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Hilfe zur Selbsthilfe

Bis vor wenigen Jahren blieb Frauen, die von ihren Lebensgefährten zuhause verprügelt wurden, nur die Flucht ins Frauenhaus. Mittlerweile ermöglicht das Gewaltschutzgesetz, gewalttätige Männer aus der Familienwohnung auszuweisen - sie landen damit erstmal auf der Straße. Im nordfranzösischen Arras existiert seit einem knappen Jahr ein spezielles Heim für solche gewalttätigen Männer.

Von Suzanne Krause | 25.11.2009
    Sieben Uhr abends im Home des Rosati. In der kleinen, spärlich eingerichteten Küche kümmert sich Sozialarbeiterin Marie Lebreton um das Abendessen. Ihr zur Seite: Henri, Mitte 40, unauffällig. Und alles andere als ein geübter Koch. Vor kurzem war Henri noch felsenfest überzeugt, dass Kochen reine Frauenarbeit sei. Nun muss er selbst an den Herd. Denn als ihm seine Gattin vor zweieinhalb Wochen die Scheidung ankündigt, verliert Henri die Nerven und wird handgreiflich. Die Polizei kommt, er verbringt zwei Tage in Haft. Bis zum Prozess hat er Kontaktverbot zur Familie. Bleibt ihm als Unterkunft nur die psychosoziale Einrichtung, das Männerhaus in Arras.

    "Kurz nach meiner Ankunft hier habe ich begriffen: ich bin am richtigen Ort gelandet. Ich kam vom Richter und wusste nicht, wohin mit mir. Nach der Haft fühlte ich mich beschämt, dreckig. Völlig aus der Bahn geworfen. Zur meiner großen Erleichterung traf ich hier Männer in derselben Lage. Ebenso wie Sozialarbeiter, die sich um mich und alle meine Angelegenheiten kümmern. In den letzten Jahren in meiner Familie fühlte ich mich nur einsam und allein gelassen. Hier aber wird viel diskutiert: die Probleme, die Gewalttat, die Beziehung zur eigenen Frau."

    Beim gemeinsamen Abendessen löffeln Henri und die Mitbewohner ihr Süppchen. Tischdecken, Spülen, das Haus putzen: Im Männerhaus ist das Pflichtprogramm für die Bewohner. Ebenso wie die Gruppentherapie. An vier Abenden pro Woche, drei Wochen lang. Ein Programm, um den Tätern häuslicher Gewalt bewusst zu machen: Sie tragen die volle Verantwortung für ihre Tat. Erläutert Psychologin Florence Victor, die gemeinsam mit einer Soziologin die Sitzungen leitet:

    "Wie wichtig das Programm ist, zeigt sich unter anderem daran, dass viele Teilnehmer im Anschluss weitermachen. Jeder Dritte bittet uns um eine individuelle Betreuung. Um einem Rückfall in die Gewalt vorzubeugen. Wenn die Männer in ihre Familie zurückgehen, helfen wir ihnen, die Beziehungen positiver zu gestalten."

    Die Hälfte der bisherigen Gruppenteilnehmer ist zur Familie, ist nach Hause zurückgekehrt. Die anderen leben getrennt. Häufig, weil die Frau sich gegen die Rückkehr entschied. Denn sobald ein Mann wegen häuslicher Gewalt angeklagt wird, erhält das Opfer automatisch Unterstützung von Sozialarbeitern. Begleitende Hilfe, um eine Wahl zu treffen. Häusliche Gewalt ist in Frankreich ein Alltagsphänomen von erschreckendem Ausmaß: Nach offiziellen Angaben der Polizei stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau an den Schlägen ihres Gatten oder Exgefährten. Die Statistik im Männerhaus in Arras ist repräsentativ für das Täterprofil in der Gesellschaft: Der bisher jüngste Bewohner war 22 Jahre alt, der älteste 71. Die Spanne reicht vom Bauarbeiter bis zum Unternehmer. 40 gewalttätige Männer hat die Einrichtung in den ersten neun Monaten ihrer Existenz schon beherbergt und betreut. Nur ein einziger wagte, seine Frau erneut zu belästigen. Und landete sofort für sechs Monate im Knast. Ein abschreckender Gedanke für Sebastien. 35 ist der Angestellte, verheiratet, Vater dreier Kinder. Und seit drei Wochen im Home des Rosati:

    "Die soziale und psychologische Betreuung hier hat mir ungemein gutgetan dabei, das gewalttätige Verhalten, mich selbst in Frage zu stellen. Und die Gründe für meinen Gewaltakt aufzudecken. Zumindest einen Anfang zu machen. Im Gefängnis wäre eine solche Bewusstseinsarbeit überhaupt nicht möglich."

    Die Einrichtung für gewalttätige Männer in Arras zählt mehrere Taufpaten: die Staatsanwaltschaft, die kommunale Einrichtung Großraum Arras, zwei Sozialvereine. Darunter einer, der sich seit sechzig Jahren um Frauen und Kinder in sozialer Not kümmert. Die Mehrheit dieser Frauen und Kinder sind Opfer häuslicher Gewalt. Vereinspräsident Benoit Durieux sagt: Opfer wird es so lange geben, wie es Täter gibt. So lange jedenfalls, wie Täter nicht speziell betreut werden:
    "Im Home des Rosati helfen wir nicht geistesgestörten Tätern, sondern Männern, die sexistisch denken und deswegen sexistische Gewalt anwenden."

    Als Durieux kürzlich beim Jahrestreffen des Dachverbands der Frauensolidaritätsvereine das Programm für Täter häuslicher Gewalt in Arras präsentierte, war das Echo groß. In mehreren Städten planen nun Vereine ähnliche Einrichtungen wie das Home des Rosati.