Dienstag, 09. August 2022

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Indische Inspiration

Hinten links warten die Instrumente der Musikkapelle "A Rose Is", vorne rechts thront ein Glaskasten samt bespielbarem Dach. In seinem inneren sind - akkurat montiert - zwölf Plastikschalensessel. Auf ihnen nimmt das Völkchen der Artisten und anderer Lebenskünstler Platz - und wartet darauf, dass die lila Schwingtür endlich aufgeht und sie vorsprechen dürfen für den großen Job. Hier werden sie sich Geschichten erzählen, werden übereinander herfallen, sich verführen und bedrohen und immer wieder rausrennen aus dem Kasten, um auf der weiten Bühne zu tanzen.

Von Gabriele Wittmann | 23.01.2005

    In Constanza Macras Choreografie "Big in Bombay” ist alles Oberfläche, alles Show. Das Versprechen eines Jobs ebenso wie der Job selbst und die Charaktere, die ihn begehren. Eine Frau betritt schluchzend den Raum, um sich von einer anderen beibringen zu lassen, wie man noch besser heult - nach bester indischer Bollywood - oder südamerikanischer Telenovelas-Serien-Manier. Eine ehemalige Gymnastiklehrerin erhält für ihre flic-flac-Einlagen Zwischenapplaus, doch sie ist für etwas anderes bestimmt: Ruck zuck eine schwarze Indianerzopf-Perücke über den Kopf gestülpt soll sie nun mit einem Beil ihre Mitspieler bedrohen. Ihr männlicher Einweiser zeigt ihr die Richtung, seine Stirnband-Glöckchen wippen und klingeln dreimal nach rechts, dreimal nach links.

    Über ihren Köpfen auf dem Dach probt ein Paar den Porno und schüttet Flüssigkeit aus einer penisförmigen Nuckelflasche, während irgendwo ein Typ mit Woody-Allen-Brille fürchterlich komische Angstsprünge vollführt. Die Rettung naht in Form einer mexikanischen Folklorekapelle, die in knielangen Ponchos und Strohhüten aus der geheimnisvollen Schwingtür wandelt und mit herzzerreißendem Gitarren- und Violinenspiel die Gemüter beruhigt. Soweit der zuweilen amüsante, insgesamt aber mit knapp zwei Stunden viel zu zähe erste Teil dieses Abends.

    Im zweiten Teil von "Big in Bombay" zieht das Tempo merklich an. Tanzlust bricht aus - und Massenhysterie, wenn die zwölf Darsteller sich jagen bis die Windmaschine angeht und alle an die Glasscheiben presst. Angst regiert die Welt: Von der Video-Leinwand flimmert die wunderbar komische Schauspielerin Jo Stone und rattert in einem packenden Monolog all ihre Ängste herunter - in Italien könnte die El Kaida lauern, das Bad während der Monatsblutung könnte Haie anziehen, die köstlichen Kalamares Fischvergiftung auslösen, und auf der Rückfahrt über die Alpen auch noch der Zug entgleisen.

    Ab jetzt dürfen die Tänzer zeigen, was sie können, und nun gewinnt das Stück an Fahrt. Fantastisch Margret Sara Gudjonsdotter, wie sie einen alternden Musical-Choreografen erst mit einem Messer bedroht, um dann das zu tun, was ihn wirklich umbringt: hässlich zeitgenössisch zu tanzen nämlich. Sie knickt ein in den Gelenken, flippt ihre Glieder um sich wie eine wild gewordene Puppe, springt in einen Spagat, und plappert dabei hysterisch die unverdauten Brocken einer Geschichte - mit dem köstlichsten Sopran-Quietschen, das eine Frauenstimme je vollbracht hat.

    Was aber bleibt am Ende - neben der wunderbaren Musikkapelle "A Rose Is"? Was bleibt von all den chaotischen Tänzchen und Szenen? Es bleibt keine Tiefe, wie noch bei Alain Platel, der diese Ästhetik vor zehn Jahren auf die europäische Bühne brachte. Constanza Macras traut keinen Figuren mehr - aber sie bringt sie auf die Bühne. Und so hängt ihr Stück unentschieden zwischen Tanztheater und postdramatischer Groteske. Ihre bunte Schar bleibt irgendwie komisch, irgendwie menschlich, und - selbst in ihren düstersten Anspielungen - irgendwie harmlos.

    Was bleibt, ist vor allem der pure Spaß in den kurzen Gruppenchoreografien, die - wie in Bollywood-Filmen auch - das Drama kurzzeitig aufhalten. Dann lassen die Tänzer wonnevoll ihre Bäuche kreiseln, wechseln Arme und Blicke nach rechts und links, springen und drehen sich - geschult in Bollywood-Derwisch-Flamenco-Musical-Tabledance-MTV-Trash. Dann sprüht kurz ein wenig Leben aus diesem Stück, nach dem Motto: Wenn wir schon die ewigen Verlierer sind in dieser absurden Disney-World-Beschäftigungsgesellschaft, dann lasst uns wenigstens Spaß daran haben - und tanzen.