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Heilende Worte

Im deutschen Gesundheitssystem fühlen sich viele Patienten von Ärzten häufig abgefertigt statt verstanden. Doch das muss nicht sein, denn Patientenbehandlung ist keine Frage der Zeit, sondern eine der Qualität. Das gilt besonders für das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Medizinstudenten an der Uni Leipzig üben dies mit Schauspielpatienten.

Von Michael Naumann |
    Eine junge Frau in weißem Kittel begleitet eine ältere Dame an einen Tisch mit zwei Stühlen. Mit zarter Stimme stellt sie sich als Ärztin vor und fragt nach dem Befinden der Rentnerin. Ein Gespräch entwickelt sich.

    "Sie sind also die Frau Götze – Ja genau, und ich wohnte in diesem Stadtteil, und ich freue mich sehr, wieder hier in gewohnter Umgebung zu sein, auch hier in der Praxis."

    Die junge Frau in weißem Kittel ist Medizinstudentin. Die ältere Dame eine Schauspielerin. Die Szene eine Übung für ein so genanntes Patientengespräch. Beobachtet von acht weiteren Studenten im Raum und aufgezeichnet von einer Kamera.
    "Unangenehm. Es ist unangenehm, sich da selber zu sehen, sich selber zu hören. Es ist so eine schwarze Linse, die auf einen gerichtet wird und einen irgendwie beobachtet. Es kommt dann auf die Situation drauf an, ob das Rollenspiel gut verläuft oder nicht. Wenn man sich da richtig reinsteigern kann, dann nimmt man die Kamera auch nicht mehr wahr. Aber es ist ne Gewöhnungssache."
    Lena Ropeter ist Medizinstudentin im fünften Semester an der Uni Leipzig. Hier ist das Gesprächstraining bereits im Grundstudium Pflicht. In kleinen Gruppen werden verschiedene Szenarien durchgespielt und per Video analysiert.

    "Man sieht da so Einiges, gerade im nonverbalen Bereich. Was man zum Beispiel schon wieder mit seinen Händen macht und wie man guckt. Und natürlich hat der Gegenüber dann das Gefühl, man nimmt ihn nicht ernst, wenn man sich dann so weggedreht hat, was man vielleicht selbst gar nicht wollte. Aber man merkt plötzlich, welche Werkzeuge man auch noch benutzt, ohne sich derer bewusst zu sein. Dieser Kurs zeigt einem, was man alles anrichten kann, positiv wie negativ."

    In der Situation mit der älteren Dame verhält sich die Studentin viel zu passiv. Sie verliert die Kontrolle über das Gespräch an die Patientin.

    "...und dann hab ich da noch zwei Kinder. Und die eine ältere Tochter ist dann nach Berlin gezogen und lässt nun ganz selten mal etwas von sich hören."

    Möglichst praxisnahe Gespräche sind das Ziel. Und mit Schauspielpatienten erreicht man dies besonders gut. Das sind Laienschauspieler – beispielsweise vom Theater, die von Dr. Oliver Decker und seinem Team auf zwei spezielle Rollen geschult werden.

    "Das eine ist eine alte Dame, die sich als Vorstellungsgrund über abgelaufene Medikamente informieren möchte, aber tatsächlich ins Gespräch kommen will über den Tod ihres Mannes. Und wir haben eine Rolle über einen Patienten, der Rückenschmerzen hat, sich zum zweiten Mal vorstellt, noch mal Massagen verschrieben haben möchte, aber das Budget des Arztes ist erschöpft. "

    Und darauf müssen die Studenten reagieren. Zwar sind Schauspielpatienten in der Ausbildung nichts grundlegend Neues. Doch nur in Leipzig, sagt Oliver Decker, sind die Kurse zur Gesprächsführung für alle Medizinstudenten verbindlich. Zwei Semester lang mit je vier Wochenstunden:

    "Was wir vermitteln möchten ist: Wie bin ich im Gespräch. Wie werde ich von anderen wahrgenommen, und wie nehme ich mich selbst im Gespräch wahr. Die Schauspielpatienten haben den Vorteil, dass sie eine Rückmeldung geben können. Die geben ein Feedback, und das können echte Patienten eben nicht. "

    Um die Lerneffekte zu verinnerlichen, führen die Studenten ein Tagebuch. Auch die 23-Jährige Lena hat so ein Buch. Sie will später in einer HNO-Klinik arbeiten. Einem Patienten irgendwann einmal schlechte Nachrichten vermitteln zu müssen, stellt sie sich schwer vor.

    "Das ist schon hohe Kunst und erfordert viel Übung, die man erst im Berufsalltag erfährt. Aber es ist gut, wenn man sich jetzt schon mal damit beschäftigt und weiß, was da wirklich mal auf einen zukommt, wenn man später als Arzt arbeitet. Dass es nicht in erster Linie das Fachliche ist, was man braucht, sondern vor allem die menschliche Komponente und das Gespräch einfach."

    Statistiken beweisen: Patienten schätzen ihre Heilungschancen besser ein, wenn sie sich vom Arzt verstanden fühlen. Trotzdem wird Kommunikations-Training für Mediziner noch oft belächelt. Im stressigen Alltag fehle die Zeit zum Reden, so ein häufiger Einwand. Der Psychologe Oliver Decker will seine Studenten gegen solche Vorurteile wappnen:

    "Ein gut geführtes Gespräch hat mit der Länge nichts zu tun. Es kann sogar genau umgekehrt sein, dass wenn man die entsprechende Gesprächsführungskompetenz hat, schneller zu einem Ende kommt, mit dem beide zufrieden sind. Und das ist auch die Erfahrung von den Kollegen aus der Klinik, die das zu ihren Studienzeiten eben nicht gelernt haben. Die erleben dann sehr viel mehr Frustration im Kontakt mit Patienten, bevor sie einen Weg finden, damit umzugehen. Man muss mit Patienten sprechen und wenn man das gut macht, dauert es auch nicht länger."