Samstag, 20. August 2022

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Hollywood und die Finanzkrise
Eine Erfolgsstory in Varianten

Als Oliver Stone 1987 in seinem Film "Wall Street" von der Gier als Wirtschaftsfaktor erzählte, war das wohl spannend, aber irgendwie auch ein wenig irreal. 2007/2008 aber war die Finanzkrise da. In dieser Woche kommt mit "Money Monster" Jodie Fosters vierte Kino-Regiearbeit ins Kino, hochkarätig in den Hauptrollen besetzt mit Julia Roberts und George Clooney.

Von Hartwig Tegeler | 25.05.2016

    US-Regisseurin Jodie Foster und der britische Schauspieler Jack O'Connell posieren am 17.05.2016 bei einem Fototermin zum Kinostart des Films "Money Monster" in Berlin.
    US-Regisseurin Jodie Foster und der britische Schauspieler Jack O'Connell posieren zum Kinostart des Films "Money Monster" in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
    Und am Ende, was ist am Ende? Ist die Welt wieder gut? Wie wirken die letzten Bilder eines Films, wenn der Zusammenbruch der Weltwirtschaft gerade noch mal eben abgewendet werden konnte zu Lasten, na ja.
    "Es gibt wohl ein Hilfspaket."
    Kino und Finanzkrise, Krisengewinnler und Verlierer: In "The Big Short" bringt der Finanzmakler, den Steve Carell spielt, auf den Punkt, wie das Finanzsystem funktioniert:
    "Die wussten, dass die Steuerzahler sie retten würden. Sie waren gar nicht dumm. Es war ihnen einfach nur egal."
    "The Big Short", Adam McKays Film, mutet uns viel zu, weil eine der Hauptfiguren, die das System hier präzise analysiert, dabei selbst ein Heidengeld verdient am Zusammenbruch. Mit anderen Worten: Der Grundton von "The Big Short" ist Kälte:
    "Was riecht da? - Ich rieche Geld."
    Hollywoodkino mit Defiziten
    Ähnlich wie in dem anderen nicht minder spannendem Film über die Finanzkrise, J. C. Chandors "Der große Crash". "Money Monster" Jodie Fosters Film, ist dagegen, nun ja, handelsübliches Hollywood mit menschelndem Faktor.
    "Mein Name ist Lee Gates. Und die Show heißt 'Money Monster'."
    "Money Monster" erzählt von einem kleinen Anleger, der den Moderator der Finanz-Ratgeber-Show vor laufender Kamera als Geisel nimmt. Kyle hat nämlich wegen der Empfehlung von Lee sein gesamtes Geld verloren.
    "60 Riesen? Es geht um 60 Riesen? - Peanuts für dich, oder? - Ja, schon irgendwie. Geben Sie mir nur fünf Minuten. Ich besorge Ihnen 60 Riesen. Und Sie sind wieder glücklich. - Das macht mich nicht glücklich, Lee. - Gut, wie viel brauchen Sie zu Ihrem Glück? - 800 Millionen."
    Bald stellt sich heraus, dass die 800 Millionen vom Hedgefonds-Manager unterschlagen wurden. Und mit einer Portion Medienkritik nimmt die Gerechtigkeitsmaschine in "Money Monster" ihren Lauf.
    "Schnell."
    Die Geschichte vom "einfachen" Mann, dem das System alles genommen hat, und der nun mit der Knarre um Gerechtigkeit kämpft: Dieser Plot von "Money Monster"- hier im Umfeld der Finanzkrise - ist Blaupause einer Vielzahl von Hollywood-Filmen, hier im Umfeld der Finanzkrise. Aber "Money Monster" ist auch eine Mogelpackung, weil das Drama dieses betrogenen "einfachen" Mannes kaum eine Chance hat, den Zuschauer zu beeindrucken. Denn die Aufmerksamkeit gilt viel mehr - gemäß den Regeln des Star-Kinos - dem Screwballcomedy-Gekabbel zwischen George Clooney als TV-Moderator und seiner Regisseurin Julia Roberts. Was zurückführt auf die Frage vom Anfang: Wie wirkt ein Filmende? Es mag ja beruhigend sein, dass am Ende von "Money Monster" der böse Finanzmanager bestraft wird. Nur das letzte Bild des Films wirkt ganz anders: Julia Roberts und George Clooney, wie sie sich an ihn anlehnt. Dieses Abschlussbild ist klassisches Happyend, süßliche Versöhnung. Kurzum: "Money Monster" ist ein Rohrkrepierer, der die Kritik am Finanzkapitalismus versickern lässt in Hollywood-Klischees. Hier soll nicht verstört werden.
    Eiskalter Finanzkapitalismus
    Die beiden Filme "The Big Short" und "Der große Crash - Margin Call" muten uns da Heftigeres zu.
    "Es hat schon immer Gewinner und Verlierer gegeben. Aber daran wird sich nichts ändern. Arme Leute, reiche Leute. Glückliche Menschen, traurige Menschen."
    "Der große Crash" zeigt den Finanzkapitalismus als System von Eiseskälte. Und der Film hält diese Temperatur. Hier gibt es keine Versöhnung, nur konsequente Verstörung. Den gleichen Ton hat "The Big Short" - wie "Der große Crash", inzwischen auf DVD oder VideoOnDemand herausgekommen. Wobei uns "The Big Short" auch noch die Tatsache zumutet, dass wir Kinogänger nicht verstehen, wie eine Wette gegen den abzusehenden Finanzcrash, um es im Film zentral geht, eigentlich funktioniert. Die Pointe von Regisseur Adam McKay ist bittere Realität: Die Wallstreet-Verantwortlichen haben es genauso wenig verstanden, trotzdem mit dem Feuer gespielt und waren erstaunt, als ihnen ihre komplexen Finanzprodukte um die Ohren flogen. Entsprechend des Satzes von Kevin Spacey in "Der große Crash":
    "Wann haben wir nur begonnen, den Überblick zu verlieren."
    Zynisches Traumbild
    Während sich Julia Robert und George Clooney also am Ende von "Money Monster" aneinander lehnen zum Happyend, entwirft "The Big Short" zum Schluss ein zynisches Traum-Bild von den Folgen des Finanzcrashs:
    "In den folgenden Jahren kamen Hunderte von Bankern und Führungskräften der Rating-Agenturen ins Gefängnis. Die Börsenaufsicht wurde komplett umstrukturiert. Der Kongress hatte keine Wahl und musste die großen Banken zerschlagen. Und die Hypotheken- und Derivate-Industrie regulieren. War ein Scherz."
    Böser Scherz! "The Big Short" kann man übrigens auch als Hintergrund-Analyse der politischen Situation auch in unseren Landen "lesen". Die sozialpsychologische Expertise nach der Krise lautet:
    "Die Banken nahmen das Geld, das das Volk ihnen gab, um sich dicke Boni auszuzahlen, den Kongress zu beeinflussen und die große Reform abzuwürgen. Und dann schoben sie die Schuld auf die Armen und die Immigranten."