Sonntag, 03. Juli 2022

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Helene Blum & Harald Haugaard Band
Vom musikalischen Wurzelwerk zur kompositorischen Freiheit

Die dänische Musikerin Helene Blum gehört zu den großen Stimmen ihrer Heimat. Sie hat sich tief in den nordischen Folk hineingearbeitet und sich zugleich von der zeitgenössischen Singer/Songwriter-Kunst inspirieren lassen. Mittlerweile flirtet sie auch mit dem Pop und öffnet sich dem Jazz.

Am Mikrofon: Thekla Jahn | 24.03.2017

Die dänische Sängerin Helene Blum
Ausdrucksstark, aber bescheiden: die dänische Musikerin Helene Blum (Foto: Sigrid Nygaard)
Helene Blum ist so bescheiden, wie man es von Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten kennt. Seit ihrem zweiten Lebensjahr spielt sie Geige, das Klavier kam wenig später dazu und gesungen hat sie auch von klein auf, zuhause mit ihren drei Schwestern.
"Aber es war für mich wie ein Instrument, das man erlernen muss wie andere Instrumente. Ich habe herausgefunden, wie man seine Stimme entwickeln kann, wie Du sie stark machen und in unterschiedlicher Weise modulieren kannst. Für mich bedeutet es große Freiheit in die Stimme hineinzugehen, weil sie einem ja so nah ist. Sie ist Teil deines Körpers, deshalb kannst Du alles in der Stimme hören. Es ist wie ein Spiegel. Und du musst sehr ehrlich sein zu Dir, weil alles von Dir durchscheint, hörbar ist. Meine Stimme ist ein Instrument, das sich entwickelt hat, so wie mein Klavierspiel oder mein Geigenspiel."
Glasklar ist Helene Blums Stimme, sie reicht über vier Oktaven, übergangslos wechselt sie zwischen Brust- und Kopfstimme. Mehrfach hat sie den Dänischen Musikpreis gewonnen, ist aber auch international gefragt. Dabei singt sie fast nur in dänischer Sprache und konzentriert sich fernab des Mainstream auf das Musikerbe Dänemarks, das nicht gerade als leichte Kost gilt.
"Die Musik in Dänemark ist eine Mischung aus vielem"
"Klar haben wir eine eher bedeutungsschwere Musik und die meisten Lieder, die ich singe, haben auch eine große melancholische Seite. Aber: Die Musik in Dänemark ist eine Mischung aus ganz vielem. Wir sind eine kleine Nation, die vom Meer umgeben ist. So gab es immer Einflüsse von überall her, von westlichen und von skandinavischen Ländern, aber auch aus dem Süden, aus den europäischen Ländern. Und so ist es wirklich auch lustig, wenn Du nach Amerika gehst und feststellst, dass sie dort dieselben Melodien singen wie wir und wir diskutieren, wer sie zuerst hatte."
Auf der Suche nach Ideen für ihre Songs stöbert sie in Archiven nach alten Volksliedern und sie liest, wie sie sagt, fast täglich Gedichte aus der dänischen Literaturgeschichte und aus den einzelnen Regionen: etwa aus Bornholm oder Aerö oder aus den verschiedenen Teilen von Jütland, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden.
"Menschen sind offener, wenn sie ihre Wurzeln kennen"
"Ich möchte meine Wurzeln kennen, und deshalb mag ich es Musik zu spielen, die mit meiner Heimat zu tun hat. Manchmal treffe ich Leute aus Norwegen, aus der Türkei, aus Tschechien oder woher auch immer her, und dann ist es lustig zu hören, was sie aus ihren Heimatstädten mitbringen, so wie man auch neugierig ist auf das Essen aus anderen Ländern. Ich glaube nicht, dass schwedische Songs so klingen wie die dänischen, weil eben die Berge anders sind und die Sprache anders funktioniert und die Lieder deshalb eine andere Stimmung haben. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass Menschen offener sind anderen Kulturen und anderen Menschen gegenüber, wenn sie wissen, wo sie herkommen, wenn sie ihre Wurzeln kennen."
Eine interessante These gerade in Zeiten erstarkender Nationalpopulisten in Europa.
Helene Blums mittlerweile fünftes Album "Droplets of Time" ist eine Mischung aus traditionellen Liedern und Eigenkompositionen, die von den relevanten Themen handeln: von Liebe und Krieg, von Dunkelheit und Hoffnung.
"Ein Tropfen Tinte kann zu einem Tropfen Blut werden"
"Der Titelsong heißt übersetzt auf Englisch: ‚One droplet of blood‘. Es ist ein alter Text des dänischen Dichters Sophus Claussen, und er besagt, dass ein Tropfen Tinte ganz schnell zu einem Tropfen Blut werden kann. Den Text schrieb er vor 100 Jahren, aber ich finde ihn so aktuell. Vor allem in Dänemark haben wir das ja erfahren, was es heißt, seine Stimme zu erheben und etwas zu schreiben. Es kann ganz plötzlich einen Krieg auslösen."
Helene Blum und Harald Haugaard kennen sich seit Kindertagen, haben sich musikalisch aber erst zusammengefunden, nachdem sie ein Paar wurden und selber Kinder bekamen.
"Bevor wir die Band gegründet haben, hat jeder von uns eine eigene musikalische Karriere verfolgt. Es ist sehr wichtig, dass jeder von uns ein eigenes künstlerisches Profil besitzt."
Meint Helene Blum und Harald Haugaard ergänzt:
"Unser Repertoire ist ja eine Mischung zwischen Liedern und Instrumentalstücken. Helene hat eine Idee, dann kriege ich eine Idee, dann machen wir etwas zusammen, z.B. einen Walzer. Dann habe ich ein A-Stück, dann sage ich: Helene, hast Du Lust ein B-Stück zu schreiben? Das ist oft Zusammenarbeit, aber die Ideen kommen so selbstständig."
Die Geige als Spiegel der Seele
Die Arrangements, die dabei entstehen, sind ebenso klar wie Helene Blums Gesang. Und im Konzert atmen sie auch den Geist von Harald Haugaards Geigenspiel, seine Leichtigkeit und Originalität.
"Die Geige ist fast ein Körperteil von mir geworden. Das ist meins, mich auszudrücken durch die Geige. Ich singe nicht viel, aber die Geige ist meine Stimme, ein Spiegel meiner Seele."
Vor allem die Instrumentalstücke auf der "Droplets of Time" Tour, die Harald Haugaard geschrieben hat, lassen die vielfältigen Einflüsse auf die dänische Musik – vor allem die irischen - durchscheinen.
Aufnahme vom 17.3.17 in der Harmonie, Bonn
Diese Sendung können Sie nach Ausstrahlung sechs Monate nachhören.