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StartseiteBüchermarktHysterie als Modeerscheinung05.06.2005

Hysterie als Modeerscheinung

Per Olov Enquist: Das Buch von Blanche und Marie

"Das Buch von Blanche und Marie" bringt vier historische Gestalten vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen: Die Physiker Marie Curie und Paul Langevin, den berühmten Pariser Psychiater Charcot sowie seine mit hysterischen Symptomen eingelieferte Patientin Blanche Wittman, von der wenig in Erinnerung geblieben ist. Dabei war Blanche zu ihrer Zeit berühmt, so etwas wie ein Star.

Von Martin Ebel

Marie Curie, (AP Archiv)
Marie Curie, (AP Archiv)

"So war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte". Ein raunender Satz, der von einem vormodernen Erzähler zu kommen scheint, einem Erzähler, an dessen Lippen die Zuhörer hängen, dem sie bedingungslos glauben, weil sie keine andere Quelle der Wahrheit haben - und weil sie glauben wollen, dass es so war, wie sie es erzählt bekommen. Die Erzähler der Moderne dagegen sind zutiefst skeptisch gegenüber ihrem Gegenstand und der Gewissheit, sich über ihn äußern zu können; und aufgeklärte Leser teilen diese Skepsis. Aber auch wenn in unseren Zeiten ein Leser ein Buch öffnet, dann schließen er und der Autor, ohne voneinander zu wissen, einen Pakt miteinander. Der Inhalt des Paktes ist, dass der Leser bedingungslos glaubt, was der Autor erzählt, und dass der Autor sich alle Mühe gibt, glaubhaft zu erzählen. Während der Stunden, die der Leser mit dem Buch verbringt, gilt der alte beschwörende Satz wieder: "So war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte."

Nun steht dieser Satz wörtlich im neuen Roman von Per Olov Enquist, und dieser Autor hat, wie etliche seiner Kollegen in den letzten Jahrzehnten, die erzählerische Skepsis in seine Bücher tief eingegraben. Was können wir schon wissen über das, was wir erzählen? fragt er, implizit oder explizit, während er erzählt. Was er vorbringt, zieht er zugleich in Zweifel, und so schwebt gerade der affirmativste Satz "So war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte" in der Luft; der Boden der Gewissheit ist ihm entzogen worden.

Enquist, 1934 geboren und in der nordschwedischen Provinz Västerbotten aufgewachsen, ist an der europäischen Avantgarde geschult, eines der Modelle, an denen er sich orientierte, ist der französche "Nouveau roman", der alle Bestandteile traditioneller Erzählkunst atomisiert hat. Starken Einfluss übte auf ihn auch die Dokumentarliteratur aus, und beide Einflüsse sind bis heute zu spüren, auch im jüngsten Roman "Das Buch von Blanche und Marie". Beide Einflüsse hat er sich angeeignet und anverwandelt; seine Romane sind von ihnen durchdrungen, aber ganz und gar eigen- und einzigartig. Sie greifen gern Gestalten aus der Geschichte auf , beleuchten sie aber aus unerwarteter Perspektive oder spinnen ihr Leben auf überraschende Weise weiter. Sie vermischen Fakten und Fiktion, zitieren vorhandene Dokumente und erfinden neue, stellen Erkenntnisse her und wieder in Frage.

"Das Buch von Blanche und Marie" ist eigentlich das Buch von Blanche, Marie und zwei Männern. Es bringt vier historische Gestalten vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. Über zwei von ihnen, die Physikerin Marie Curie und den Psychiater Charcot, wissen wir viel, über Paul Langevin, ebenfalls ein Physiker, ein bisschen, und über Blanche Wittman fast nichts. Dabei war Blanche zu ihrer Zeit berühmt, so etwas wie ein Star:

" Sie kam als Achtzehnjährige in Salpêtrière-Krankenhaus in Paris und wurde mit nervösen oder, wie man später feststellte, hysterischen Symptomen als Patientin aufgenommen. Sie war früher anders behandelt worden, also staccato, doch nun wurde sie vom Schloss umarmt. Ihre Melancholie äußerte sich in somnambulen Krämpfen, die sich jedoch nach einer Stunde lösten; man stellte schnell fest, dass es sich nicht um einen Typ von Epilepsie handelte, sondern eben um Hysterie. Der Chef des Krankenhauses, ein Professor Charcot, wurde von einer eigentümlichen Bindung an sie, fast Ergebenheit für sie, ergriffen, und sie wurde seine Lieblingspatientin. "

Charcots Behandlungen waren öffentlich. Dutzende Personen wohnten ihnen bei, beileibe nicht nur Studenten. Er versetzte seine Patientinnen durch Hypnose in einen schlafähnlichen Zustand und provozierte dann durch Druck auf bestimmte Regionen des Körpers, die "Druckpunkte", einen Anfall, der ganz unterschiedlichen Verlauf nehmen konnte; völlige Starrheit, aber auch wilde Ausbrüche mit Zähneknirschen, Stöhnen und Aggressionen, schließlich der berühmte "Bogen", zu dem sich die Körper der Patientinnen krümmten. Die Hysterie war eine Modekrankheit zu jener Zeit und Charcot ihr Entdecker - oder soll man sagen: ihr Erfinder? Und so wie die Zuschauer sich zu den Behandlungen drängten - unter ihnen war einmal der Dramatiker Strindberg und regelmäßig auch der junge Sigmund Freud, der Charcots Assistent wurde, seine Vorlesungen ins Deutsche übersetzte und über die Hysterie zu seiner eigenen Theorie finden würde -, so drängten sich auch die Patientinnen danach, als Hysterikerinnen anerkannt und öffentlich behandelt zu werden. 6000 Frauen waren in der Salpêtrière gefangen, Geisteskranke, mit denen man nichts anzufangen wusste und die man deshalb wegsperrte, unter entwürdigenden Bedingungen. Eine Möglichkeit des Aufstiegs war, von Charcot entdeckt und der öffentlichen Behandlung für würdig befunden zu werden. Es waren diese Hysterikerinnen,

" ...die beharrlich daran arbeiteten, "Sterne unter den Ratten" zu werden, und von denen es hieß, sie nähmen jede Gelegenheit wahr, bei Professor Charcots Vorführungen und Behandlungen durch extravagante Verrenkungen, "Regenbogen", verschiedene akrobatische Übungen und gutturale Schreie der Verzweiflung, Freude oder Erleichterung, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen."

Neben Jane Avril, die später das Modell des Malers Toulouse-Lautrec werden sollte und die in diesem Roman eine Nebenrolle spielt, war Blanche Wittman der Stern der Sterne, die "Königin der Hysterikerinnen". Ihre "Karriere" als Starpatientin ist dokumentiert; es gibt sogar eine Fotografie in den Akten der Salpêtrière sowie ein berühmtes Gemälde von André Brouillet, das im Pariser Musée de l'histoire de la médecine hängt und Blanche bewusstlos in den Händen Charcots zeigt, den Kopf zurückgebogen, ihr prachtvolles Dekolleté dem Betrachter präsentierend: eine Männerphantasie. Und was war die ganze Hysterie anderes als eine Konstruktion neugieriger Forscher-Männer, die glaubten, auf diese Weise Zugang zu dem rätselhaften Wesen Frau zu erhalten? Charcot, der Zeremonienmeister der hysterischen Theateraufführungen - denn es war bei den begabteren unter den Frauen, die rasch begriffen, was man von ihnen erwartete, nicht zu unterscheiden, was ein echter und was ein gespielter Anfall war - Charcot war ein fortschrittlicher und humaner Arzt. Er schnitt nicht an den Körpern der kranken Frauen herum, sondern versuchte sein Glück mit unblutigen Methoden.

"Was Schmerzen an den Eierstöcken betraf, die so genannten Ovariumssymptome, konnten folgende Methoden zur Anwendung kommen. Wenn die Patientinnen - auf eigenen Wunsch - die Behandlung dieser Unterleibsschmerzen verlangten, konnte dies vermittels Anwendung von Druck, Pressen, festen Schlägen oder, in gewissen Fällen, vermittels "Schwertschlägen" geschehen, wobei mit Schwertern, unter Anwendung der Breitseite, gegen den Bauch geschlagen wurde, bis die Schmerzen abnahmen. In der Geschichte der Medizin war dies eine übliche Methode bei der Behandlung solcher Schmerzen, aber Charcot hatte darauf hingewiesen, wie wichtig es war, dass das Blatt nicht gedreht wurde, da sonst Schnittwunden und Blutungen im Unterleib auftreten konnten. "

Charcot war, wie Enquist es formuliert, ein Aufklärer, der mit einem Fuss noch im Okkultismus stand. Die Entdeckung der Psychopharmaka stand noch aus; in der Diagnose behalf man sich mit abenteuerlichen Spekulationen, die man "Theorien" nannte und denen die Vorstellung zugrunde lag, die Frau sei ein völlig anderes Wesen als der Mann, ein - wie die klassische Metapher lautete - unbekannter Kontinent, den es zu entdecken gelte. Die Hysterie galt als Einstieg in diesen Kontinent, als privilegierter Zugang zu seinen Geheimnissen.

"Die Hysterie faszinierte Charcot, weil er dort eine Mischung aus Chaos und Ordnung finden konnte, die ihm gerade als Aufklärer zusagte. In der Hysterie gab es, meinte er, ein gewisses System, einen geheimen Kode, der, wenn entschlüsselt, Anhaltspunkte für den Sinn des Lebens geben konnte: diese Mischung aus Chaos und Ordnung besaß eine fast musikalische Form, war eine Komposition aus Andante, Allegro und Adagio. Die hysterischen Krisen, die hervorzurufen ihm durch die Erfindung - oder, wie er auch meinte, die Entdeckung - der Druckpunkte am menschlichen Körper gelungen war, diese Krisen begannen mit der Aura und gingen in epileptische, klonische Konvulsionen über, danach die attitudes passionelles, die die Zuschauer so in Erstaunen versetzten, und schliesslich in die entspanntere und gefühlvolle Phase. Das war der Mensch als Sinfonie. Er hatte immer Komponist werden wollen. "

Die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft sind fließend in dieser Vorstufe der modernen Psychiatrie, was einen Künstler wie Enquist natürlich hochgradig anziehen muss. Enquist breitet nun aber kein üppiges Tableau des Geschehens aus, sondern referiert kurz und knapp, perspektivisch gebrochen und in immer neuen, kreisenden Ansätzen. Wichtig ist nicht, wie es war, sondern was daraus zu begreifen ist: Dass der Mann, indem er sich als Entdecker und Eroberer gebärdet, eigentlich ein Konstrukteur ist, dass das, was er zu finden meint, sein eigenes Werk ist. Die moderne Physik, die in diesen Zeiten ihren Anfang nimmt, wird später eine ähnliche Entdeckung machen, die ihrer Erkenntnisfähigkeit grundsätzliche Grenzen setzt, dass nämlich bei der Erforschung der kleinsten Teile der Materie - dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie es der Naturforscher und Künstler Goethe ausgedrückt hatte - die Beobachtung das verändert, was beobachtet werden soll. Und auch die Psychoanalyse, die aus den Sitzungen Charcots wichtige Impulse erhalten hatte, tritt bis heute mit wissenschaftlichem Anspruch auf, aber konstruiert auch sie nicht genau das, was sie vorzufinden meint?

"Das Buch von Blanche und Marie" ist also ein wissenschaftshistorischer und wissenschaftskritischer Roman, der das, was in jener Umbruchsphase als Revolution erschien, mit Rücksicht auf den damaligen Erkenntnisstand nachzeichnet, aber auch erlaubt, dass der Leser mit dem heutigen Erkenntnisstand sich darüber amüsiert - wenn ihn nicht die Beschreibung der Ovarienpresse und anderer Wohltaten schaudern lassen. Die Fortschrittseuphorie von damals erscheint im Rückblick als Hybris. Von der "Arroganz des Zwanzigsten Jahrhunderts" spricht Enquist, des Jahrhunderts, das antrat, die letzten Winkel des Unbekannten mit dem Licht der Vernunft zu erfüllen und das doch das Dunkelste der Menschheitsgeschichte werden würde mit seiner industriellen Massenvernichtung. Die Dialektik der Aufklärung spürt Per Olov Enquist hier in zwei zeitlich und lokal benachbarten Wissensgebieten auf: das eine ist die Psychiatrie, das andere die Entdeckung der radioaktiven Strahlung.

Marie Curie, die dritte Hauptperson des Romans, die berühmteste Naturwissenschaftlerin aller Zeiten, die einzige, die zweimal den Nobelpreis erhielt, einmal für Physik, einmal für Chemie, sie arbeitet in einem primitiven Labor in Paris an einem Stoff mit seltsamen Eigenschaften: der Pechblende. Und sie hat eine Assistentin - niemand anderes als Blanche Wittman. Enquist hat dieser historischen Figur, von deren weiteren Ergehen nach der Entlassung aus der Salpêtrière nichts bekannt ist, eine zweite Lebenshälfte geschaffen.

"Das Laboratorium war eigentlich ein alter Holzverschlag, ein verlassener Wagenschuppen aus Brettern, dessen Glasdach sich in einem so erbärmlichen Zustand befand, dass der Regen diesen elenden Schuppen die ganze Zeit durchtränkte, den die Medizinische Fakultät vor langer Zeit als Obduktionssaal benutzt hatte, der aber später nicht für würdig erachtet wurde, menschliche oder auch nur tierische Kadaver zu beherbergen. Er hatte keinen Fußboden, der Boden war lediglich von einer Asphaltschicht bedeckt, und das Mobiliar bestand aus einigen altertümlichen Küchentischen, einer schwarzen Tafel sowie einem alten gusseisernen Kamin mit rostigem Rohr. "

In diesem Verschlag isolieren Marie Curie und ihre Assistentin Blanche Wittman aus Tonnen von Pechblende einige Gramm Radium, ein neues Element mit wunderbaren und gefährlichen Eigenschaften. Es bringt ein blaues Leuchten hervor, aber Marie ruiniert sich ihre Hände bei der Arbeit mit ihm. Von der Gefährlichkeit radioaktiven Materials hat lange niemand eine Ahnung. Ganz im Gegenteil. Enquist weiß Geschichten aus der Frühzeit der Radioaktivität zu erzählen, bei denen es einem kalt den Rücken herunterläuft:

"Lange wurde die Strahlung als heilkräftig angesehen: die radioaktiven Heilbrunnen sehr populär, die radioaktiven Flaschen mit "Curie-Haarwasser", das gegen Haarausfall helfen sollte, viel verkauft. Eine "Crema Activa" versprach "Wunder". Eine europäische Pharmakopöe von 1929 verzeichnete achtzig Patentarzneien mit radioaktiven Ingredienzien, sämtlich wunderwirkend: Badesalze, Linimente, Stuhlpillen, Zahnpasta und Pralinen. "

Am verheerensten wirken lässt Enquist die Strahlung auf seine Heldin Blanche. Ihr müssen beide Beine und der linke Arm amputiert werden; als "Torso" lebt sie in einem kleinen Holzkasten auf Rädern, den ihr Marie Curie hat bauen lassen, und wartet auf den Tod, Grauen erregendes Inbild des zerstörerischen Potenzials, das der Radioaktivität innewohnt. Blanche hat nicht nur diese emblematische Funktion innerhalb des Erzähluniversums, sondern auch romanimmanent eine Aufgabe: Sie soll Marie beistehen in der Liebe, und sie soll es, weil sie ihr als Expertin gilt, als jemand, der das Geheimnis der Liebe gelüftet hat - indem sie es ausgelebt und ausgelitten hat. Enquists neuer Roman erzählt nicht nur das Menetekel der Naturbemächtigung zu Anfang des letzten Jahrhunderts, angewendet auf die menschliche Psyche und die tödliche Strahlung; er erzählt auch zwei Liebesgeschichten, beide hochemphatisch und beide hochgradig zerstörerisch. Die eine führt zum Tod des Mannes, die andere zu Skandal und Ruin der Frau. Es ist die Liebesgeschichte zwischen Professor Charcot und seiner Starpatientin, und es ist die Affäre zwischen Marie Curie und dem verheirateten Physiker Paul Langevin. Blanche und Charcot vereinigen sich ein einziges Mal, der schwer herzkranke Charcot überlebt den Akt nicht. Marie und Langevin können ihre Liaison sechs Monate geheim halten, dann fliegt sie auf und verursacht einen gesellschaftlichen Skandal, der - damals nicht anders als heute - von der Skandalpresse angeheizt, ja eigentlich überhaupt erst gemacht wird. Auch hier wieder: Wirklichkeit als Konstruktion.

"Es gab keine Zeitung, die nicht vor Wut schäumte. Le Petit Journal meinte, es sei notwendig, die für sie verlorene Dreyfusdebatte wieder aufzunehmen: Marie war ja mit Sicherheit Jüdin, und der Zusammenhang, wenn auch entfernt, war offensichtlich. Eine Jüdin und Ausländerin bedrohte jetzt die französische Familie von innen heraus. Wieder das gleiche! Wie in der Armee! Wie in der Politik! "

In den Skandal platzt die Nachricht, dass Marie Curie der zweite Nobelpreis zuerkannt worden ist. Das schwedische Komitee, bis zu dem der Rumor gedrungen ist, legt ihr nahe, der Ehrung fern zu bleiben, um Aufsehen zu vermeiden. Sie geht darauf nicht ein; sie besteht darauf, das, was sie verdient bekommen hat, auch entgegenzunehmen. Schlimmer noch als die öffentliche Schlammschlacht, bei der gestohlene Liebesbriefe publiziert werden, schlimmer als die Hetzmeute, die sie bis in ihre Zuflucht auf dem Lande verfolgt, schlimmer noch ist für sie die Schwäche des geliebten Mannes, der sich von der Ehefrau erpressen lässt, zu ihr zurückzukehren. Die Liebe ist ein Desaster. Und sie ist das Höchste, das Heilige, der Gral - zwischen diesen Extremen schwankt Marie, die Forscherin, die die flüchtigsten und gefährlichsten Elemente analysieren kann, aber gegenüber dem, was in ihr drängt und sehnt, hilflos ist.

"Was ist die chemische Formel für Begierde? Und warum existiert kein Archivmeter der Liebe, warum verändert sich die Liebe ständig, ganz anders als der Archivmeter, dieser zehnmillionste Teil des Erdmeridianquadranten, warum kein Atomgewicht für Begierde, festgelegt, preisgekrönt, für alle, für alle Zeit, für allzeit? "

Blanche wiederum, die ihre Vereinigung mit Charcot als ekstatischen Liebestod erlebt - und ekstatisch beschreibt ihn Enquist, effektvoll ganz ans Ende dieses Romans verlegt -, Blanche kann Marie auch nicht helfen. Sie sucht selbst, das Unbegreifliche zu begreifen, und es gelingen ihr nur einzelne Sätze, die nichts erklären, nur markieren:

"Ich bleibe immer bei dir"

... ist ein solcher Satz, den Liebende gern sagen. Ernst genommen, bedeutet er die Unbedingtheit des Bekenntnisses zum Anderen. Enquist enthüllt aber sogleich die bedrohliche Seite dieses Satzes, indem er Blanche eine Geschichte erzählen lässt, in der die Untrennbarkeit der Liebenden schaurige körperliche Gestalt angenommen hat. Es ist die Geschichte von Pasqual und Maria Pinon.

"Pasqual Pinon war ein mexikanisches Monster, das in einer Grube arbeitete, ein Monster mit einem Doppelkopf. Der zweite Kopf war ein Frauenkopf. Sie hieß Maria. In den zwanziger Jahren waren sie mit einer amerikanischen Freakshow an der Westküste auf Tournee. Ihr Kopf wuchs oben aus seinem heraus, er trug sie, wie ein Grubenarbeiter seine Stirnlampe trägt. Sie war schön. Sie war auch eifersüchtig: Wenn er mit anderen Frauen sprach, sang sie böse. Es war lautlos, aber der Schmerz zerriss ihn beinah. Es war in gewisser Weise eine normale Ehe. "

Blanche, eine große Liebe hinter sich, eine große neben sich, die ihrer Freundin Marie, und den nahen Strahlentod vor sich, versucht, ihrem Leben einen Sinn zu geben, indem sie es interpretiert - schriftlich. Die "Fragebücher", drei verschiedenfarbige Notizbücher in einer braunen Mappe gesammelt, hat sie hinterlassen - und Per Olov Enquist hat sie erfunden. Das fiktive Dokument - auf dessen Deckel der lateinische, von der Wirklichkeit grausam dementierte Satz "Amor omnia vincit", die Liebe besiegt alles, steht - läuft dem Erzähltext parallel, durch den ganzen Roman hindurch, beide Ebenen kommentieren einander und konkurrieren miteinander. Blanches Eintragungen geben der erfundenen historischen Wirklichkeit Authentizität, und Enquists Prosa gibt Blanches Sätzen das Gewicht, das ihnen zukommt: das einer Selbstbefragung, die zugleich eine Selbsttäuschung ist. Blanche, schreibt Enquist,

"Blanche will sich wohl verteidigen. Und ihrem entsetzlichen Leben einen Sinn geben. Kein Wunder. Wir wollen doch alle, dass es zusammenhängt. "

Dieser Sinn kann für Blanche nur in der Liebe liegen, genauer: In der Stilisierung des Liebeserlebnisses zum Heiligen Gral, zum Absoluten, neben dem die realen Beeinträchtigungen, selbst die Beschneidung ihres Körpers, kein Gewicht mehr haben. Aus dieser Stilisierung rührt die hochtönende Sprache her, und aus der Innenperspektive Blanches die gefährliche Nähe zum Kitsch; er ist sozusagen das literarische Medium, an dem sich ein Autor, selbst ein Autor wie der große Per Olov Enquist, verbrennt. Er setzt sich der Strahlung aber wissentlich aus, denn er weiß: Nur aus der Außenperspektive begreift man die Liebe nicht; es braucht die Einfühlung, die Identifikation oder eben die fiktive Authentizität des "Fragebuchs", um sich der Wahrheit der Liebe, die nur eine gefühlte Wahrheit sein kann, zu nähern. In seiner eigenen Prosa reagiert Enquist auf die Strahlendosis der Liebe mit schmerzhaften Zuckungen. Seine Sätze zerfallen in Bruchstücke, drehen sich um sich selbst, kehren immer wieder zum Ausgangspunkt zurück, ziehen sich zusammen - wie, um ein schönes Bild von Enquist selbst zu bemühen, die Auster, auf die man Zitronensaft geträufelt hat. Die schmerzhafte Emphase drückt sich nicht zuletzt in einer übermäßigen Zahl von Ausrufezeichen aus, mit dem Effekt, dass auch der Leser mit der Zeit immer öfter schmerzhaft zusammenzuckt. Enquist reagiert auch deshalb so empfindlich, weil - wie in allen seinen Romanen - seine eigene Geschichte verhandelt wird: verdrängte Sexualität, die sektenhafte Beschränkung der religiösen Erziehung, über die er lang und breit in seinem letzten Roman "Lewis Reise" gehandelt hat. Im "Buch von Blanche und Marie" durchstößt die eigene Vergangenheit nur gelegentlich die Erzähloberfläche, dann aber stark genug, um die innere Verwandtschaft des Erzählers zu seinem Stoff, zu seinen Personen zu zeigen. Schließlich ist "Das Buch von Blanche und Marie" auch ein Roman über die Unmöglichkeit des Erzählens - des zugleich so notwendigen, unabdingbaren Erzählens. Es gibt drei zentrale poetologische Passagen darüber. Die erste handelt vom Ausgangspunkt des Erzählens.

"Es gibt immer einen Punkt, von dem aus die Landschaft der Erzählung überblickt werden kann. Wird dieser Punkt nicht wiedergefunden, hört die Geschichte auf. "

Die zweite handelt von den vielen Wahrheiten.

"Legt man alle Geschichten übereinander, wird am Ende alles unsichtbar. Also muss man wählen. "

Die dritte spricht von den Einzelheiten, die sich scharf in unser Gedächtnis eingebrannt haben, über die aber das Wesentliche verloren geht. So kann sich Marie Curie noch an ein Detail des Verkehrsunfalles erinnern, dem ihr Mann Pierre zum Opfer fiel, aber wie er als Mensch war, kann sie nicht mehr sagen:

"Es war leichter, das Stirnbein zu beschreiben, das herausragte, doch wie er war, das verschwand dabei. "

Der Romancier kann versuchen, aus solchen Einzelheiten ein Bild zusammenzusetzen. Dabei wird er merken, dass jede Einzelheit von jedem Augenpaar anders wahrgenommen wird. Er wird seine eigene Wahrheit erfinden müssen, die aber nur eine gebrochene Wahrheit sein kann, vorgebracht und zurückgenommen, gesetzt und dementiert. Der Punkt, von dem aus die Landschaft der Erzählung überblickt werden kann, ist eben kein archimedischer Punkt, sondern, und das ist jetzt kein Kalauer: ein springender Punkt. Enquist verbindet die Orte, die dieser Punkt aufsucht, nicht mit bequemen Linien, füllt die Lücken nicht mit historisierendem Prunk auf, sondern zwingt dem Leser seine eigene Ratlosigkeit auf. Es ist eine faszinierende Ratlosigkeit, die einen lange, lange nach Ende der Lektüre verfolgt.

"Das Buch von Blanche und Marie"
Von Per Olov Enquist
(Hanser Verlag)

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