Montag, 16. Mai 2022

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"Im Moment treten weder Öl noch Gas aus"

Umwelt. - Die Bohrinsel "Deep Water Horizon", die am Dienstag im Golf von Mexiko in Brand geraten war, ist inzwischen gesunken. Ein großer Ölteppich hat sich gebildet, allerdings ist unklar, ob darin auch Rohöl ist. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich berichtet im Gespräch mit Arndt Reuning über die jüngsten Entwicklungen.

23.04.2010

Reuning: Frau Röhrlich, was genau ist denn auf dieser Bohrplattform vorgefallen?

Röhrlich: Ja, was dort vorgefallen ist, wird man wohl erst in einigen Wochen wissen, wenn die Erkundungen zu Ende gebracht worden sind. Im Moment ist man noch richtig dabei, den Schaden zu begrenzen. Sie ist explodiert. Wo sie war, ist es ein Ölteppich zu sehen, man weiß auch, dass dieser Ölteppich aus Diesel hauptsächlich besteht, aus den 2,5 Millionen Tonnen, den 2,5 Millionen Litern Diesel, die an Bord der Ölplattform waren. Alles, was nicht verbrannt ist, schwimmt jetzt auf dem Meer, es gibt kaum Rohöl, das ist schon eine gute Nachricht. Es sieht so aus, als würde nichts rauskommen!

Reuning: Was war das überhaupt für eine Plattform, was wurde dort gemacht?

Röhrlich: Das war eine Erkundungsplattform, eine Explorationsplattform. BP hat dort ein neues Ölfeld gefunden und wollte eigentlich damit diese Woche an die Öffentlichkeit gehen. Und diese "Deep Water Horizon" hat dieses Ölfeld, ja, angebohrt, um zu sehen, was ist da, wie kann man das später mal herausholen, das Öl. Und sie sollte eigentlich bald abgezogen werden, diese Plattform, weil ihre Arbeit beendet war. Und, tja, jetzt ist es da zu dem Unfall gekommen. Man weiß nicht, ob Rohöl auf dieser Plattform war. Es ist aber unwahrscheinlich, weil es keine Bohrplattform war.

Reuning: Was wissen die Experten denn darüber, wie es vor Ort unter Wasser aussieht?

Röhrlich: Es hat eben eine Pressekonferenz der Küstenwache gegeben, und die haben mit Unterwasserbooten, ROV, ferngesteuerten, festgestellt, dass anscheinend im Moment weder Öl noch Gas austreten. Im Moment, wurde dort extra betont. Denn je nachdem, wo diese Erkundungsbohrungen das Ölfeld getroffen hat, kann es sein, dass irgendetwas noch nachkommt. Wenn man Pech hat, bis zu 1,2 Millionen Liter Rohöl pro Tag, das wäre der schlimmste Fall. Jetzt wird man erst einmal schauen müssen, was da passiert. Die große Frage ist, was ist mit dem so genannten blow out preventer, das ist ein Ventil, das sich automatisch schließt, wenn etwas passiert. Und BP, die Pressestelle dort hat gesagt, na ja, das hat wohl nicht funktioniert, es ist jetzt zur Explosion gekommen. Nur in welchem Zustand das jetzt ist, weiß man nicht. Und man weiß auch nicht, ob es jetzt beispielsweise beschädigt worden ist, als die Plattform draufgefallen ist. Das wird jetzt zunächst einmal mit ROVs erkundet, man wird auch schauen, ob man es reparieren kann. Und falls Öl austritt, dann wird man sich noch etwas anderes einfallen lassen müssen, dann wird man nämlich unter Umständen eine zweite Bohrung von einer in der Nähe befindlichen Plattform aus zu diesem Havaristen jetzt führen können, um dann einfach das Öl noch zu versiegeln, damit möglichst nichts herauskommen kann. Aber ob das jetzt noch nötig ist, das wird die die Zeit zeigen, das macht man nur, wenn wirklich etwas austritt.

Reuning: An Land werden solche Löcher ja gerne auch gesprengt. Kann man das unter Wasser machen?

Röhrlich: Bei dem Wasserdruck wäre das nicht möglich.

Reuning: Was unternimmt man den jetzt vor Ort zur Bekämpfung des Ölteppichs?

Röhrlich: Rein von der Hardware ist es eine Materialschlacht regelrecht angelaufen. Man hat 32 Schiffe im ersten Zug dorthin geschickt, die das irgendwie aufsaugen sollen. Man hat vier Flugzeuge gechartert, die Bindemittel aus Chemikalien runterwerfen sollen. Man macht eigentlich alles Mögliche, um zu verhindern, dass dieser Ölteppich auf die Küste zutreibt, dann das wäre wirklich eine Katastrophe, weil dort auch Naturschutzgebiete liegen. Die Frage ist jedoch, ob das ausreicht. Wenn es wirklich nur dieser Diesel ist, nur in Anführungszeichen, der im Moment auf dem Wasser schwimmt, dann lässt sich das wahrscheinlich eindämmen. Aber falls das Bohrloch doch noch Öl ausspuckt, dann wird es schwierig werden.

Reuning: Was würde denn so eine weit reichende Ölteppich für das Ökosystem vor Ort bedeuten?

Röhrlich: Ja, man sieht ja bei anderen Ölunfällen, was dann passieren kann. Dann schwimmt Teer an die Küsten, es werden Tiere verklebt, Unmengen an Tieren werden dann daran sterben. Die Umweltwissenschaftler der Louisiana State University sagen im Moment, es ist uns noch nicht der Himmel auf den Kopf gefallen, hieß es so schön auf der Pressekonferenz, aber sie können halt auch nicht sicher sein, ob es nicht doch noch passieren kann. Falls also das Öl weiter beginnt heraus quellen, dann sind wichtige Laichplätze zu bedroht, dann ist auch ein großes Futtergebiet der Pottwale bedroht, und es kommt jetzt wirklich alles darauf an, neben der Frage, ob jetzt dort noch Öl ausläuft oder nicht, wie die Wetterlage bleibt. Zurzeit ist das Wetter ruhig. Aber für das Wochenende ist ein Sturmtief angekündigt worden, und das könnte das Öl in Richtung Louisiana, in Richtung Küste drücken. Und das wäre sehr unangenehm.