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Idioten und Idiotien

Es war eine Krawall-Saison in der Formel 1, in der der Name Hitler eine gewichtige Rolle spielte. So nannte der Sport-Funktionär Bernie Ecclestone Hitler einen Mann, der "etwas auf die Beine stellen konnte" und lobte seine Management-Fähigkeiten. Es sollte nicht der letzte Ausrutscher sein.

Von Jürgen Roth |
    "Das turbulenteste Jahr in der Geschichte der Formel 1", wie die italienische Tageszeitung "La Repubblica" kürzlich schrieb, neigt sich stark seinem sehnsüchtig erwarteten Ende entgegen, und es wird gekrönt durch "das wohl spektakulärste Formel-1-Rennen aller Zeiten". Das behauptet zumindest das Berliner Bollerblatt B.Z. Der unter der Leitung des Aachener Ingenieurs Hermann Tilke errichtete Kurs im Emirat Abu Dhabi sei wegen seiner Hafenlage und einer Passage, die durch einen Hotelkomplex führt, "die beste Strecke auf dieser Erde, sie schlägt alles bisher Gesehene".

    Nun ja, reden wir nicht von Spa oder der Nordschleife des Nürburgrings oder anderen Traditionskursen, es gilt halt, lässt die Financial Times Deutschlands die flirrende Luft aus den glühenden Druckmaschinen- und Gummiwalzen, "das Vollgasmärchen von Tausendundeiner Nacht in die Welt zu übertragen. Und Abu Dhabi einen Platz in der Weltgeschichte des Sports zu verschaffen." Die Fahrer hingegen, heißt es weiter, "sind nur mäßig euphorisch, weil sie schon so viele Tilke-Strecken kennen. 'Den modernen Strecken fehlt einfach die Geschichte, die du in Monza oder Spa spürst', sagt Sebastian Vettel. 'Und die Auslaufzonen sind so groß, dass man für Fahrfehler zu wenig büßt.' Im Klartext: Echte Kerle stehen auf die Gefahr, die Tilke nicht mehr einbauen darf. Prunk ist ihnen egal."

    Uns auch. Uns interessiert eher der Punk. Der Krawall. Der Vollquatsch und zuweilen gemeingefährliche Irrsinn, mit denen diese Saison, in der man immerhin das punktuell aufblitzende Genie Vettels und den angenehm nüchternen Gesamtsieger Jenson Button würdigen konnte, aufzuwarten verstand.

    Eine Saison, eine Bilanz. Eine Saison, in der der Name Hitler öfter eine gewichtige Rolle spielte, als er das gewöhnlich während eines Jahres auf der Titelseite eines Hamburger Nachrichtenmagazins oder in Guido Knopps ZDF-Geschichtsmärchenreihe tut - eine solche Saison dürfen wir durchaus eine enorme, eine enorm bescheuerte nennen.

    Im Sommer, als endlich der ganze verrammelte und vernagelte Formel-1-Bumsfallera-Zirkus aufgrund der erbärmlichen Streitereien zwischen den Teams und dem Weltautomobildachverband FIA mit einem gewaltigen Getöse in sich zusammenzufallen schien, trumpfte unser sehr spezieller Serienboß Bernie Ecclestone dadurch auf, dass er Hitler als einen Mann belobigte, der "etwas auf die Beine stellen konnte" und mithin gewissermaßen ein kerniger Macher und Manager gewesen sei.

    Ei, ei, das gab Schimpfe, sogar der noch amtierende FIA-Guru und -Berserker Max Mosley, Sohn des ehemaligen Führers der britischen Faschisten, Oswald Mosley, und im Ruch stehend, ein Faible für irgendwie mit der Hitler-Zeit assoziierte Freizeitpraktiken zu pflegen, erhob kurz ermahnend die Stimme im Sinne der allgemeinen Entrüstung, wohl um sich reinzuwaschen, und zog dann gegenüber den Rennställen den Schwanz ein.

    In der Folge der Ankündigung seines Rücktrittes im Oktober entbrannte zwischen den Kandidaten für die Nachfolge auf dem juwelenbesetzten Thron des FIA-Präsidenten der nächste munter-kunterdumme Streit. Der erste Anwärter, Ari Vatanen, Ex-Rallyeweltmeister und Mitglied des EU-Parlaments, warf Mosley und der FIA vor, den einige Tage später als er selbst aus den Startblöcken gehüpften Aspiranten Jean Todt regelwidrig zu unterstützen. Daraufhin rief er, Vatanen, ein französisches Gericht an, denn vor den Kadi zu ziehen ist in der Formel 1 en vogue, en voguer geht es nicht. Resultat selbstverständlich: minus null.

    Todt, der ehemalige Ferrari-Teamchef und väterliche Freund von Michael Schumacher, obsiegte hernach deutlich. Die italienische Presse feierte das Ergebnis nicht zu Unrecht als epochalen "Erfolg für Ferrari", Todt, den manch ein Insider, plauderte die Welt aus, "für den Unangenehmsten, Arrogantesten und Besserwisserischsten" der Szene hält, gab den Versöhnler und Modernisierer und teilte mit: "Ich freue mich jetzt darauf, die ganzen Länder zu sehen, die meine Kandidatur unterstützt haben."

    Glückauf! Reisen bildet ja bekanntlich, und die FIA-Travelschatulle ist prall gefüllt, und das, mit Michael Schumacher zu reden, "ist positiv, sehr positiv".

    Sehr pejorativ, sehr, sehr negativ ward ungefähr zur selben Zeit die Rolle des leitenden Renault-Angestellten Flavio Briatore im "Crashgate-Skandal" von Singapur 2008 bewertet. Da der hundertfache Millionär und aktenkundige Halbwelthallodri, der, so etwa Ende März 2006 geschehen und von der Bild-Zeitung dokumentiert, in der Boxengasse gern mal durch den Hitlergruß auffällig wird, in der vergangenen Saison seinem Piloten Nelson Piquet Jr. befohlen hatte, einen Unfall zu bauen, um dem Stallgefährten Fernando Alonso den Grand-Prix-Gewinn zu ermöglichen, sperrte ihn die FIA nun, die Sache war blöderweise aufgeflogen, lebenslänglich.

    "Briatore fällt einer Giftwelle und Racheakten zum Opfer", jaulte deshalb der Corriere dello Sport auf, und "Mister Billionaire", der brachiale Betrüger, kündigte was an? Die FIA zu verklagen. Weil sein "Lebenswerk zerstört worden" sei - o. s. ä. "Ich bin empört über das Urteil", jammerte ausgerechnet der Mann, von dem der Satz stammt: "Es gibt Sieger und Idioten, ich bin ein Sieger."

    Wahrlich – eine Prachtsaison. Eine Saison voller implodierender Idiotien. Und weil man im Hause des Spiegel von Hitler genug oder über ihn gerade keine Monsterstory in der Schublade hatte, generierte man vergangene Woche inmitten der Krisen- und Staatsverschuldungs- und sonstigen Unter- oder Übergangszeiten eine Titelgeschichte zum beinahe größten Comeback der Sporthistorie: Ein, staune und schweige demütig, zehnseitiges Interview mit Einsprengselimpressionen von Schumis Schweizer Ranch und der Kartbahn in Kerpen, in dem zu erfahren war, dass Michael Schumacher ein sympathisch-schlichter, zur Selbstreflexion fähiger Mensch ist; und in dem Schumacher selbst die Frage stellte, "warum plötzlich auch noch Leute vom Spiegel hier sind".

    Ja, warum? Warum? Warum das alles überhaupt?

    Wir wissen es nicht. Leider.