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Holocaust-Vergleich
DJV kritisiert heimliche Änderung auf Bitten von Gabriel

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, hat den Umgang mehrerer Zeitungen mit einem Gastbeitrag von Außenminister Gabriel zum Holocaust kritisiert. Nach heftiger Kritik von Historikern an Gabriels Äußerungen wurde der Artikel stillschweigend geändert - auf Bitten des Auswärtigen Amtes.

Von Fabian Wahl | 27.04.2017
    Außenminister Sigmar Gabriel spricht am 29.03.2017 im Auswärtigen Amt in Berlin während eines Statements zum Austrittsantrags Großbritanniens aus der Europäischen Union.
    Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD). (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
    In der Druckausgabe mehrerer Zeitungen der Dumont-Gruppe (25.4.2017) hatte Gabriel geschrieben: "Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes. Die einen waren Opfer politischer Verfolgung, die anderen des Rassenwahns." Diese Darstellung sorgte für Kritik bei Historikern und Bloggern.
    In den Online-Ausgaben der Blätter wurde die Formulierung nach Informationen des Deutschlandfunks auf Bitten des Auswärtigen Amtes nachträglich geändert. Dies gilt für "Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung" und "Kölner Stadt-Anzeiger". Ein Transparenzhinweis, dass die Formulierung abgeschwächt wurde und dass dies nach Anruf des Auswärtigen Amtes geschah, fand sich dort aber zunächst nicht.
    Überall fordert Transparenz ein
    Der DJV-Vorsitzende Überall sagte dem Deutschlandfunk, Medien seien zur Wahrhaftigkeit verpflichtet. Auch ein Außenminister dürfe Fehler machen und dies auch eingestehen. Die Medien müssten entsprechende Änderungen aber transparent nach außen dokumentieren.
    Das Bild zeigt Frank Überall, den Bundesvorsitzenden des DJV (Deutscher Journalisten-Verband).
    Der DJV-Vorsitzende Frank Überall (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
    Die Stellvertretende Redaktionsleiterin der FR-Online, Gemmer, sprach am Donnerstagmittag von einem Versäumnis. Der Transparenzhinweis werde noch hinzugefügt. Dem kam die Redaktion am Donnerstagnachmittag nach - einen Tag nach der Änderung. Dass sich hier das Auswärtige Amt eingeschaltet hatte, wird aber nicht erwähnt.
    Diese Passage wurde unter den Gastbeitrag von Außenminister Sigmar Gabriel auf FR-Online.de gesetzt.
    Diese Passage wurde unter den Gastbeitrag von Außenminister Sigmar Gabriel auf FR-Online.de gesetzt. (Screenshot/FR-Online)
    Auswärtiges Amt bedauert
    Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes hatte dem Deutschlandfunk gesagt, man bedauere die Wortwahl. Nach Informationen von Deutschlandradio Kultur hat Gabriel den Gastbeitrag selbst verfasst.
    Der Historiker Norbert Frei sprach von einer peinlichen Panne. Es komme immer häufiger vor, "dass eine kurzgefasste Formulierung wie der Holocaust für den Nationalsozialismus, die ganze NS-Geschichte, das Dritte Reich, die Verfolgung auch der einzelnen Gruppen Verwendung findet", sagte er Deutschlandfunk Kultur.
    Wippermann nennt Aussage "furchtbar"
    Der Historiker Wolfgang Wippermann ging noch weiter und kritisierte die Aussage als "furchtbar". "Die Sozialdemokraten waren nach den Kommunisten die ersten Insassen der deutschen Konzentrationslager, aber sie konnten gar nicht Opfer des Holocaust werden, weil die Sozialdemokraten weder zu einem Volk, noch zu einer Religion, noch zu einer Rasse gehören", sagte Wolfgang Wippermann Deutschlandfunk Kultur.