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StartseiteForschung aktuellNachweis von Drogen in Kläranlagen 26.03.2019

Hydrologe zur Abwasser-StudieNachweis von Drogen in Kläranlagen

Eine Studie des Netzwerks SCORE hat das Wasser in Kläranlagen nach illegalen Drogen untersucht. Demnach würde in Städten wie Dresden, Chemnitz und Erfurt besonders viel Metamphetamin konsumiert, so der Hydrologe Björn Helm im Dlf. In Berlin steige der Konsum von Kokain.

Björn Helm im Gespräch mit Arndt Reuning

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Gereinigtes Wasser strömt in das Filtrationsbecken eines Klärwerks (picture-alliance / dpa / Keystone / Christian Beutler)
Das europaweite Netzwerk SCORE hat das Abwasser verschiedener Städte nach illegalen Drogen untersucht (picture-alliance / dpa / Keystone / Christian Beutler)
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Arndt Reuning: In Kläranlagen landen immer mehr Chemikalien, die nur schwer abgebaut werden und dort eigentlich auch nicht hingehören. Bestimmte Süßstoffe zum Beispiel, Kontrastmittel für die Medizin oder natürlich auch Medikamente. Das europaweite Netzwerk SCORE hat eine ganz bestimmte Klasse dieser Spurenstoffe im Blick, nämlich illegale Drogen: Kokain, Speed, Crystal Meth und Ecstasy. Auch diese Substanzen finden ihren Weg in Kläranlagen und lassen sich dort nachweisen. Und aus den Messungen lässt sich der Konsum der Drogen im Einzugsgebiet abschätzen.

Die neuesten SCORE-Ergebnisse sind gerade veröffentlicht worden. Einer der beteiligten Forscher aus Deutschland ist Björn Helm. Er leitet die AG Siedlungshydrologie an der Technischen Universität Dresden. Ich wollte von ihm wissen, wie die Ergebnisse für das Jahr 2018 aussehen.

Björn Helm: Für 2018 haben sich auch wieder Tendenzen bestätigt, die wir in den Vorjahren beobachtet haben. Wir finden sehr hohe Amphetaminwerte beispielsweise in Saarbrücken. Da ist sogar in diesem Jahr der europaweit höchste Wert gemessen worden. Für Metamphetamin sehen wir in Ostdeutschland sehr hohe Werte. Also die beteiligten Standorte in Dresden, Chemnitz und Erfurt gehören da auch zur europäischen Spitzengruppe beim Metamphetamin-Konsum. Wir sehen einen leichten Anstieg auch bei verschiedenen Drogen für den Standort Berlin.

"Konsum von Metamphetamin hat in Ostdeutschland einen Schwerpunkt"

Reuning: Amphetamin, das wird als Droge Speed verkauft. Metamphetamin, das ist Crystal Meth. Lässt sich denn erklären, warum Deutschland gerade die Gruppen Amphetamin und Metamphetamin so stark anführt?

Helm: Das lässt sich nicht so leicht schlussfolgern. Da gehören natürlich auch sozialwissenschaftliches und drogenpräventives Kontextwissen dazu. Was man aber erkennen kann, ist, dass der Konsum von Metamphetamin in Ostdeutschland einen Schwerpunkt hat, wo die Nähe zur tschechischen Grenze eine Rolle spielt, da Tschechien ein bedeutender Importpfad für Metamphetamin darstellt. Also viel des konsumierten Metamphetamins wird aus Tschechien importiert. Für Amphetamin kann man das in ähnlicher Weise auch über den grenzübergreifenden Drogentransport aus Frankreich und Belgien sagen.

Reuning: Wie sieht die Situation aus, wenn man das Kokain in Deutschland betrachtet?

Helm: Da haben wir im Jahr 2017 umfangreichere Untersuchungen gemacht. Da zeichnet sich das Bild regional differenzierter. Also wir haben hohen Konsum in Dortmund und in Berlin und auch in den Großstädten Frankfurt und Hamburg, aber es gibt nicht so dieses klare regionale Cluster, wo der Konsum stark hervortritt.

Reuning: Das Score-Netzwerk misst diese Substanzen nun bereits seit geraumer Zeit. Lassen sich daraus denn Langzeitbeobachtungen ableiten, auch im Gesamtblick auf Europa?

Helm: Ja, das kann man machen. Man muss dazu einordnen, wir messen natürlich nur im Verlauf von einer Woche die Konzentration. Es wäre schön, wenn wir Messungen kontinuierlicher über das ganze Jahr hätten, sodass wir auch die Veränderungen im Jahr abbilden können, aber es zeigen sich teilweise schon stabile Trends, zum Beispiel ein kontinuierlicher Anstieg beim Kokain in Berlin über die vergangenen Jahre.

"Kontinuierlicher Anstieg beim Kokain in Berlin"

Reuning: Eine Untersuchung des Abwassers auf Drogen zeichnet ja ein umfassendes Bild des Drogenkonsums in einer Region. Wie gehen Sie denn genau dabei vor? Wie messen Sie denn diese Stoffe?

Helm: Für das Probeentnahmeprogramm werden in der Regel die Proben am Zulauf der Kläranlagen entnommen, und das über den gesamten Tag verteilt. Aus diesen über den Tag verteilten Proben werden dann Mischproben erstellt, die im Labor analysiert werden. Mit denen Bevölkerungszahlen der an die Kläranlage angeschlossenen Einwohner und der Menge an Abwasser, die die Kläranlage erreicht, können wir dann zurückrechnen, wie viel Menge eines Stoffes am Tag konsumiert wurde.

Reuning: Gemessen werden ganz klassische Wirkstoffe. Müsste man nicht auch verstärkt die sogenannten neuen psychoaktiven Substanzen im Blick haben, die auch als Legal Highs bekannt sind, also synthetische Drogen, Designerdrogen, die verstärkt auf den Markt drängen?

Helm: Ja, das ist ein spannendes Forschungsfeld, das auch gerade so in den ersten Untersuchungen mit abgedeckt wird in diesen abwasserbasierten Untersuchungen. Im Rahmen von dem Score-Programm haben wir uns auf eine begrenzte Zahl von Stoffen geeinigt, wo der Fokus eher auf den langfristigen Untersuchungen liegt. Die Legal Highs sind aber sicher ein interessantes, spannendes Feld, diese Untersuchungen zu erweitern, und von der analytischen Methodik her würde das ähnlich ablaufen. Man müsste sich auf eine Liste von Stoffen einigen, die da besonders vordringlich sind.

Reuning: Wo sehen Sie denn den großen Vorteil dieser Methode, aus dem Abwasser die Menge der konsumierten Drogen zu bestimmen?

Helm: Im Gegensatz zu anderen Erhebungsmethoden können wir mit unseren Daten Aussagen über gesamte Ortschaften und über gesamte Einzugsgebiete der Kläranlagen treffen. Andere Methoden wie Fragebögen oder die Erhebung von Suchtstatistiken beruht ja auf Individuen, von denen man rückschließen muss auf die Gesamtbevölkerung, und da ergänzen wir bestehende Methoden sehr gut mit unseren Erhebungen. Es ist aber im Moment sehr schwierig, diese Erprobungskampagne in einem größeren Umfang zu finanzieren, weil das sozusagen kein klassisches Förderfeld in der Suchtprävention oder in der Suchtforschung auch darstellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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