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StartseiteSprechstundeHerzchirurgen, Strömungstechniker und Elektroniker19.10.2010

Herzchirurgen, Strömungstechniker und Elektroniker

Kunstherzkongress in Berlin

Während die Zahl der Spender zurückgeht, wurde die Technik künstlicher Herzen kontinuierlich weiterentwickelt - von anfangs pulsierenden Kunstherzen zu heute modernen rotierenden Pumpen. Damit leben bereits viele Patienten fast problemlos.

Von Wolfgang Noelke

Blick in ein Kunstherz (Wolfgang Noelke)
Blick in ein Kunstherz (Wolfgang Noelke)

Vor einem Jahr fehlte dem 58-jährigen Roland Cerwinka sogar die Kraft, sich im Bett aufzurichten, jetzt kam er auf eigenen Füßen zu seinem, wie er sagt "ersten Geburtstag", den er während des zweitägigen Kongresses feierte. Roland Cerwinka ist der erste Patient, dem im Deutschen Herzzentrum gleich zwei Kunstherzen implantiert wurden. Nach zwei Herzinfarkten litt er unter:

"Luftarmut und (war) müde. Kalte Füße, die hab ich auch nicht mehr. Jetzt geht es mir eigentlich ganz gut."

Davor, dass die Pumpen versagen könnten, fürchtet er sich nicht. Es sind eher die Reaktionen einiger Mitmenschen, die Roland Cerwinka Sorgen machen:

"Man ist nicht ganz so beweglich. Man hat immer, als Mann zwei Handtaschen mit. Die fragen mich immer, was ich für eine Kamera habe. Ich sage, das ist aber keine Kamera. Ich hab Angst bei Massenaufläufen, die denken, das ist eine Kamera und klauen die mir."

Das wäre fatal, denn in den beiden Gürteltaschen befinden sich die Akkus und Reserveakkus, die Energielieferanten seiner beiden Kunstherzen. Die könnten zwar bald auch kabellos betrieben werden, aber heutiger Standard ist noch, dass die Kabel oberhalb der rechten Leiste, etwa dort, wo einige Menschen die Narbe ihrer Blinddarmoperation haben, durch die Bauchdecke führen, direkt zum Kunstherz. Die etwa fingerdicke Kunststoffumhüllung des Kabels ist an dieser Eintrittsstelle das einzige Problem, sagt der Mediziner Dr. Jörfried Weiss, der selbst mit einem Kunstherz lebt. Sollte sich diese Eintrittstelle infizieren, könnte sich im schlimmsten Fall eine Infektion am Kabel entlang bis in die Bauchhöhle fortsetzen:

"Ich werde einmal die Woche von meiner Schwester, die eine Chirurgin ist oder meiner Frau verbunden. Ich könnte mich notfalls auch selber verbinden. Das Ganze ist etwas kompliziert und muss sehr steril geschehen, also wie in einem Operationssaal quasi. Ich denke, dass man auf die Dauer eine Infektion vermeiden kann. Wollen Sie das Ding mal sehen? Ja, gerne! So sieht es aus."

Über der Stelle, wo das weiße Kabel in der Bauchdecke verschwindet, kleben mehrere Lagen Zellstoff und Pflaster. Das muss auf jeden Fall trocken bleiben:

Weiss: "Ich darf nicht baden. Und das ist mir ziemlich lästig, aber ich hab mich schon dran gewöhnt. Selbst das Duschen ist ja schwierig, weil das Pflaster nicht nass werden darf. Ich hab vier Batterien insgesamt. Mit mir rum schleppe ich immer zwei. Eine Haupt-, eine Reservebatterie. Und die Batterien halten so zwischen viereinhalb und dreieinhalb Stunden, müssen dann gewechselt werden. Wenn man nicht wechseln würde, würde sich das automatisch umschalten auf die Ersatzbatterie und dann hätte man auch noch mal drei, vier Stunden."

Nachts, so der Mediziner würde er sein Herz per Netzteil betreiben und auch von keinem Geräusch daran gehindert, ruhig zu schlafen, denn moderne Kunstherzen klappern nicht, sondern arbeiten fast völlig geräuschlos, entweder als Kreiselpumpe im Durchmesser eines Tennisballs oder ähnlich, wie ein daumendickes Miniatur-Düsentriebwerk mit einem sogenannten "Impeller", ein Propeller innerhalb einer zehn Zentimeter langen Düse. Das Besondere beider Systeme: weder der Kreisel in der kleinen Kreiselpumpe, noch der sich drehende Impeller sind mit einer festen Achse mit ihrem Gehäuse verbunden. Starke Magnete sorgen dafür, dass die sich drehenden Teile frei schweben. Mehrere Vorteile dieser Konstruktion: die Pumpen arbeiten nicht nur verschleißfrei sondern bieten auch keinen Lagerplatz mehr für die gefährlichen Blutgerinnsel. Die Langlebigkeit der Pumpen, inzwischen bis zu zehn Jahre, so der Leiter des Deutschen Herzzentrums Professor Dr. Roland Hetzer sorgt notgedrungen jetzt schon für einen Wandel in der Herzchirurgie: im letzten Jahr standen Hetzer nur 40 natürliche Herzen für Transplantationen zur Verfügung. Seinen restlichen Patienten konnte er mit 160 Pumpen helfen:

"Die Anzahl der Organe nimmt ständig ab. Letztes Jahr waren es nur noch 347 Herztransplantationen, die hier in Deutschland gemacht wurden. Vor 15 Jahren waren es noch 600. Ich gehe davon aus, dass unsere Hauptzielrichtung nicht mehr wie früher, Überbrückung zur Transplantation, sondern eine Applikation auf Dauer darstellt."

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