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Im Zeigen des Bösen

Zunächst war der "Film noir" nur Abfallprodukt teurer Hollywoodproduktionen: Doch offenbar beschrieben die düsteren Kriminalfilme der 40er- und 50er-Jahre treffend eine Grundstimmung von konstanter Bedrohung. Inzwischen haben die hochkarätig besetzten Filme längst Kultstatus erreicht.

Von Kirsten Liese | 23.06.2012

    Nächtliche Straßen, öffentliche Bars, Spielkasinos, Detektivbüros und private Wohnzimmer, das sind die bevorzugten Schauplätze im Film Noir. Die besondere Atmosphäre der im Hollywood der 1940er- und 1950er-Jahre entstandenen Kriminalgeschichten steht auch im Fokus der Frankfurter Ausstellung. Das Deutsche Filmmuseum überrascht mit einer stimmungsvollen Rauminstallation samt blauem Neonlicht, Schreibtischecken und plüschigen Sofas. Eine klassische Bar dient als Entrée einer von selbstbewussten, rauchenden Frauen und desillusionierten, Whisky trinkenden Männern geprägten Welt.

    In einer Szene aus "Dead Reckoning- Späte Sühne" von John Cromwell ist es Lauren Bacall, die gezielt ihre weiblichen Reize einsetzt, um sich Humphrey Bogart gefügig zu machen, erläutert Kuratorin Jule Murmann:

    "Die Kamera fährt langsam von ihren in schönen Schuhen gekleideten Füßen über die nackten Beine bis hin nach oben zu ihrem Gesicht, sie hält in die Kamera eine Zigarette und dann kommt von der Seite der Arm von Humphrey Bogart und gibt ihr Feuer."

    Abgebrühte Detektive, die am Rande der Legalität ermitteln, verführerische Frauen und gewaltbereite Gangster, sie sind die Prototypen des Film noir. Ihre Geschichten entstammen der populären amerikanischen Kriminalliteratur der 1920er- und 30er-Jahre, wirken dabei aber bemerkenswert zeitlos, findet Claudia Dillmann, die Direktorin des Deutschen Filmmuseums:

    "Es sind sehr harte, kalte, schonungslose Filme über die Kehrseiten der amerikanischen Gesellschaft, über die Schattenseiten der Nacht, ein sehr harter Blick auch auf das Verhältnis von Männern und Frauen. Verbrechen spielen eine Rolle, menschliche Gier, und der Film noir hat dafür eine Visualisierung gefunden, die ihn noch heute modern und aktuell macht."

    Dazu passt es, dass der Film noir das Kino späterer Jahrzehnte und damit auch Regisseure wie David Lynch oder Martin Scorsese maßgeblich beeinflusste. Doch bezeichnet der Begriff im Gegensatz zum Thriller kein eigenes Genre, sagt Kuratorin Murmann:

    "Weil er auf einen ganz klaren Zeitraum der Hollywoodproduktion beschränkt ist, das heißt, er ist wirklich nur in den 40er- und 50er-Jahren entstanden unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen hervorgekommen und weist Stilelemente in sehr gebündelter Form auf, die es damals zwar schon gab, aber nicht so dezidiert zusammengefasst. Und die Ära des klassischen Film noir endet 1958 mit Orson Welles 'Touch of Evil'."

    Auf Großleinwänden flimmern in Endlosschleifen Auszüge aus Klassikern von Regisseuren wie Billy Wilder, Orson Welles, George Cukor oder Howart Hawks. Um welche Produktionen es sich dabei handelt, erfährt man nicht, da die Titel nicht eingeblendet werden, aber das macht nichts. Die Schnipsel sind ohnehin sehr kurz, oftmals nur wenige Sekunden lang. Es sind die Stilelemente, auf die es ankommt: Expressive Licht- und Schattenkontraste, klaustrophobischer Bildaufbau, experimentelle Kameraführung, verwickelte Erzählungen, düstere Orte, gebrochene Figuren und spezifische Tonkulissen. All diese Charakteristika werden dem Besucher anschaulich mit knappen Hinweisen vermittelt, so verbindet das Deutsche Filmmuseum bei seiner höchst reizvollen Schau über den Film noir sehr überzeugend Wissen mit sinnlichem Erleben.