Dienstag, 23. April 2024

Archiv

"In Zeiten von Liebe und Lüge"
Abgründe einer von der Diktatur ruinierten Gesellschaft

In dem Roman "In Zeiten von Liebe und Lüge" entführt Hélène Grémillon den Leser ins Argentinien von 1987: Kurz nach dem Ende der diktatorischen Junta-Herrschaft wird in Buenos Aires die Ehefrau eines bekannten Psychoanalytikers ermordet. In ihrem neuen Buch ermöglicht die Schriftstellerin einen Blick in eine traumatisierte Gesellschaft.

Von Christoph Vormweg | 03.03.2015
    Französische Schriftstellerin Helene Gremillon bei einem Interview im März 2012.
    Die französische Schriftstellerin Hélène Grémillon ist bekannt für ihre hochkomplexen Psychodramen. (picture alliance / dpa - Toni Albir)
    Der Reiz von Hélène Grémillons verschachtelten Psychoplots liegt in ihrer Verankerung. Nicht nur familiäre und erotische Konflikte spielen eine Rolle, sondern auch hochdramatische historische Zusammenhänge. In ihrem Debütroman "Das geheime Prinzip der Liebe", der in über 20 Ländern erschien, reichte der lange Arm der Geschichte bis zurück in die Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs von 1940 bis 44. In ihrem zweiten Roman "In Zeiten von Liebe und Lüge" konfrontiert uns Hélène Grémillon jetzt mit den politischen Abgründen Argentiniens im Jahr 1987, kurz nach dem Ende der dortigen Militär-Diktatur. Die Erinnerung an das brutale Regime der Junta nistet weiterhin in Köpfen und Seelen. Der Hass gärt, das Verlangen nach Rache. Denn die Mörder und Folterknechte von einst leben nach einer Amnestie weiter auf freiem Fuß. Als in Buenos Aires die Ehefrau des renommierten Psychoanalytikers Vittorio von ihrem Balkon in die Tiefe stürzt, weisen alle Indizien auf einen Mord hin.
    "Mir gefiel dieses Thema. Ich hatte Lust, es anzugehen, es zu bearbeiten. Und ich sagte mir: Ich werde auch da hin fahren - nach all den historischen Darstellungen und Romanen, die ich über diese Zeit gelesen hatte, nach all den Filmen, die ich mir darüber angesehen hatte. Als ich mit dem Schreiben begann, hatte ich den Plot aber schon klar vor Augen. Ich war rhythmisiert durch die tägliche Arbeit. Es lief bestens. Also stand außer Frage, dass ich den Schreibfluss für eine Reise nach Argentinien unterbrechen würde.
    Ich schrieb also weiter und sagte mir: Ich reise da nur hin, wenn ich eine Schreibblockade habe. Aber ich bekam keine. Also fuhr ich auch nicht nach Argentinien. Es gefiel mir, dass ich aus der Distanz schreiben konnte. Die Art des Romans erforderte auch nicht unbedingt eine Reise. Denn die Schreibweise zielt ja auf das Innere ab. Es ging mir nicht um Landschaftbeschreibungen, nicht um das Ausmalen der Atmosphäre eines Landes oder einer Stadt. Ich war in den vier Wänden meines Büros glücklich damit, mir vorzustellen, was in den vier Wänden von Vittorios psychoanalytischer Praxis abgelaufen war, in den Herzen dieser Leidenden, dieser Trauernden, dieser Verliebten, dieser Leidenschaftlichen. An Material mangelte es mir da nicht."
    Die Polizei von Buenos Aires glaubt, dass Ehemann Vittorio der Mörder der bildschönen Lisandra ist. Also nimmt sie den Psychoanalytiker in Untersuchungshaft. Doch nicht nur der Kommissar sucht nach Beweisen für ein Eifersuchtsdrama. Auch Vittorios Patientin Eva Maria forscht nach Spuren - sie allerdings mit dem Ziel, ihren heimlich geliebten Seelendoktor zu entlasten.
    Blick in die Verstörung der traumatisierten Gesellschaft
    Vittorio seinerseits vermutet den Täter oder die Täterin im Kreis seiner Patienten. Deshalb bittet er Eva Maria, die Audio-Kassetten, die er heimlich von den jeweils letzten Sitzungen aufgenommen hat, aus ihrem Versteck zu holen und abzuschreiben. Sie ist einverstanden, auch wenn sie damit seinen Verrat an den Patienten deckt. Abend für Abend taucht Eva Maria ab in neue Seelenbeichten. Mit diesem Kunstgriff lässt uns Hélène Grémillion tief in die Verstörungen der traumatisierten argentinischen Gesellschaft blicken. In knapper, präziser Prosa fächert sie die Seelendramen auf. Dabei platziert sie äußerst gekonnt, das heißt spannungssteigernd, die Verdachtsmomente und Indizien.
    "Als ich mit dem Schreiben des Romans 'In Zeiten von Liebe und Lüge' begann, wollte ich die psychoanalytischen Sitzungen vollständig wiedergeben, diese Dialoge zwischen Psychoanalytiker und Patient. In meinen Augen ähneln sie Novellen, die in den Roman eingebettet sind. Man verlässt die Rahmenhandlung und taucht mitten hinein in die Privatsphäre eines Patienten. Man entdeckt sein Leiden, tritt in den Austausch mit dem Psychoanalytiker Vittorio - bis man dann zur Romanhandlung zurückkehrt. Ich hatte Lust, den Roman auf diese Weise zu zerlegen: Ihm etwas Theatralisches zu geben, da es sich ja um Dialoge handelt. Für mich hat das den Roman bereichert. Das hat ihn spannender gemacht. Denn so wird Einblick gewährt in das Innerste möglicher Schuldiger."
    Mit Eva Maria wird der Leser zum Seelenvoyeur. Die Patienten entblättern ihr Innerstes, offenbaren ihre tiefsten Abgründe, ihre Widersprüche, ihre Schuldverstrickungen. Doch in ihrer Verzweiflung suchen sie zugleich die Konfrontation mit ihrem Psychoanalytiker. Oft fühlen sie sich missverstanden. Manche drohen Vittorio sogar. Könnte vielleicht Alicia die Mörderin von Lisandra sein? Sie ist alt und hässlich, von Ehemann und Sohn verlassen - eine wahre Giftspritze, die alle jungen Frauen hasst. Was ist mit Felipe, dem einstigen Folterknecht des Regimes? Fürchtet er etwa, dass ihn sein Psychoanalytiker wegen seiner Geständnisse verpfeifen könnte? Und was ist mit Miguel, dem Pianisten, dem Gefolterten mit der Nummer 2138, der sich auch Herr Bach nennt? Ob Täter oder Opfer: Sie alle drohen ihren Alltag nicht länger bewältigen zu können. Sie alle sind Kandidaten für eine Bluttat aus Angst, Rache, Eifersucht oder Neid.
    Mit Eva Maria, der Vulkan-Forscherin, die für Vittorio die Mitschnitte der Sitzungen abschreibt, ist es nicht anders. Während der Militärdiktatur ist ihre Tochter spurlos verschwunden. Wahrscheinlich gehört sie zu den vielen im Auftrag der Junta Entführten und Ermordeten. Seit der Trennung von ihrem Ehemann lebt Eva-Maria allein mit ihrem Sohn zusammen. Und sie verdächtigt alle und jeden - schließlich sogar ihren Psychoanalytiker.
    "Die Hypothese, dass Vittorio einer der Folterpsychologen der Militär-Junta gewesen sein könnte, erfahren wir aus dem alkoholisierten Gerede von Eva-Maria. Sie hat an jenem Abend zu viel getrunken und begibt sich auf eine Art Trip. Sie fantasiert sich etwas zusammen. Ihr berauschter Geist glaubt, die Wahrheit in den Händen zu halten."
    Labyrinth der Verdachtsmomente
    Hélène Grémillon schickt uns in ein Labyrinth der Verdachtsmomente. Ständig öffnen sich neue Perspektiven des Möglichen. Keine Hypothese scheint zu abgedreht, zu paranoid. Das gibt ihrem Roman "In Zeiten von Liebe und Lüge" auf Dauer eine überkonstruierte Note. Trotzdem gelingt es Hélène Grémillon immer wieder, ihren hochtourigen Plot zu erden: zum einen durch den Wortlaut der Sitzungen, zum anderen durch die Beschreibungen von Eva Marias Besuch bei Lisandras Tango-Lehrer oder von den Begegnungen mit ihrem Sohn, der sich im Schatten der abwesenden Schwester nie als Sohn wahrgenommen fühlt. Im Hamsterrad der Trauer wird Eva Maria zur Gefangenen ihrer eigenen Halluzinationen. Gerade hier zeigt Hélène Grémillon ihr psychologisches Feingefühl, mehr noch: die Fundiertheit ihrer Vorrecherchen.
    Der Roman "In Zeiten von Liebe und Lüge" gleicht einer 350-seitigen emotionalen Achterbahnfahrt. Hélène Grémillon öffnet uns die endlosen Abgründe einer von der Diktatur ruinierten Gesellschaft. Am Ende des Romans stapeln sich die Überraschungen. Das ist dann bestes Psychothriller-Niveau. Der allwissende Erzähler macht´s möglich.
    Hélène Grémillon: "In Zeiten von Liebe und Lüge", aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, 348 Seiten, 20 Euro.