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StartseiteForschung aktuellHumane Papillomaviren auf dem Rückzug16.05.2012

Humane Papillomaviren auf dem Rückzug

Fünf Jahre nach Einführung der HPV-Impfung

Die Euphorie war groß, als vor rund fünf Jahren ein Impfstoff gegen humane Papillomaviren (HPV) auf den Markt kam. Einige dieser Viren gelten als Hauptauslöser für Gebärmutterhalskrebs. Doch in Deutschland wird die Impfung eher schleppend angenommen, ganz im Gegensatz zu Australien, wo die Impfraten bei 90 Prozent liegen - mit messbarem Erfolg.

Von Marieke Degen

HPV-Impfungen bestehen aus jeweils drei Einzelspritzen, die innerhalb von sechs Monaten verabreicht werden. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
HPV-Impfungen bestehen aus jeweils drei Einzelspritzen, die innerhalb von sechs Monaten verabreicht werden. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Christian Dannecker ist Oberarzt an der Klinik für Frauenheilkunde an der LMU München. Jeden Dienstag bietet er eine Dysplasie- und Vulvasprechstunde an.

"Mit HPV habe ich insofern schon seit 15, 16 Jahren zu tun, dass ich gerade die Frauen behandle und untersuche und berate, die eben HPV-Infektionen und die Folgen einer solchen Infektion haben."

Fast jede Frau infiziert sich im Laufe ihres Lebens mit humanen Papillomaviren. Die meisten merken das nicht einmal, sie sind die Infektion nach ein, zwei Jahren wieder los. Doch manche Frauen bekommen von den Viren Genitalwarzen - oder sogar eine Krebsvorstufe. Und die kann sich im Laufe der Jahre zu Gebärmutterhalskrebs entwickeln. Seit fünf Jahren können sich Frauen gegen HPV impfen lassen. Und in Australien macht sich das heute schon bemerkbar:

"Es werden einfach weniger Frauen mit diesen Genitalwarzen beobachtet. Weniger Frauen haben diese Diagnose von Genitalwarzen, die sehr unangenehm sind, die unästhetisch sind, die sehr schwierig zu behandeln sind, die auch immer mal wieder kommen können, nachdem man sie therapiert hat."

2007 hat die australische Regierung ein HPV-Impfprogramm aufgelegt. Damals sind erstmal alle Mädchen und junge Frauen von 12 bis 25 Jahren geimpft worden, heute immer alle 12- bis 13jährigen. Es gibt dafür ein extra Schulprogramm, sie bekommen drei Injektionen innerhalb von sechs Monaten. Die Impfbereitschaft ist hoch, sie liegt bei 80, 90 Prozent. Parallel dazu laufen Studien, die den Nutzen der Impfung überprüfen. Und jetzt zeigt sich: Bei jungen Frauen sind die Fälle von Genitalwarzen zurückgegangen - um 60 Prozent.

"Und wenn man diese Zahlen in einem kurzen Zeitraum halbieren kann, dann ist das glaube ich etwas, das sehr, sehr erfolgreich und sehr erstrebenswert ist."

Die ersten Studien aus Australien zeigen, dass die Impfung wirkt. In ein paar Jahren könnte die Bilanz noch besser aussehen, sagt Christian Dannecker.

"Die Mädchen, die 12,13 Jahre alt sind, die sind HPV-negativ, wir sagen HPV-naiv - wenn die geimpft werden, gehen wir derzeit davon aus, dass wir über 90 Prozent aller Krebsvorstufen, und zwar unabhängig vom HPV-Typ, verhindern können. Und das haben wir in der Wirklichkeit noch nicht beobachten können, warum nicht, weil die Beobachtungszeiträume einfach zu kurz sind. Wir wissen, dass man viele Jahre bis Jahrzehnte braucht, bis man da einen tatsächlichen Effekt sieht. Die Impfung gibt es aber erst seit 2007, deshalb werden wir die echten Effekte erst in zehn, zwanzig Jahren sehen."

Und sehr wahrscheinlich wird es dann auch weniger Krebsfälle geben:

"Wenn wir 70, 80, 90 Prozent der Krebsvorstufen verhindern können, werden wir sicherlich auch 70, 80, 90 Prozent der Gebärmutterhalskrebse vermeiden können."

Die Daten aus Australien zeigen auch: Sogar Männer profitieren von der Impfung, auch sie haben weniger Genitalwarzen - und das, obwohl sie selbst nicht geimpft werden. Aber weil so viele Frauen vor HPV geschützt sind, geben sie das Virus auch nicht an die Männer weiter. Es gibt offenbar eine Herdenimmunität. In Deutschland sind solche Effekte erstmal nicht zu erwarten. Hierzulande lässt sich nur jedes dritte Mädchen impfen. Viel zu wenig, sagt Lutz Gissmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

"Was es halt bräuchte, wäre eine Kampagne. Und zwar nicht von Firmen, sondern vielleicht von der Krebshilfe oder von offizieller Seite. Dass man halt sagt, Leute, das ist extrem wirksam, sieht man ja in Australien jetzt, macht das."

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Lutz Gissmann wäre dafür, noch viel früher zu impfen. Dann könnte das der Kinderarzt übernehmen. Außerdem würden jüngere Mädchen besser auf den Impfstoff reagieren und mehr Antikörper bilden.

"Bei jüngeren Mädchen ist es ungefähr zwei- bis fünfmal höher, also zwei bis fünfmal mehr Antikörper und dann, es gibt eine Studie, die ist auch sogar jetzt bei Neunjährigen gemacht worden, und da ist es so, dass die Antikörperantwort gleich ist, sogar, wenn man nur zweimal impft. Das ist der neueste Trend, dass man sagt, vielleicht reichen ja zwei Impfungen. Also ich würde in jedem Fall sagen, das würde sich lohnen."

Die Impfstoffe seien gut verträglich, sagen Arzneimittelbehörden aus den USA, Australien und Europa. Die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen, meistens handelt es sich um Hautrötungen oder leichtes Fieber. Christian Dannecker macht vor allem eines Sorgen: dass sich geimpfte Frauen zu sicher fühlen und nicht mehr zur Krebsvorsorge gehen.

"Es wird immer noch ein kleines Restrisiko bestehen, trotz der Impfung, und wenn wir dieses Restrisiko nicht entdecken, weil die Frau nicht zum Screening geht, dann kann tatsächlich der Nutzen einer Impfung total aufgehoben werden. Also insofern bleibt die Empfehlung, weiterhin zum Screening zu gehen, auf jeden Fall bestehen."

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