Archiv


Hochglanz-Kitas in Bürogebäuden

Kinder auf dem Weg ins Büro an der Kita abgeben – ein alter Hut. Kinderbetreuung im Bürotrakt selbst heißt der neue Trend, mit dem Arbeitgeber an Attraktivität gewinnen wollen.

Von Anke Petermann |
    Space 20 – ein silbrig glitzerndes sechsgeschossiges Bürohaus – so die exotische Adresse für eine Darmstädter Kita mit 60 Plätzen. Eingerichtet hat sie die STRABAG Real Estate als Bauherr und Entwickler mehrerer Gebäude im Darmstädter Europaviertel. Und zwar, so Andreas Hülsken als Bereichsleiter Rhein-Main:

    "Weil das Umfeld hier noch vergleichsweise grün ist, also man hier auch einen Außenbereich darstellen kann, und wir auch Nachfrage aus dem Haus hatten, also von den Büro-Nutzern. So kam das zustande, dass wir gesagt haben, dann bauen wir hier ins Erdgeschoss einen Kindergarten rein. Wir kennen das auch aus dem eigenen Unternehmen, dass die Beschäftigten, gerade die Mitarbeiterinnen, fragen: Gibt es hier eine Kinderbetreuung?"

    Mit der Nähe zur Kita können sich Arbeitgeber attraktiv machen. Doch nicht alle haben das erkannt, beobachtet Ralf Jäckel, privater Betreiber mehrerer Kindertagesstätten im Rhein-Main-Gebiet. 2006 trat er mit einer Wiesbadener Bürohaus-Kita als Pionier an.

    "Kita - guten Morgen, bom dia, bon jour."

    Beim Vermieter STRABAG war Jäckel mit seinen Space-Wichteln erwünscht und bekam einen maßgeschneiderten Kita-Ausbau. Doch anderswo gibt’s Widerstand.

    "Das heißt, dass Mieter das nicht wollen. Das ist eine gewisse Lärmbelästigung dann schon, obwohl das bei den Krippenkindern vollkommen überbewertet wird."

    Umbau ist notwendig, aber aufwendig
    Die machen nämlich ein ruhiges Mittagsschläfchen. Büro-Beschäftigte klagen ohnehin auf hohem Niveau über Lärm, findet Andreas Hülsken. Erzieherinnen jedenfalls sind akustisch weit höher belastet. Die STRABAG trug dem beim Kita-Ausbau in ihrem Darmstädter Bürogebäude Rechnung. Hülsken deutet nach oben auf die abgehängte Decke, löchrig wie ein Schweizer Käse.

    "Hier sieht man, dass wir eine schallabsorbierende Decke haben. Hintergrund ist auch, dass wir üblicherweise in den Büroräumen ja Teppichboden haben, der auch eine schallabsorbierende Wirkung hat. Das haben wir hier nicht, sondern diesen pflegeleichten und farbenfrohen Linoleumboden, sodass letztlich nur die Decke bleibt, um die akustische Qualität noch zu gewährleisten. Das ist ein zentrales Thema beim Umbau eines Bürogebäudes."

    Ein Umbau ist aufwendig und nicht immer perfekt, besser und preisgünstiger ist der kitagerechte Ausbau eines neuen Objekts zu haben. Bei den Space-Wichteln eignet sich der großzügige Flur mit den bunten Einbaumöbeln an Regentagen als Bobbycar-Rennstrecke. Im Krippenbereich hat das Bad neben Dusche und Mini-Toiletten auch einen Wickeltisch mit Fenster zum Gruppenraum. Das begeistert Kita-Leiterin Julia Sevier und ihr Team:

    "Was halt schön ist, ist, dass wir das Bad in der Gruppe haben. Man hat immer ein Blick in die Gruppe rein, wenn man ein Kind wickeln muss, das ist wirklich gut gelöst."

    So ein Kita-Platz kostet rund 1200 Euro, die Kosten tragen in etwa zu gleichen Teilen Land, Eltern und Kommune. Die private Kita wird gefördert wie andere freie Träger, kirchliche zum Beispiel, auch. Für die Space-Wichtel-Eltern heißt das:

    "Hier liegen wir im Mittel bei 350 Euro inklusive Vollverpflegung, das heißt, Frühstück, Mittag- und Nachmittagsessen, bei uns in der eigenen Küche gekocht, und das andere sind Fördermittel, die man erhält, und das Gesamtpaket ist dann so verhandelt, dass es umsetzbar ist, oder es geht nicht."

    Im Ballungsraum werden Kita-Plätze noch händeringend gesucht. Ralf Jäckel hofft, demnächst zu expandieren. Mit einer Kita im neuen Frankfurter Europaviertel zwischen Bahnhof und Messe, wieder im Bürogebäude.