Politologe Plagemann
"Handelsabkommen dürfte Indiens gesellschaftliche Konflikte auch in der EU noch sichtbarer machen"

Der Politikwissenschaftler Johannes Plagemann bewertet das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien als Partnerschaft auf Augenhöhe. Beide Seiten hätten ein offenkundiges Interesse an einer engeren Zusammenarbeit, sagte Plagemann im Deutschlandfunk.

    EU-Ratspräsident Antonio Costa (l.), Indiens Premierminister Narendra Modi (Mitte) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (r.) stehen mit nach oben gestreckten Armen nebeneinander. Sie feiern das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien.
    Ende Januar hatte die EU in den Verhandlungen mit Indien über ein Freihandelsabkommen den Durchbruch vermeldet (Archivbild). (picture alliance / ROPI / Sierakowski / EU)
    Der Experte vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg führte aus, Indien sei stets ein harter Verhandlungspartner. Das Land achte sehr auf die eigenen Interessen. In den vergangenen 20 Jahren Verhandlungen mit der EU habe sich das Kräfteverhältnis stark verschoben. "Wenn man Indien mit damals vergleicht, hat sich wirklich wahnsinnig viel getan." Vom Wirtschaftswachstum auf dem Subkontinent profitierten nur nicht alle Menschen. "Die Reichen werden immer reicher, die Armen kriegen aber nicht unbedingt so viel davon ab, wie man das gerne hätte"

    "EU hat über bestimmte Unstimmigkeiten mit Indien offenkundig hinweggesehen"

    Für die EU ist der Druck massiv gestiegen, gerade mit Indien dieses Abkommen hinzubekommen, glaubt Plagemann. Die Europäer wollten letztlich signalisieren, dass sie auch andere Optionen jenseits der USA und insbesondere auch China hätten. "Schließlich sind die Beziehungen zwischen Europa und China deutlich schwieriger geworden in den letzten Jahren." Die EU habe jedoch auch über bestimmte Unstimmigkeiten offenkundig hinweggesehen. Der Politologe nannte etwa die engen Beziehungen Indiens zu Russland. Hintergrund ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, weswegen die EU Sanktionen gegen Moskau erlassen hat.
    Zudem verwies Plagemann auf die Kritik von Menschenrechtsorganisationen, wonach die Regierung von Premierminister Modi vor allem eine Politik für die Hindus betreibe und die 200 Millionen Muslime und anderen Minderheiten im Land diskriminiere. Diese Kritik hält der Wissenschaftler für berechtigt. Da es in Zukunft im Rahmen des Abkommens in vielen Bereichen eine Zusammenarbeit geben werde, könne man sich darauf einstellen, dass auch der gesellschaftliche Konflikt in Indien hier in Europa noch sichtbarer werden dürfte.
    Diese Nachricht wurde am 01.02.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.