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Historiker: Simon Wiesenthal war eine moralische Instanz

Nach Ansicht des Historikers Wolfgang Benz zeichnet es Simon Wiesenthal besonders aus, dass es ihm nicht um Rache ging, sondern um Aufklärung über eine schreckliche Vergangenheit. Wiesenthal habe in minutiöser Kleinarbeit Informationen gesammelt, um die Verbrechen zu dokumentieren und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

20.09.2005
    Schäfer-Noske: Als Nazi-Jäger ist er Legende und er war ein stetiger Mahner vor altem und neuem Antisemitismus. Simon Wiesenthal zählte im Laufe seines Lebens 1.100 NS-Verbrecher, die durch seine Arbeit gefasst wurden. Als größter Erfolg gilt die Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960.
    Frage an den Historiker Wolfgang Benz: Wie hat Wiesenthal das geschafft?

    Benz: Herr Wiesenthal hat immer Wert darauf gelegt, dass das Teamwork war, dass er nicht allein der "Nazi-Jäger" war, als der er gerne apostrophiert wird. Das war minutiöse Kleinarbeit. Das war das Sammeln von Informationen, wie er es zunächst in dem Dokumentationszentrum, das er in Linz aufgebaut hatte, begann - mit allen Kontakt halten, die auch etwas wissen und damit zum Erfolg kommen.

    Schäfer-Noske: Andere Naziverbrecher sind gestorben, ohne je verurteilt zu werden, zum Beispiel eben der KZ-Arzt Josef Mengele. Wie sehr hatte Wiesenthal nach ihm gesucht?

    Benz: Das war vielleicht sein Hauptobjekt seiner Suche. Aber Mengele hatte einfach selber die besseren Helfer. Und so blieb dem Jäger Wiesenthal da nichts übrig, als dem Bundeskanzler Kohl vorzuschlagen die Belohnung, die auf Mengele ausgesetzt war, seinen Opfern zukommen zu lassen.

    Schäfer-Noske: Wiesenthal hat stets betont, ihm gehe es um Recht, nicht um Rache. Auch von eine kollektiven Beschuldigung der Deutschen wollte er nichts wissen. Wie konnte er denn nach seiner Lebenserfahrung zu einer solchen Auffassung kommen?

    Benz: Das macht Simon Wiesenthal ja zu einer moralischen Instanz, dass er nicht als blindwütiger Racheengel auftritt, dass er die Auseinandersetzung mit dem Holocaust fordert, nicht im Gestus der Rache oder der Betroffenheit, sondern als Auftrag zur Aufklärung. Das hat Simon Wiesenthal ja etwa auch bewiesen, als er sich nicht den Totalverurteilungen des österreichischen Bundespräsidenten Waldheim anschließen wollte. Er wollte ihn nicht als Kriegsverbrecher gewertet wissen, sondern als einen Opportunisten, der sich durch sein Stillschweigen des Mitmachens schuldig gemacht hat.

    Schäfer-Noske: Nach der Wende hoffte Simon Wiesenthal auf die Stasi-Akten. Inwieweit haben die denn bei der Suche nach Naziverbrechern etwas gebracht?

    Benz: Die haben nicht mehr so sehr viel bringen können, da das biologische Ende eines so großen Teiles von Tätern schon gekommen war. Zehn Jahre früher wären die Stasi-Akten sicher unendlich hilfreicher gewesen.

    Schäfer-Noske: Inwieweit gibt es denn nun 60 Jahre nach Kriegsende noch Täter, die am Leben sind und bisher ungestraft?

    Benz: Es gibt noch eine ganze Menge Täter, die am Leben sind, die nicht bestraft sind. Die genaue Zahl wissen wir nicht. Es ist vielleicht auch nicht mehr erheblich, denn dieser Täter sind in sehr, sehr hohem Alter und sie wären nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen. Man muss es bedauern, dass man in den 60er Jahren, in den 70ern nicht aktiver war, dass man es damals Leuten wie Simon Wiesenthal überließ, hartnäckig und stets am Ball zu bleiben und unter der Flagge Gerechtigkeit die Nazis, die Täter zu verfolgen.

    Schäfer-Noske: Das heißt, er hatte da durchaus Widerstände zu überwinden, um an Informationen zu kommen?

    Benz: Selbstverständlich. Und eine allgemeine Haltung - das ist ja jetzt auch schon so lange her, lasst uns den Schlussstrich ziehen - stand ja den Bemühungen von Simon Wiesenthal entgegen. Und um alle Täter herum gab es ein Netz von ehemaligen Kollegen, von Freunden, von Familien, die in der betreffenden Person nicht den KZ-Kommandanten von Sobibor oder Treblinka sahen, sondern den freundlichen Nachbarn, den Berufskameraden, und die diese Leute schützten.

    Schäfer-Noske: Was wird denn vom Erbe Simon Wiesenthals bleiben?

    Benz: Die Überzeugung wird bleiben, die er vermitteln konnte, dass es nicht um Vergeltung, nicht um Rache ging, sondern dass es eine Notwendigkeit ist, Aufklärung über schreckliche Vergangenheit zu treiben, Aufklärung, um Wissen zu vermitteln und um Wiederholung zu vermeiden.