Sonntag, 25. September 2022

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Historische Aufnahmen des Ungarischen Streichquartetts
Musikalische Aufrichtigkeit ohne jeden Manierismus

Die Weltgeltung des Ungarischen Streichquartetts ist unbestritten. Sie verdankt sich nicht zuletzt seiner Aufnahme sämtlicher Streichquartette Beethovens von 1953. Nun ist die lange Zeit nicht erhältliche Einspielung wieder neu erschienen.

Am Mikrofon: Norbert Hornig | 30.04.2017

    Detailaufnahme eines Cellos
    Detailaufnahme eines Cellos (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)
    Im Mittelpunkt steht heute eine Veröffentlichung aus dem Bereich "Historische Aufnahmen". Es ist eine bedeutende Edition und ohne Frage ein Sammlerstück für Kammermusik-Liebhaber: Die Gesamtaufnahme der Streichquartette von Ludwig van Beethoven mit dem Ungarischen Streichquartett aus dem Jahre 1953. Über viele Jahre war diese Einspielung nicht mehr erhältlich, jetzt ist sie zum ersten Mal als internationale Veröffentlichung bei Warner Classics wiedererschienen.
    In Ungarn hat die klassische Musik eine reiche Tradition, man denke nur an die Namen großer Komponisten wie Franz Liszt, Zoltán Kodály oder Béla Bartók. Viele international renommierte Musiker sind Absolventen der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest. Aus Ungarn stammen auch zahlreiche Streichquartett-Formationen, die sich ein weltweites Renomée erspielten, etwa das Léner-, das Végh-, das Tatrai- und das Ungarische Streichquartett. Dieses wurde 1935 von Sandor Végh gegründet, der zunächst die erste Geige spielte, dann aber ans zweite Pult wechselte, um Zoltán Székely die Führung zu überlassen. 1940 gründete Végh ein eigenes Quartett.
    Stilistisch weitgefächertes Repertoire
    Schon die erste Saison des Ungarischen Streichquartetts verlief überaus erfolgreich, mit der Uraufführung von Bartóks fünftem Streichquartett und Konzerten 1936 in Barcelona und 1937 in Paris machte das Ensemble mit Nachdruck auf sich aufmerksam, unter anderem auch mit französischer Musik. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Musiker in Holland, das damals unter deutscher Besatzung stand, festgehalten, und mussten sich ihr Auskommen als Orchestermusiker verdienen. Sie nutzten diese Zeit auch, um intensiv die Streichquartette von Beethoven zu studieren.
    Das Ungarische Streichquartett bot in seinen Konzerten ein stilistisch weitgefächertes Repertoire an, das von Joseph Haydn bis zu Darius Milhaud reichte. Einen singulären Rang hatten immer seine Bartók-Interpretationen, sie gelten nicht zuletzt wegen der freundschaftlichen Beziehung zwischen Bartók und dem Primarius des Quartetts Zoltán Szekely bis heute als authentisch und maßstabsetzend.
    Auch die Streichquartette von Ludwig van Beethoven standen regelmäßig auf dem Programm, schon gegen Ende des Zweiten Weltkrieges spielte das Ungarische Streichquartett alle Beethoven-Quartette in Privatkonzerten.
    Kammermusikszene in Amerika geprägt
    Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm das Ungarische Streichquartett seine Konzerttourneen bald wieder auf, zunächst durch Europa und gegen Ende der 1940er Jahre auch durch Nord- und Südamerika. 1950 wurde das Ensemble "Quartet in Residence" an der University of Southern California in Los Angeles und seine Mitglieder nahmen die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Über viele Jahre prägte das Ungarische Streichquartett die Kammermusikszene in Amerika maßgeblich mit. Von ihrer Wahlheimat aus unternahmen die Musiker zahlreiche Tourneen in alle Welt.
    Ende 1953 reiste das Ungarische Streichquartett nach Paris, um im Studio Magellan in Zusammenarbeit mit Tonmeister Paul Vavasseur den Zyklus der Beethovenquartette aufzunehmen. Das Ensemble spielte zu dieser Zeit in der Besetzung mit Zoltán Székely und Alexandre Moskowsky, Violine, Dénes Koromzay, Viola und Vilmos Palotai, Violoncello.
    Die Einspielung sämtlicher Beethovenquartette mit dem Ungarische Streichquartett war eine der ersten Gesamtaufnahmen des Zyklus' und damit ein gewichtiger Beitrag zur Rezeption und Interpretationsgeschichte der Beethovenquartette auf Schallplatte, die sich seit den 1950er Jahren in ungeahnter Vielfalt entwickelte.
    Die Studioakustik ist gnadenlos ehrlich
    Eine muskalische Aufrichtigkeit, die ohne jeden Manierismus auskommt, prägt diese Interpretation grundlegend. Sachlich und schnörkellos, strukturbezogen und ein wenig streng, dabei ganz klar und transparent klingt dieser Beethoven. Die Studioakustik ist gnadenlos ehrlich, hier gibt es keinen Hall, hinter dem man sich verstecken könnte. Die Bänder wurden nach neuestem technischen Standard digitalisiert, für eine Mono-Aufnahme der frühen 1950er Jahre ist der Klang erstaunlich rauscharm und natürlich.
    Neben der Aufnahme der Bartók-Quartette bildet die Einspielung des Beethoven-Zyklus von 1953 einen markanten Schwerpunkt in der umfangreichen Diskographie des Ungarischen Streichquartetts. 1965 nahm das Ensemble in veränderter Besetzung die Beethovenquartette in Stereotechnik noch ein zweites Mal auf.
    1972 löste sich das Ungarische Streichquartett mit Zoltán Szekely als Primarius auf, der Bratschist Denés Koromzay gründete einige Jahre später ein Nachfolgeensemble, das Neue Ungarische Streichquartett. Es hatte bis 1984 Bestand, konnte aber nicht an die Erfolge des ursprünglichen Ensembles anknüpfen. Dessen Weltgeltung ist unbestritten. Es war ein Vorbild für viele nachwachsende Streichquartettformationen, nicht zuletzt auch wegen seiner Aufnahme der Beethovenstreichquartette von 1953.
    Beethoven: The Complete String Quartets
    Ungarisches Streichquartett
    Warner Classics / Erato 7 CDs 0190295869274