Sonntag, 05. Dezember 2021

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"Ich wäre gerne Kanzler geworden"

6000 Stimmen fehlten im Jahr 2002, sonst wäre der CSU-Politiker Edmund Stoiber und nicht der Sozialdemokrat Gerhard Schröder Kanzler geworden. Einiges wäre dann anders geworden, meint Stoiber, zumindest hätte er "wahrscheinlich die Griechen stärker an die Kandare genommen".

Moderation: Stephan Detjen | 25.10.2012

Blondes Fallbeil nannten ihn Gegner und Bewunderer ob seiner rhetorischen Angriffsfreude, seinem – Zitat – "Mut zur Kontroverse, zur Verdeutlichung von Unterschieden, zur Zuspitzung und zum Schlagabtausch", wie er in seinen soeben erschienenen Lebenserinnerungen "Weil die Welt sich ändert: Politik aus Leidenschaft" schreibt. Denn verbal austeilen, das konnte er. Das kann er weiterhin, wenn auch die Töne etwas milder geworden sind. Denn zweifellos gehört er doch – wie sein Entdecker und Förderer Franz Josef Strauß – dem vor allem in Bayern hoch angesehenen Verein für deutliche Aussprache an.

Vom CSU-Ehrenvorsitzenden Dr. Edmund Rüdiger Stoiber ist die Rede, geboren am 28. September 1941 im bayerischen Oberaudorf, bekannt geworden vor allem für seine Spitzenverwendungen als CSU-Generalsekretär, als CSU-Vorsitzender und als langjähriger bayerischer Ministerpräsident. In letzterem Amt – laut Franz Josef Strauß das schönste auf Erden – fungierte Stoiber von 1993 bis zum Jahre 2007.

Stoiber war bei der Bundestagswahl 2002 Kanzlerkandidat der Unionsparteien und verlor ganz knapp gegen den Amtsinhaber Gerhard Schröder. Bei der bayerischen Landtagswahl im Jahr 2003 erreichte die CSU mit ihm als Spitzenkandidat das nach Sitzverteilung beste Ergebnis, das je bei einer Landtagswahl in der Bundesrepublik Deutschland erzielt wurde. Seit seinem Rückzug aus der aktiven Politik ist Stoiber in Brüssel ehrenamtlicher Leiter einer EU-Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau. Der inzwischen Elder statesman Stoiber ist seit 1968 mit Karin Stoiber verheiratet und hat drei Kinder.



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""Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, einem bäuerlichen Dorf.""

Frühes Interesse an Politik und eine Erstbegegnung mit Franz Josef Strauß – im Radio

Stephan Detjen: Herr Stoiber, Sie kommen aus einem kleinen Dorf im Inntal, Oberaudorf …

Stoiber: Die Perle des Inntals!

Detjen: Ja, das ist sozusagen schon das Tor kurz vor der österreichischen Grenze, Italien weht schon so ein bisschen rüber.

Stoiber: Ja.

Detjen: Beschreiben Sie uns mal, was ist das für eine Landschaft, aus der Sie da kommen?

Stoiber: Ja, das ist eine wunderschöne Landschaft, eingerahmt und dominiert vom wilden und vom zahmen Kaiser, unglaubliches Felsmassiv, eingerahmt von mittelgroßen Bergen, der Brünnstein, der Wildbahn, das Hocheck, der Hausberg der Oberaudorfer. Das ist eine herrliche Gegend, eines der schönen Stücke Deutschlands und Bayerns, Grenzgebiet. Und selber ist man natürlich aufgewachsen an der Grenze und mit engen Bindungen, aber auch mit Auseinandersetzungen mit den Tirolern, mit den Kufsteinern. Und natürlich auch ein gewisses Privileg: St. Johann in Tirol oder Kitzbühel waren für einen leidenschaftlichen Skifahrer, der ich war und immer noch bin, erreichbar.

Detjen: Da gab es aber auch noch eine andere biografische Prägung, Ihre Mutter ist Rheinländerin gewesen. Und das erlaubt es vielleicht mal ein gedankliches Experiment zu machen: Was wäre eigentlich, wenn Edmund Stoiber nicht in dieser schönen bayerischen Alpenkulisse aufgewachsen wäre, sondern in einer sozialdemokratischen Hochburg in Nordrhein-Westfalen, im Rheinland, in Bochum vielleicht?

Würden wir dann mit dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten sprechen, einem reformorientierten, wirtschaftsfreundlichen Sozialdemokraten vom Schlage Wolfgang Clements zum Beispiel?

Stoiber: Das ist natürlich alles Hypothese und natürlich ist jeder Mensch in seiner Jugend sehr entscheidend geprägt. Klar, da gibt es im Laufe des Lebens sicherlich die ein oder andere Änderung oder grundsätzliche Änderung, aber … Ja, ich bin natürlich von meinem Elternhaus geprägt, von meiner Mutter im Besonderen, die eine gläubige Katholikin war, eine liebenswerte Rheinländerin, und in all den Jahrzehnten, in denen sie in Bayern gelebt hat, es nicht geschafft hat, irgendein bayerisches Idiom zu sprechen. Ihre Kinder sprachen Bayerisch, mein Vater – Oberpfälzer – sprach natürlich auch Bayerisch, meine Mutter sprach gepflegtes Rheinisch. Die Kölner Jugend, die Dormagener Jugend war natürlich für sie auch prägend.

Und mein Vater stammte aus einer kinderreichen Familie, aber halt auch aus einem Frisörladen, aus einem Baderladen, aus einem mittelständischen Betrieb. Und natürlich waren meine Eltern immer geprägt: Du musst dein Schicksal selbst meistern! Wir geben die Liebe mit, mehr können wir dir nicht mitgeben, und wir geben dir eine Riesenchance: Was damals unüblich war, dass man eine gymnasiale Ausbildung bekommen hat. Weil, wenn Sie sich das vorstellen, wir waren 50 Kinder in der Volksschule in Oberaudorf in der Klasse, in der vierten Klasse. Und da sind drei dann aufs Gymnasium gefahren. Der Arztsohn, der Sohn des Rechtsanwalts und Edmund Stoiber, der nicht diesen Hintergrund hatte und auch diesen ökonomischen Hintergrund.

Wir waren in der Nachkriegszeit nicht mit materiellen Gütern gesegnet und da gab es dann schon Szenen, dass meine Eltern manchmal die Fahrkarte nicht bezahlen konnten, die ich als Schüler ja brauchte, um nach Rosenheim zu kommen. Und das prägt einen natürlich und dann bleibt man halt zu Hause.

Detjen: Aber das sind ja alles keine Prägungen, die Sie jetzt in eine ganz bestimmte politische Richtung drängen, …

Stoiber: Ja …

Detjen: Da kommen dann andere Prägungen dazu. Da kommt dann ja sehr früh bei Ihnen auch Franz Josef Strauß dann, taucht auf, den Sie wahrnehmen als Politiker im Radio, als Redner, der zum Förderer, zur politischen Vaterfigur wird, zum Übervater wahrscheinlich, auch übermächtig manchmal …

Stoiber: Ach, das will ich nicht sagen. Aber ich stamme ja halt aus einem, nicht aus einem Politikerhaus, aber jedenfalls einem politischen Haushalt. Meine Mutter war interessiert, mein Vater sehr interessiert und natürlich geprägt durch den Krieg und durch den Nationalsozialismus, der dieses Deutschland so verheert hat. Und damit bin ich auch ein Stück hierhin geführt worden. Sie haben gerade Franz Josef Strauß angesprochen: Ich war damals neun und zehn Jahre alt und meine ältere Schwester war 18 und die hat sich dafür unendlich interessiert. Und am Nachmittag, die große Debatte, da ist es darum gegangen, ob die Bundesrepublik Deutschland wieder eine Bundeswehr, einen militärischen Arm bekommt. Das war eine der leidenschaftlichsten Debatten, sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Und ich meine, die Trümmer standen ja noch herum, in Rosenheim gab es noch viele Spuren des Zweiten Weltkrieges oder auch in München. Das hat alle, die ein bisschen interessiert waren, gepackt und ist …

Detjen: Was hat Sie da gerade an diesem Franz Josef Strauß so beeindruckt?

Stoiber: Ich habe das ja alles noch nicht so richtig einordnen können. Ich kann mich einfach noch erinnern, dass der Reporter so in etwa gesagt hat, das war eine schwierige Rede des Bundeskanzlers Konrad Adenauer, jetzt spricht der bayerische Abgeordnete Franz Josef Strauß. Und dann kam nach diesem rheinischen Dialekt von Adenauer diese kraftvolle, mit dem starken bayerischen Idiom, diese Rede, die aber nicht nur durch die Kraft der Rede beeindruckt hat, die Lautstärke, sondern auch – das habe ich schon verstanden – die Notwendigkeit, warum wir als eine junge Republik in diesem großen Konflikt Ost-West – Stalin war natürlich eine Negativfigur für uns Kinder schon –, dass wir eine Bundeswehr brauchen. Und ich habe das alles, soweit ich es begriffen habe, als richtig empfunden, was Strauß … Und was da die SPD, was Ollenhauer da gesagt hat, das hat mir nicht so … Also, jedenfalls hat es keinen solchen Eindruck hinterlassen.

Und das kann man so als Sozialisation betrachten. Gut, ich meine, ich bin in einem Dorf aufgewachsen, einem bäuerischen Dorf, mit schon kleinem Fremdenverkehr, aber geprägt durch die Landwirtschaft und durch die katholische Kirche. Der Rhythmus unseres Ortes war sehr stark geprägt von den Traditionen der Kirche, so bin ich auch aufgewachsen. Da fand man sicherlich logischerweise nicht den Weg zur SPD, sondern wenn man aus einem bürgerlichen Haushalt kam, automatisch … Die CSU war da, noch dazu mit Strauß, war da letzten Endes der politische Anker.


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"Ich habe mich ja immer bezeichnet als ein umgedrehter 68er, weil ich die 68er-Zeit ja noch als Doktorand miterlebt habe."

Basis-Engagement in der CSU, Stoibers Ernennung zum Generalsekretär und das doppelwertige Signal von Kreuth

Detjen: Sie haben den Begriff des Übervaters eben so spontan von sich gewiesen, aber der Einfluss, die Rolle, die er für Sie gespielt hat, war ja sehr dominant eben auch in alle Lebensbereiche hinein. Das war ein Verhältnis, das auch bis ins Private ging, …

Stoiber: Ja!

Detjen: Strauß hat Ihre Nähe gesucht, als seine Frau gestorben ist, waren Sie bei ihm. Die Urlaube fanden in der Nähe statt, nach dem Tod von Marianne Strauß war Strauß regelmäßig Weihnachten bei Ihnen gewesen.

Solche Verhältnisse gibt es ja heute in der Politik eigentlich auch gar nicht mehr, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass Angela Merkel oder Sigmar Gabriel oder Guido Westerwelle solche engen Verhältnisse zu politischen Ziehkindern aufbauen!

Stoiber: Klar, ohne Strauß wäre ich sicherlich nicht so in der Politik gewesen und hätte sicherlich keine Ämter erreichen können, vielleicht auch gar nicht gewollt. Denn das ist ja niemandem schon mitgegeben, dass man jetzt ein politisches Amt haben will.

Aber mein Interesse ist eben dann gewachsen. Ich habe mich ja immer bezeichnet als ein umgedrehter 68er, weil ich die 68er-Zeit ja noch als Doktorand miterlebt habe, wo ich ja immer noch an der Universität war und Mitglied des RCDS und auch im Vorstand in München. Und ich habe natürlich die Auseinandersetzung mit dem SDS, das war damals ja DAS Thema an der Universität. Und der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, hat natürlich die politische Diskussion damals geprägt mit Widerstand gegen die bürgerliche Klasse und mit dem Undenkbaren zu denken und so weiter … Und da bin ich – Rudi Dutschke war natürlich ein …

Detjen: Den haben Sie erlebt an der Uni, die haben Sie rausgeschmissen, als herauskam, dass Sie ein RCDSler waren …

Stoiber: Ja, ja, den habe ich erlebt … Das war, das war das, und … Ja gut, und dann kam eben mein Impuls, also, das reicht nicht, dass du nur für die CSU bist, du musst auch dich engagieren, ein bisschen mehr. Und dann kam halt eins zum anderen. Dann habe ich in der Jungen Union ein Amt übernommen, dann hat man natürlich, ist man aufgefallen und man wurde dann genannt als Kandidat für den Landtag.

Und klar, wenn … Man fällt plötzlich … Du bist ein junger Landtagsabgeordneter und dann fällt plötzlich das Interesse des Parteivorsitzenden Strauß auf dich, der mich aus einer Reihe von kleinen Begegnungen kannte, der dann sozusagen einen jungen Mann mit einer großen Aufgabe betraut, nämlich der des Generalsekretärs, die ich damals außerordentlich, mit größtem Respekt dann übernommen habe. Auch eine gewisse Beklommenheit, weil ich mit der Bedeutung dieses Amtes gerade nach den Spannungen durch Kreuth, die Differenz zwischen CDU, CSU, den Auseinandersetzungen … Ja, aber das hat sich dann …

Detjen: Lassen Sie uns da mal einhaken und den Sprung ruhig machen in das Jahr, das ist dann das Jahr 78, in dem Sie Generalsekretär werden, Sie haben Kreuth angesprochen, das war zwei Jahre vorher, dieser Trennungsbeschluss. Sie standen da an Straußens Seite, fanden die Idee richtig, dass sich die CSU aus der Fraktionsgemeinschaft mit der Union löst. Warum fanden Sie das damals richtig?

Stoiber: Weil die CSU mir als geschlossener, als homogener, wenn ich das so sagen darf, erschienen ist. Wir waren nicht so in Meinungsverschiedenheiten verstrickt wie damals schon die CDU. Wenn ich nur daran denke, an die Auseinandersetzungen der Sozialausschüsse, der Führung der CDU, an … Wenn ich an Russe, wenn ich an Blüm natürlich, an den jungen Blüm denke …

Und das gab es so in der CSU nicht, da war eine sehr geschlossene Meinung zu den wichtigen Fragen. Ob das jetzt Ost-West, ob das die Verbindung zu Amerika ist, ob das die Förderung wirtschaftlicher Aktivitäten, unternehmerischer Aktivitäten war. Und das erschien mir als geschlossen und ich habe das genau so wie Strauß, Herr Strauß hatte mich überzeugt in den Debatten. Als intellektuell habe ich das natürlich als völlig richtig entschieden, da haben wir die CDU, die ist ein bisschen differenzierter, ein bisschen meinungsdifferenzierter, natürlich auch, vielleicht auch spiegelbildlich gut aufgehoben für Deutschland, und hier hast du in dem starken Bayern, in dem großen Bayern eine eigene Partei. Und getrennt marschieren und vereint schlagen, erschien mir außerordentlich wichtig. Denn wir waren ja damals in der Situation, da gab es ja nur drei Parteien: die CDU, die CSU und die SPD und die FDP. Und alleine, wir hatten keinen Koalitionspartner, die FDP mit Genscher war fest an der Seite von Schmidt. Also auch letzten Endes 1976 48,4 Prozent oder 48,6 Prozent für Helmut Kohl reichten nicht, die Regierung zu bilden. Heute unverstellbar!

Detjen: Die CDU hat ja dann sofort reagiert mit dem Beschluss, wenn ihr das macht, dann gehen wir nach Bayern rein. Das hätte die politische Landkarte, die politische Geografie in Deutschland verändert, dann wäre die CSU wahrscheinlich auch bundesweit zu einer Rechtspartei, rechts von der CDU …

Stoiber: Ja, das war meine, das war … Ich meine, ich wurde … In der Verantwortung als Generalsekretär wurde ich vom Anhänger von Kreuth – 76, 77 –, wurde ich dann letztendlich zu einem Gegner dieser Überlegungen, weil ich gesehen habe, dass die Reibungsverluste, die dann zwischen CDU und CSU entstehen würden als bürgerliche Lager, unendlich schwächen, und würden – wie Sie das richtig sagen, das war meine Befürchtung –, dann würde letzten Endes die Mitte stärker in die CDU sich bündeln und die CSU würde dann eine sehr stark rechtslastige Partei werden. Und das wollte ich nie. Denn Volkspartei, den breiten Rahmen, den wollte ich nie in irgendeiner Weise gefährdet sehen. Und das war für mich dann die große Gefahr und deswegen habe ich auch dann außerordentlich dafür gekämpft, dass Franz Josef Strauß Kanzlerkandidat von CDU und CSU wird, denn für mich war das letztlich der Abschluss von Kreuth und die Garantie der Einheit der Union.

Detjen: Aber Sie haben das eben geschildert: Diese Abkehr von Kreuth bedeutet auch den Weg: Die CSU muss als Volkspartei bestehen bleiben.

Stoiber: Ja.

Detjen: Das ist jetzt die Herausforderung, vor der Ihr Nachnachfolger Seehofer nächstes Jahr bei der Landtagswahl steht, diesen Status zu behaupten. Kann das wirklich ein zukunftsträchtiges Modell sein, das Bestand haben kann in Europa auch, als eine regionale Partei diese ganze Spannbreite abzudecken, auch auszuhalten? Das ist ja für die CSU auch immer wieder eine Zerreißprobe zwischen den europapolitischen Verantwortungen, der Europagruppe in Straßburg, der bundespolitischen Gruppe, der Landesgruppe in Berlin und Verwurzelung hier in Bayern.

Stoiber: Das ist vielleicht auch der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands und Bayerns geschuldet: Man darf nie vergessen, dass Bayern heute ein Bundesland ist wie viele andere auch, aber es hat natürlich eine ganz andere Vergangenheit.

Es hat eine über 1000-jährige Selbstständigkeit, in diesem Land besteht natürlich ein unglaubliches Staatsbewusstsein oder Selbstbewusstsein, weil man eben immer schon ein Staat war und die staatliche Identität eben 1871 dann zugunsten des Deutschen Reiches aufgegeben hat. Und das ist noch keine so lange Zeit und das steckt drin.

Und natürlich, heute sind wir ein selbstbewusstes Land, und deswegen beharren wir natürlich immer auch auf bayerische Lösungen, dass Bayern damit gut fährt, dass Bayern gut wegkommt. Wir beharren auf unseren Positionen sicherlich stärker als andere Landesverbände in der CDU.

Wir sind kein Landesverband, sondern eine eigenständige Partei. Strauß hat das immer so schön formuliert, regional begrenzt, aber nicht nur regional, sondern wir sind mit bundesweitem und europaweitem Anspruch. Das heißt, wir sind Teil auch der Bundespolitik und wir sind Teil auch unserer Europapolitik. Und wir haben bundespolitische und europapolitische Vorstellungen. Und weil wir wissen, dass das auch für Bayern natürlich von entscheidender Bedeutung ist, weil wir ein Teil Deutschlands sind. Und das ist eine Situation, mit der die CDU und die CSU immer gut gefahren sind.


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""Deutschland war für mich das Vaterland. Und mich hat immer auch Deutschland ganz besonders interessiert.""

Verwurzelt in Bayern, das Image vom blonden Fallbeil und ausgeschlagene Angebote als Bundesminister

Detjen: Lassen Sie uns noch mal in die Chronologie zurückgehen, die späten 80er-, frühen 90er-Jahre, ab 93 waren Sie dann Ministerpräsident hier in Bayern, schon als Generalsekretär haben Sie dann auch eine bundespolitische Rolle gespielt, haben da auch persönliche Verhältnisse entwickelt, mal besser, mal schlechter, zu Geißler, zu Schäuble ein freundschaftliches Verhältnis. Wie war das mit Kohl, haben Sie zu dem eigentlich ein ganz eigenes Verhältnis gehabt oder war das immer auch überlagert, vielleicht auch überschattet von dieser mächtigen Konstellation Strauß-Kohl, an der Sie als der Generalsekretär – Sie sagten irgendwann mal Adlatus von Strauß – eine Rolle spielten?

Stoiber: Gut, ich meine, ich … Ich habe heute ein gutes, sehr gutes Verhältnis zu Helmut Kohl, vor allen Dingen habe ich auch die Verbindung zu Helmut Kohl nie unterbrochen beziehungsweise auch verstärkt gerade in der größten Krise der CDU, in der Krise durch die Spendenaffäre 1999. Und auch, er hat mir den ein oder anderen Rat gegeben dann in der Herausforderung als Kanzlerkandidat gegenüber Schröder. Ich habe … Sicherlich hat Kohl mich in den End-70er-Jahren und den 80er-Jahren als einen Heißsporn, als einen Scharfmacher, der den Strauß geradezu noch anstachelt, noch härter und noch quer …

Detjen: Ja, das war Ihr Image, das blonde Fallbeil in München, Law-and-Order-Innenminister.

Stoiber: Das war richtig, auf der anderen Seite, glaube ich, hat Helmut Kohl auch dann gesehen den Einfluss, den ich zunehmend auch in der CSU gewonnen habe. Und er hat ja dann auch mal eine Konsequenz gezogen, indem er gesagt hat, das macht gar keinen Sinn, wenn Genscher und ich mit Franz Josef Strauß im Dreier-Gremium der Parteivorsitzenden bestimmte schwierige Fragen klären, dann kommt der Strauß zurück nach München und dann spricht der mit dem Stoiber und dann wird das wieder ein bisschen relativiert, was wir besprochen haben. Also mache ich einen Kreis der kleinen Elefanten, also für die CDU Wolfgang Schäuble, dann Stoiber und der Vertraute von Genscher, Kinkel.

Detjen: Auch Kohl hat Sie ja geschätzt, auch der wollte Sie in sein Kabinett holen, …

Stoiber: Ja, ja, ja.

Detjen: … es stand mal das Innenministerium zur Debatte, Strauß wollte Sie als Verteidigungsminister nach Bonn schicken, Verkehrsministerium stand ganz am Anfang mal in der Rolle. Warum haben Sie diesen Schritt eigentlich immer gescheut? Da ist Ihnen ja auch Zaudern, da ist Ihnen Angst nachgesagt worden. Hat da Sicherheitsbedürfnis eine Rolle gespielt, im vertrauten Bayern zu bleiben?

Stoiber: Nein, also, das …

Detjen: So eine Typfrage auch, macht man solche Sprünge, der Charakter …

Stoiber: Dass ich ja auch eine Mutter hatte, die nicht aus Bayern stammte, und ich als Kind hin und wieder natürlich in das Rheinland nach Köln, nach Dormagen gefahren bin … Man bekommt natürlich dann auch im Elternhaus ein Stück größerer Breite. Das ist ja klar, es ist also nicht nur über München, nicht nur über Bayern geredet worden, sondern es spielte auch im Elternhaus die rheinische, der rheinische Hintergrund meiner Mutter spielte halt auch immer wieder eine Rolle und das war …

Detjen: Das wäre ja nicht eine geografische Entscheidung gewesen, das wäre ein politischer Sprung in ein ganz anderes Milieu gewesen.

Stoiber: Ja, ja, ich sage ja, nein, ich wollte nur sagen: Deutschland war für mich das Vaterland und mich hat immer auch Deutschland ganz besonders interessiert. Das erste Angebot von Strauß war, dass ich 1982, 1983, nach der neuen Regierungsbildung, die Regierung Kohl-Genscher, dass ich hier ein Amt übernehmen sollte, nämlich Verkehrsminister. Das habe ich abgelehnt und habe gesagt, das geht nicht, weil ich noch zu kleine Kinder habe.

Und das war für mich auch eine Frage, meine Kinder waren damals zwei Jahre und vier Jahre und ich wollte – die Ältere war acht –, ich wollte zumindest am Frühstückstisch sein. Für mich waren die Kinder wichtig und meine Frau wichtig, und dass man miteinander die Familie eben schaffen kann. Und ich wollte am Frühstückstisch zumindest mitbekommen, was bewegt die Kinder, Viertelstunde, halbe Stunde, in der Schule und hier und dort.

Später dann, das ist richtig, wollte Strauß nach dem Abtritt von Wörner unbedingt, dass ich Verteidigungsminister werde. Ich habe damals auch in einer richtigen Selbsteinschätzung gesagt: Franz Josef, du projizierst dich auf mich, ich kann nicht ein Gegengewicht zu Genscher sein, ich habe anders als du keine … in dem Alter, du warst schon mit 38, 39 Jahren eine außenpolitische Figur, die habe ich nicht. Ich trau mir alles zu, aber ich bin bestimmt nicht der beste Vorschlag für den Verteidigungsminister! War eine Selbsteinschätzung von mir. Ich glaube, ich habe da richtig entschieden. Und dann gab es eben noch einmal ein Angebot von Helmut Kohl. Ich hatte gerade eine unangenehme Nebenhöhlenoperation hinter mir, plötzlich das Telefon am Krankenbett und Helmut Kohl ist dran und fragt mich, ob ich denn nicht das Amt des Innenministers übernehmen würde, könnte, wollte. Das war damals Fritz Zimmermann und ich habe das auch aus den Gründen, weil ich mich nicht in Stellung bringen lassen wollte durch den Kanzler gegenüber einem bedeutenden und federführenden CSU-Politiker. Gut, ich meine, das war dann die Entscheidung, Kanzlerkandidat, das wäre keine Frage gewesen, das wäre ich, ich wäre gerne Kanzler geworden, dann wäre vielleicht das eine oder andere nicht so gelaufen, zumindest hätte ich wahrscheinlich die Griechen stärker an die Kandare damals genommen, nachdem bekannt geworden ist, dass sie so die Europäische Union betrogen haben mit falschen Daten.


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""Am Ende ist es immer wie im Leben: 6000 Stimmen haben gefehlt, um stärkste Partei, stärkste Fraktion zu sein.""

Angela Merkel, das legendäre Frühstück von Wolfratshausen und Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat

Detjen: Wir haben über persönliche Verhältnisse gesprochen zu Strauß, zu Kohl, da tritt dann irgendwann die junge Frau auf dem Posten auf, Angela Merkel, die dann eine ganz wichtige Rolle in Ihrer politischen Biografie spielt, eine Fremde auch in der Union, in der CDU zunächst. Wann sind Sie sich eigentlich das erste Mal begegnet?

Stoiber: Angela Merkel habe ich, ist mir das erste Mal aufgefallen als stellvertretende Pressesprecherin von de Maizière, dem Ministerpräsidenten der DDR. Dann wurde sie von Helmut Kohl zur Ministerin gemacht, 1990, und da war ich Innenminister und war stellvertretender Parteivorsitzender. Und, ja gut, dann wurde sie Generalsekretärin.

Ich hatte vorher schon mit ihr auch als Innenminister zu tun in manchen Fragen des Umweltschutzes, weil, der bayerische Innenminister hatte damals auch die ein oder andere Umweltkompetenz und hatte natürlich dann oft – oder nicht oft, aber jedenfalls manchmal – auch unmittelbaren Gesprächsbedarf mit der Umweltministerin.

Und da habe ich sie natürlich dann kennengelernt als außerordentlich fachkompetent und problemorientiert und sehr auf das Ende hindenkend. Sie hat alle Möglichkeiten der Folgen einer Entscheidungen immer bedacht. Also, stärker als das vielleicht ich getan habe, der da mit mehr Leidenschaft und manchmal auch die Risiken nicht alle so genau abgewogen hat. Aber Angela Merkel hatte damals schon die Fähigkeit, Risiken, auch entfernteste Risiken vor einer Entscheidung zu bedenken.

Detjen: Und dann wird aus Ihnen beiden – und das ist Ihnen wirklich nicht in die Wiege gelegt gewesen, bei aller Unterschiedlichkeit, bei aller Konkurrenz, die da zunächst auch da war –, wird ein politisches Team.

Stoiber: Ja.

Detjen: Das war dieses legendäre Wolfratshausener Frühstück als politischen Entscheidungsort, das war Anfang 2002, im Januar 2002. Und Merkel hat Ihnen da sozusagen den Stab des Kanzlerkandidaten übergeben. Das hat Sie zusammengeschweißt.

Stoiber: Ja, das war natürlich so, dass … Sie dürfen nie vergessen, in welcher Situation die Union sich damals befunden hat. Wir waren 1999, nach der Niederlage haben wir uns gerade, also, hat sich die CDU und die Union insgesamt gerade gefunden, dann kam die Spendenaffäre. Dann kamen spektakuläre Niederlagen der CDU, Volker Rühe war ja schon faktisch von den Umfragen her der neue Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und dann kam die Spendenaffäre dazwischen und dann natürlich ein Scheitern. Und das hat sich fortgesetzt.

Diese Spendenaffäre hat natürlich an der Integrität der CDU sehr stark genagt, weil die Opposition immer – die Regierung, muss ich sagen, Schröder –, immer natürlich vorgeworfen hat, ihr habt ja gar nicht die moralische Legitimation, uns jetzt hier anzugreifen. So etwa ist ja lange Zeit die Debatte gelaufen und Angela Merkel hat ja dann diesen legendären Brief beziehungsweise Artikel in der "FAZ" geschrieben, der ja dann auch zum Rückzug von Kohl geführt hat, und aus der Generalsekretärin wurde dann wegen der Verstrickungen auch von Wolfgang Schäuble die Parteivorsitzende.

Und man muss sehen: In der damaligen Zeit, 2001, gab es natürlich noch nicht das Zutrauen von vielen Repräsentanten der CDU, dass sie jetzt auch so schnell das Amt des Kanzlers ausfüllen könne. Und da hatten sie diese junge, dynamische Frau, auf der anderen Seite einen erfahrenen Ministerpräsidenten, der schwierigen Situationen in seinem Land gut gemeistert hatte, und dann gab es natürlich, gerade was die Ministerpräsidenten anbelangte, ob das Erwin Teufel war, ob das Roland Koch war, ob das Peter Müller war, ob das dann auch Christian Wulff war, die dann sehr stark doch sagten, also, es ist besser oder sicherer, mit Stoiber in den Wahlkampf zu ziehen. Sie hat das am Ende dann nachvollzogen und …

Detjen: Aber ist es nicht so, dass man gerade im Nachhinein sagen muss, dass am Ende auch Merkel gestärkt aus dieser Situation hervorgegangen ist?

Stoiber: Absolut!

Detjen: Der Fraktionsvorsitz ist ihr sozusagen zugefallen, der, der es nicht verstanden hatte, war Friedrich Merz, der dann quasi ausgeschieden ist.

Stoiber: Sie hat natürlich etwas gemacht, das sie sicherlich wollte, sie hat mir das ja auch erzählt: Sie hätte das gerne schon 2002 gemacht, hat das dann aber respektiert, dass die Mehrheiten gegenwärtig innerhalb der CSU und auch innerhalb der CDU anders sind für dieses Amt, und hat sich dann, anders als das bei Strauß war, der ja nicht von allen Teilen der CDU in seinem Bundestagswahlkampf unterstützt worden ist – also, da gab es einige Repräsentanten der CDU, die bei den großen Wahlkämpfen sich sehr zurückgehalten haben, ich will jetzt da keine Namen nennen –, aber sie hat sich voll an die Seite als Parteivorsitzende von mir gestellt und wir haben schon vereint auch geschlagen. Ich konnte mich da nie beklagen.

Und wir hatten auch trotz aller unterschiedlicher Ambitionen immer ein persönlich-respektvolles Verhältnis, aus dem dann auch ein immer besseres Verhältnis geworden ist, bis dass wir uns dann auch geduzt haben. Das ist bei mir nicht so selbstverständlich, weil ich das nicht so leicht mache wie manch anderer.

Detjen: Und wo ist die Distanz geblieben? Ist auch an manchen Punkten politisch, menschlich Fremdheit geblieben?

Stoiber: Nein, sicherlich … Sie hat ja selber mal gesagt, dass das also schon auch ein interessantes Spiegelbild Deutschlands ist: Sie kommt aus dem hohen Norden, aus einem evangelischen Pastorenhaus. Und der Edmund Stoiber kommt aus dem katholischen Süden, ganz am südlichen Rand der Bundesrepublik. Also eine große Spannbreite! Und natürlich auch: sie Naturwissenschaftlerin und ich Jurist, sie sehr stark kopf- und verstandesmäßig geprägt, ich ein bisschen mehr mit Emotionen. Das hat sich, glaube ich, ganz gut ergänzt.

Wir haben uns immer auf eine Lösung verständigt und haben auch heute, also nach all den langen Jahren, haben wir gute Beziehungen. Ich muss auch sagen, dass sie ihr Amt gerade jetzt in dieser schwierigen Situation, Stichwort Euro und Europa, wirklich hervorragend führt. Ich habe hier großen Respekt vor der Einsatzbereitschaft, der Disziplin und auch der Bereitschaft, sich wirklich durch die Probleme durchzuquälen und alles aufzunehmen, was sie braucht, um dann Entscheidungen zu treffen.

Detjen: Gehen wir noch mal ins Jahr 2002, der Wahlkampf Stoiber gegen Schröder, Sie gegen den Medienkanzler Gerhard Schröder. Das war ja für Sie auch eine enorme Selbsterfahrung, da im Rampenlicht stehen unter der Beobachtung der bundespolitischen Medien wie nie zuvor, die Ihnen da auch einen Spiegel vorgehalten haben, die Fernsehduelle gegen Schröder. Was haben Sie da über sich selber gelernt, in dieser Zeit?

Stoiber: Mit Schröder verbindet mich ja auch eine lange Vergangenheit. Ich habe das in dem Buch geschrieben: Das erste Zusammentreffen oder Aufeinandertreffen irgendwo in einer hitzigen Fernsehsendung, der Generalsekretär der CSU gegen den Juso-Vorsitzenden Gerhard Schröder. Und da prallten natürlich die unterschiedlichen Meinungen aufeinander, vielleicht auch die unterschiedlichen Charaktere.

Aber es ist auch, vielleicht auch ein tolles Zeichen unserer Demokratie: Persönlichen Respekt hatte ich immer vor ihm. Wir haben uns mal lang unterhalten, ich habe ihm erzählt mal, dass ich doch aus einer sehr armen Zeit und dass ich auch Armut und Arbeitslosigkeit des Vaters erlebt habe. Und da hat er mir gesagt, das, was Sie erlebt haben, das ist ja noch Gold gegen das, was ich hatte, und hat mir dann auch seine Lebensgeschichte erzählt. Ich meine, die Mutter, die also wirklich hart gearbeitet hat, um die Kinder durchzubringen, und dass er dann diesen Weg über den zweiten Bildungsweg gemacht hat. Da kriegt man natürlich persönlich Respekt und …

Detjen: Und auch politisch gesehen liegen Sie ja im Rückblick betrachtet gar nicht so weit auseinander, Schröder hat in seiner Zeit nach der Bundestagswahl 2002 ja dann viel von dem umgesetzt, was Sie eigentlich machen wollten und wovon Deutschland heute noch profitiert.

Stoiber: Er hat zwei … ja, ich würde mal sagen, zwei historische Entscheidungen, eine positive und eine negative: Sicherlich, die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Grundsicherung, Arbeitslosenhilfe, das war immer unsere Forderung und das hat er durchgesetzt. Mit unserer Hilfe, aber es war natürlich, er war Kanzler und er hat die Reformen angestoßen.

Detjen: Mit einer hohen Risikobereitschaft, einem hohen politischen Mut.

Stoiber: Mit einer … Das ist sein historisches Verdienst, das ist keine Frage. Ohne ihn und ohne ihn als SPD-Kanzler wäre das nicht möglich gewesen und wir hätten mit Sicherheit heute nicht diese Prosperität im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern, vor allen Dingen diese geringe Arbeitslosigkeit, gemessen an den europäischen Ländern.

Seine Fehlentscheidung war sicherlich Griechenland und da gab es ja auch Debatten darüber, und vor allen Dingen das Brechen des Stabilitätspaktes. Das war das, was nachwirkt. Denn was wir heute haben, hätten wir den Stabilitätspakt eingehalten, wäre er nicht durch Deutschland aufgeweicht worden durch Schröder und Eichel, dann würden wir heute viele Probleme nicht haben, die wir gegenwärtig wirklich …

Detjen: Aber rückblickend lag er ja auch mit dem Thema richtig, das Sie dann im Grunde ganz knapp den Wahlsieg gekostet hat, nämlich damals in der Diskussion über den Irak-Krieg, im Verhältnis zu Amerika, mit seiner scharfen Zurückweisung dieses Krieges, der heute ja nach generellem Konsens einer der ganz großen historischen Fehler der Amerikaner war.

Stoiber: Es gab damals ja auch diese ersten großen Fernsehduelle und das war auch typisch Schröder. Ich meine, ich habe auch durchaus gegen den Rat des ein oder anderen Wohlmeinenden ja Schröder damals aufgefordert, sich einem Fernsehduell zu stellen. Und es war ja dann überraschend, dass er, der Medienkanzler, sofort auf diesen Vorschlag eingegangen ist. Und natürlich, das waren Erfahrungen … Man ist ja einiges gewohnt, aber da geht der Puls natürlich schon ein bisschen höher, wenn man weiß, da schauen also 15 Millionen zu, da schauen sehr, sehr viele Menschen zu, die man politisch sonst nicht so ohne weiteres erreicht, weil sie sich für Politik nicht so sehr interessieren. Da kann natürlich schon eine Wahl ein bisschen mit entschieden werden, wie wir das ja jetzt in Amerika sehen mit den großen Duellen jetzt zwischen Obama und Romney.

Und er lag ja die ganzen Monate in den Umfragen hinter mir beziehungsweise hinter der Union und ich … Aber es ist so gewesen, dass natürlich … Also, an Handlungskompetenz als Kanzler bei der Oder-Flut, die hat ihn natürlich logischerweise ein Stück nach vorne gebracht. Und Sie haben den Irak-Krieg angesprochen: Er hat … Obwohl wir in der Frage nicht unterschiedlicher Meinung waren, ich habe eine Kriegsbeteiligung oder eine Beteiligung auch ausgeschlossen. Was ich ihm vorgeworfen habe, ist, dass man so nicht mit einem Partner umgeht. Also, mein Hinweis, haben Sie denn mit Bush geredet, bevor Sie in Goslar irgendwo erklären, in einem Wahlkampf, was Sie alles außenpolitisch nicht machen? Den Stil habe ich kritisiert, so geht man nicht mit einem Verbündeten um, dem man viel zu verdanken hat.

Aber sei’s drum, am Ende ist es immer wie im Leben: Klar, ich habe, 6000 Stimmen haben gefehlt, um stärkste Partei, stärkste Fraktion zu sein mit den Handlungsmöglichkeiten der stärksten Fraktion, und man kann sich da nicht aufhalten, sondern nach 14 Tagen, drei Wochen habe ich das abgehakt!


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""Ich habe mit Leidenschaft die CSU gelebt."'"

Wahltriumph in Bayern, das CSU-Erfolgskonzept "Laptop und Lederhose" und der Sturz von 2007

Detjen: Diese Niederlage hat Ihnen ja hier zu einer bis dahin überhaupt nicht gekannten Popularität verholfen. Ein Jahr später, im September 2003, gewinnen Sie dann hier mit fast 61 Prozent ein historisches Wahlergebnis für die CSU und legen mit einem enormen Reform- und Sparprogramm los, Haushaltssanierung in Bayern, Sparen bis hin zur Abschaffung des Bayerischen Obersten Landesgerichts.

Stoiber: Tja!

Detjen: War das rückblickend gesehen Ihre stärkste politische Zeit oder haben Sie das Rad da auch schon überdreht und Ihre Partei und das Land auch überfordert?

Stoiber: Ich glaube schon, dass es sicherlich eine besonders starke Phase meiner 14-jährigen Amtszeit war, einen so hohen Wahlsieg nicht als ein Ruhekissen zu betrachten, sondern als eine Verantwortung zu haben für die notwendigen Reformen. Und ich glaube, dass ein wichtiger Punkt war – da war ich ein bisschen meiner Zeit voraus –, weil ich schon 98 gesagt habe, das Ziel, was ich habe, in acht Jahren, also spätestens 2006, will ich, dass Bayern einen ausgeglichenen Haushalt hat, ich will keine Schulden mehr machen, wir müssen aufhören!


Und ich habe natürlich die Begründung auch der Nachhaltigkeit, der Gerechtigkeit gegenüber den nachfolgenden Generationen angesprochen, habe das verglichen mit dem Thema Umweltschutz auch, wir müssen sorgsam umgehen mit unserer Natur für die nachfolgenden Generationen, die auch ein Recht haben, in einer intakten Umwelt zu leben. Und das war natürlich schon ein schwieriger Prozess, aber ich habe es geschafft oder wir haben …, ich habe es geschafft 2006.

Und ich meine, das, was nach Griechenland sozusagen schlagartig allen bewusst war, dass man auf die Dauer nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt, das wird natürlich heute als das große Markenzeichen und die Stärke Bayerns erkannt. Und mein Nachfolger Horst Seehofer hat das ja fortgesetzt und geht aufgrund der guten Konjunkturlage einen Schritt noch weiter, was ich für absolut richtig halte, er beginnt, zurückzuzahlen. Und dieses ist ein, glaube ich, ein Merkmal von erfolgreicher CSU-Politik.

Und das Zweite ist sicherlich, dass ich nach der industriellen Stärkung Bayerns in Deutschland durch Strauß – Stichwort zum Beispiel Airbus –, dass ich dann eine Zeit mit prägen konnte, die man noch kennt als "Laptop und Lederhose", die große Innovationsbereitschaft in Bayern, dass wir plötzlich stark geworden sind in der Neutronenforschung, in den Materialwissenschaft, in der Biotechnologie. Das sind natürlich Entwicklungen, von denen wir heute noch erheblich profitieren, was das wirtschaftliche Wachstum anbelangt.

Detjen: Und trotzdem, Sie haben jetzt dieses Schlüsseljahr 2006 erwähnt – ausgeglichener Haushalt für Bayern –, und trotzdem beginnt dann gerade da diese Partei, Ihre Partei, sich von Ihnen abzuwenden und stürzt Sie Anfang 2007 in Kreuth! Was ist da passiert?

Stoiber: Ich glaube, dass halt einige in der Fraktion – ich würde das eher auf die Fraktion besonders fokussieren – andere Vorstellungen hatten. Und ich wollte auf keinen Fall dann noch streitige Diskussionen in meiner Partei. Ich habe in dem Buch geschrieben, ich habe mit Leidenschaft die CSU gelebt. Keine saubere Syntax, aber ich glaube, jeder versteht, was ich damit meine. Ich habe aus meinem Interesse an einer starken Partei, einer starken CSU, auch die Kanzlerkandidatur angenommen. Ich habe wegen … Ich habe abgelehnt, Kommissionspräsident auf Vorschlag von Schröder, Chirac und Blair zu werden, weil ich glaubte, das sei im Grunde genommen für die weiteren Entwicklung der Union nicht günstig, Schröder abzulösen, das war das Hauptziel, Schröder abzulösen. Und ich habe auch alle Avancen abgelehnt, Bundespräsident zu werden, 2004, weil ich der Meinung war, das repräsentative Amt des Bundespräsidenten passt nicht so zu mir. Und ich glaubte, dass die CSU mich braucht.

Und okay, das war … Ich blicke da mit großer Dankbarkeit an diese Gestaltungsmöglichkeiten zurück, und am Ende … Wenn es so ist, dass der eine oder andere eine andere Vorstellung hat, dann habe ich von mir aus die Konsequenzen gezogen und weitere Debatten habe ich nicht mehr geführt in der CSU. Und ich glaube auch, dass man doch feststellen kann, das ist kein Blick in diesem Punkt zurück, punktuell im Zorn über diese oder jene Begebenheit, über diese oder jene Illoyalität, die man selber so fühlt. Das ist ein toller Abschnitt gewesen, und auch deutlich zu machen: Politik ist was Großartiges, wenn man Lust und Liebe dazu hat und auch die Konstitution, die braucht man auch, das durchzuführen. Aber es ist nicht das ganze Leben. Da hat der Homo politicus Roland Koch völlig recht, der überraschenderweise ja bei seinem Rücktritt gesagt hat, Politik ist nicht das ganze Leben!

Und das ist dann ganz entscheidend, dann kommen andere Aufgaben auf einen zu. Man kann sich diesen Dingen stärker widmen und das Leben ist ja auch endlich und man hat ja nicht ewig Zeit und man möchte ein bisschen mehr ja auch noch mit seiner Familie, mit seinen Freunden das Leben mit gestalten. Das gelingt sowieso nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe! Ich habe mir gedacht, also, wenn du jetzt nicht mehr Ministerpräsident bist, nicht mehr unter diesem Zeitdruck stehst, dann wünsche ich mir, dass ich jetzt mehrere Auswärtsspiele des FC Bayern München als Aufsichtsrat bei den Champions-League-Spielen mitmachen kann! – Ich habe es leider bisher nur einmal nach Petersburg geschafft und zum anderen auch Manchester, aber das ist eine verschwindende Anzahl, wenngleich ich damals ein dramatisches Spiel in Manchester erlebt habe, wo wir aus einem 3:0 noch ein 3:2 gemacht haben!


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