schon bezahlt gemacht. Ich glaube, an sich ist es so für den Handball sehr sehr schwierig, weil, und ich glaube, das kann jeder meiner Kollegen aus der Handball-Bundesliga bestätigen, wir sind doch noch sehr regional aufgestellt. Das heißt, auch die großen Clubs haben einen Großteil ihrer Einnahmen aus dem unmittelbaren Umfeld, wenn man sich das mal auf den jeweiligen Homepages und den Sponsoren-Boards anschaut, dann sieht man doch, dass wir da alle noch sehr regional sind, und ich hoffe einfach, dass man letztlich jetzt auch durch diese Reichweiten, die neu erzielt werden, auch größere Sponsoren, bundesweite Sponsoren generieren kann. Aber dafür müssen wir auch erst mal unsere Hausaufgaben machen, der Handball an sich, um auch eventuell für mögliche Big Player interessant zu sein.
Schweizer: Was meinen Sie genau? Welche Hausaufgaben?
Transparentere Spielplangestaltung
Seipp: Ja, ich glaube einfach, dass wir einfach transparenter sein müssen, wenn es um Spielplangestaltung geht, wenn es um internationale Wettbewerbe geht. Da sind letztlich in der Vergangenheit einige Missstände, meiner Meinung nach, aufgetreten, wo man als Außenstehender den Handball nicht verstehen kann. Und ich glaube, da brauchen wir einfach mehr Klarheit, wenn es darum geht, einen Spielplan zu gestalten, der für die Fans und somit auch für die Sponsoren transparent ist. Dass es keine Terminüberschneidung mit internationalen Wettbewerben gibt. Und da muss man hart arbeiten. Dass das einfach auch nach außen ein besseres Bild abgibt. Ich glaube, wir sind sehr, sehr professionell mittlerweile, was die Liga angeht. Wir haben einheitliche Erscheinungsbilder in der Halle und vieles mehr. Aber wir haben noch Hausaufgaben, und ich glaube, wenn wir die alle gemeinsam erledigen, in einem Miteinander, dann kann der Handball auch den nächsten Schritt machen.
Schweizer: Ich möchte ganz gerne auf die Anwurfzeiten gleich noch zu sprechen kommen. Erst mal noch, was die Aufmerksamkeit angeht, mit Ihnen über den Fernsehvertrag sprechen. Dann klingt ja bei Ihnen durch, dass gerade erst mal nur die großen Vereine von der neuen Aufmerksamkeit profitieren. Anders gefragt: Im Ersten wurden vier Spiele live gezeigt in der vergangenen Saison. Die Top-Mannschaften ganz gerne. Wie oft wurde denn ein Wetzlar-Spiel eigentlich im Hessischen Rundfunk übertragen?
Seipp: Viel zu selten. Das liegt natürlich daran, dass diese Verträge auch nur eine gewisse Anzahl an Livespielen in der ARD, dem ZDF und in den Dritten letztlich möglich machen und natürlich würden wir uns da wünschen, dass da auch der Hessische Rundfunk ein bisschen intensiver über die hessischen Spitzenklubs berichterstattet.
Schweizer: Also Sie hatten kein ganzes Livespiel?
Reichweite verdreifacht
Seipp: Soweit ich mich erinnern kann, nicht. Aber wir haben natürlich durchaus auch profitiert durch den neuen Fernsehvertrag. Das ist nicht ganz richtig. Nicht nur die Topclubs haben profitiert, sondern auch eine HSG Wetzlar hat profitiert. Wir haben unsere Reichweiten durch den Fernsehvertrag und mit allem, was daran hängt, Nachberichterstattung, Zusammenfassungen im Internet oder natürlich auch im TV, mehr oder weniger fast verdreifacht durch diesen Vertrag und somit haben wir auch, genauso wie jeder andere Club, einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.
Schweizer: Alle Vereine bekommen ja gleich viel Geld durch diesen neuen Fernsehvertrag. Davon träumen manche Fußball-Bundesligisten. Ist das nicht eine Chance für mehr Ausgeglichenheit?
Seipp: Ich glaube, wir träumen natürlich auch ganz gerne von den Geldern, die der Fußball bekommt. Ich finde, das ist letztlich ein Stück weit eine ganz solidarische Aktion, die schon viele Jahre gilt. Wo man einfach sagt: Wir sind als Liga ein Produkt, und dementsprechend soll auch jeder Club die gleichen Einnahmen daraus generieren, genauso wie auch die Handball-Bundesliga selbst als GmbH, und dementsprechend finde ich das sehr wichtig, weil für uns sind diese Fernseheinnahmen jetzt nicht etwas, was uns unheimlich reich macht oder einen Quantensprung monetär nach vorne bringt...
Schweizer: Das sind so 150.000 Euro pro Club ungefähr, richtig?
Seipp: Ja gut, über Zahlen spreche ich in der Öffentlichkeit nicht so gerne. Das soll dann die Handball-Bundesliga bekannt geben.
Schweizer: Aber ich liege nicht so ganz daneben?
Seipp: So ungefähr ja. Und dementsprechend ist das für uns natürlich ein wichtiger Beitrag, um eben Handball-Bundesliga hier in Wetzlar zu finanzieren.
Schweizer: Sie haben schon mahnend den Finger gehoben und über Hausaufgaben gesprochen. Dann lassen Sie uns noch kurz über das sprechen, was die Handball-Bundesliga so als Hausaufgaben aufhat. Die Planbarkeit für Zuschauer, die haben Sie schon angesprochen, die Anwurfzeiten, wenn man so will sind die Anwurfzeiten jetzt zuschauerfreundlicher geworden, weil planbarer? Die festen Spieltage Donnerstag und Sonntag sind zum Beispiel jetzt auch etabliert worden. Ist nicht ein großes Problem beim Handball, dass irgendwann im Laufe der Saison niemand mehr so richtig durchblickt, an welchem Spieltag sich welche Mannschaften gerade duellieren und man dadurch die Tabelle auch nicht mehr so richtig interpretieren kann?
Notwendig: Einheitlichkeit beim Spielplan
Seipp: Ja, das war ein ganz großes Problem und ist es auch vielleicht noch bedingt. Ich glaube, das ist aber durchaus besser geworden. Eben durch die festen Spieltage und dadurch, dass auch die spielleitende Stelle wirklich versucht, da relativ stringent Spieltag für Spieltag abzuwickeln. Letztlich ist der Handball natürlich auch immer davon abhängig, und das ist ja auch ein Teil der Entwicklung unserer Sportart, dass wir in der großen Arena spielen. Dass entsprechend dort auch gespielt werden kann. All diese großen Arenen sind Multifunktionsarenen, wo halt nicht immer jeder auf den Handball wartet und zum Teil auch Termine schon zwei Jahre im Voraus vergeben werden, wo wir noch gar keinen Spielplan haben und dementsprechend ist das meistens dem geschuldet, dass Hallen eben nicht zu Verfügung stehen und deswegen Spiele auch noch mal verlegt werden müssen. Dazu kommt natürlich immer noch die Problematik, dass internationale Spiele Vorrang haben. Das ist einfach so in den Regularien festgehalten. Und dementsprechend kommt es da immer mal wieder zu Problemen, eine Einheitlichkeit beim Spielplan durchzuführen. Ich finde, wir arbeiten da sehr stringent dran, beziehungsweise auch die Hauptamtlichkeit der Handball-Bundesliga, dies zu verbessern und in der vergangenen Saison ist es, glaube ich, deutlich besser geworden als in den Jahren zuvor, aber ich muss Ihnen auch Recht geben: Eigentlich muss es das Ziel sein, wie im Fußball, dass der Fan am Ende eines Wochenendes genau weiß, wo steht meine Mannschaft, auf welchem Tabellenplatz, weil das natürlich auch für mehr Klarheit und auch für mehr Spannung sorgt.
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