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IntegrationEin Jahr Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug

Am 1. Dezember 2015 startete das Sonderprogramm "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug". Das Ziel: Geflüchteten sollten die Möglichkeit haben, sich ehrenamtlich zu engagieren und dadurch zu integrieren. Etwas mehr als Hälfte der Stellen sind aber erst besetzt - eine Zwischenbilanz.

Von Axel Schröder | 01.12.2016

Eine Bundesfreiwillige arbeitet in einer Kindertagesstätte mit einem Kind
Eine Bundesfreiwillige in einer Kindertagesstätte (dpa/picture alliance/Robert B. Fishman)
Parniyan Kaliqi zeigt ihren Arbeitsplatz. Seit einem knappen Jahr macht die junge Frau, deren Eltern vor über 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflohen sind, ihren Bundesfreiwilligendienst. Genauer gesagt: den Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug.
"Wir sind hier in der türkischen Gemeinde Hamburg, die es seit 30 Jahren tatsächlich schon gibt. Dort finden die Räume, die Säle für die Integrationskurse, dort finden die statt. Hier haben wir das Konferenzzimmer. Unten haben wir noch Kursräume, aber die sind dann halt wie die hier."
Im ersten Stock ist auch die "Ankerstelle" untergebracht. Hier finden Flüchtlinge, aber auch Menschen, die schon seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland leben, Unterstützung und Beratung in Krisensituationen:
"Wir werden vom Jugendamt und "Aktion Mensch" finanziert. Und machen Beratung für Familien und Migranten in Krisensituationen. Vor allem Frauen und zurzeit die Geflüchteten. Dort machen wir von Eheberatung bis Erziehungshilfe, psychische Probleme, Behördenhilfe, Begleitung zu Terminen, Arztterminen. Eigentlich kümmern wir uns um das Rundumwohl."
Zuhören, vermitteln, beraten
Seit einem Jahr gibt es den Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug. 10.000 Stellen, zusätzlich zu den rund 40.000 bestehenden würde der Bund im Rahmen des Programms finanzieren. Etwas mehr als Hälfte der Stellen sind aber erst besetzt. 20 Prozent der Bufdis sind Migranten. Pro Monat verdienen sie 300 Euro. Nicht viel Geld. Aber Parniyans Motivation ist sowieso eine andere:
"Wenn ich mir überlege, dass meine Eltern hier vor 30, 40 Jahren hergekommen sind – wären die damals nicht hierhergekommen, wäre ich jetzt vielleicht in der Situation. Und deshalb ist es mir auch eher ein persönliches Anliegen. Dass man da unterstützt. Und dass ich meine Sprachkenntnisse zu was Gutem benutzen kann."
Dass es mit Parniyan Kaliqi nun jemanden gibt, der deutsch, englisch, französisch und Farsi spricht, ist für die Beratungsstelle der Türkischen Gemeinde Hamburg ein riesiger Gewinn. Denn oft geht es in der Beratung um familiäre Probleme, bei denen es ohne eine gute Übersetzung von Farsi ins Deutsche viel zu viele Missverständnisse gibt. Gerade in den Flüchtlingsunterkünften, wo viele Menschen auf engem Raum leben, komme es zu Übergriffen, die in den Herkunftsländern der Menschen gar nicht als solche gelten, erzählt Parniyans Vorgesetzte, die Sozialarbeiterin Ayse Aykus-Gürsoy:
"Da ist natürlich auch Gewalt im Spiel. Das spielt dann eine Rolle bei der Kindererziehung. Und wir versuchen den Eltern oder den Familien zu zeigen, dass Erziehung auch ohne Gewalt geschehen kann. Und welche Methoden es dafür gibt. Dass man dann nicht ausrastet."
Ayse Aykus-Gürsoy und Parniyan Kaliqi sitzen den jungen Frauen und Männern gegenüber, hören sich ihre Geschichten an, vermitteln und geben Rat. Nicht nur denen, die gerade erst in Deutschland angekommen sind.
"Das sind auch Familien, die schon in normalen Wohnungen wohnen, die schon lange in Deutschland sind. Aber eben der Sprache noch nicht mächtig sind. Das gibt es ja auch. Da ist es auch genauso: Wenn da Konflikte in der Familie sind, werden die genauso auch vom Jugendamt reingeholt in die Familien. Und begleiten sie für eine bestimmte Zeit."
Die Arbeit mit nach Hause genommen
Eigentlich, erzählt Parniyan Kaliqi, nimmt sie die Geschichten, die sie bei der Arbeit hört, nicht mit nach Hause. An einen Fall erinnert sie sich, der sie auch im Nachhinein noch umgetrieben hat. Anfang des Jahres war das, als die Erstaufnahmen noch völlig überfüllt waren.
"Es gab einen Fall von einer Frau, die hier hergekommen ist mit ihrer kleinen Tochter – in ihrem Heimatland schwer verfolgt wurde, geschlagen, missbraucht und alles Mögliche – und hier nicht mehr klarkam, weil sie diese Strukturen nicht ausgehalten hat. Dadurch, dass die Camps so überlastet sind, gibt‘s halt Schwierigkeiten, die Leute weiter unterzubringen. Und den Fall habe ich, glaube ich, vier oder fünf Monate begleitet. Und das war ein sehr, sehr intensiver Fall. Waren auch beim Psychologen und haben ihr so gut wir konnten, geholfen. Und im Endeffekt ging es ihr dann auch nicht besser. Aber es war halt ein langer, langer Weg dahin."
Nach ihrem Bundesfreiwilligendienst will Parniyan Kaliqi dann studieren. Ihr Jahr als Bundesfreiwillige hat sie in ihrer Fachwahl nur bestärkt:
"Wahrscheinlich wird es Psychologie. Aber auch mit dem Schwerpunkt "Diversity", "Feminismus", "Empowerment" und Ähnlichem. Da habe ich auch gemerkt, dass da meine Stärken liegen!"
Ihre Chefin, die Sozialberaterin Ayse Aykus-Gürsoy, lächelt zu ihr rüber. Wenn es nach ihr ginge, erzählt sie, könnten in der Beratungsstelle der Türkischen Gemeinde Hamburg gern noch mehr Freiwillige wie Paniyan Kaliqi arbeiten.