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Internetkonferenz in Lissabon
Türöffner für Portugals Start-ups

Bisher galt Portugal nicht unbedingt als wichtiges IT-Zentrum in Europa. Die Verlegung der größten Konferenz im Bereich Internet-Technologie von Dublin nach Lissabon ändert das gerade. Beim diesjährigen Web Summit stehen vor allem Start-up-Unternehmen im Mittelpunkt.

Von Tilo Wagner | 07.11.2016

Teilnehmer des Web Summit in Lissabon, unter anderem Portugals Regierungschef Antonio Costa (2. v. l.) sowie der Mitbegründer der Konferenz, Paddy Cosgrave (l).
Teilnehmer des Web Summit in Lissabon, unter anderem der portugiesische Antonio Costa (2. v. l.) sowie der Mitbegründer der Konferenz, Paddy Cosgrave (l). (picture alliance / dpa / Tiago Petinga)
Pedro Pessanha steht auf einer Sportanlage im Osten Lissabons und erzählt von einer Geschäftsidee: Zusammen mit vier Freunden baut der junge Wirtschaftswissenschaftler die Internetplattform Air Courts auf, über die private Nutzer Fußball- oder Tennisplätze schnell und unkompliziert buchen können. Das Start-up-Unternehmen expandiert zurzeit in Portugal und will in Kürze auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern Fuß fassen. Im September hat Pessanhas Firma einen von 67 Plätzen auf der Internetkonferenz Web Summit gewonnen, die die portugiesische Regierung an herausragende Start-ups vergeben hat.
"Es gibt in Portugal immer mehr Unterstützung für Start-ups, und ein Teil kommt auch von den Behörden. Und das führt dazu, dass immer mehr Start-ups gegründet werden. Im Vorfeld des Web Summits sind viele Leute aus der Szene hoch motiviert und sehr euphorisch. Das gilt nicht nur für die IT-Branche, sondern auch für junge Unternehmen aus anderen Sektoren."
Der Premierminister empfängt einige Firmengründer persönlich
Seitdem vor über einem Jahr die Organisatoren der Konferenz beschlossen hatten, den Web Summit aus Dublin nach Lissabon zu verlegen, ist das Thema der Start-up-Unternehmen in Portugal ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Premierminister António Costa hat die Firmengründer, die in einem Auswahlverfahren einen kostenlosen Ausstellungsplatz auf der Konferenz gewonnen haben, persönlich empfangen. Und laut Medienberichten will die sozialistische Minderheitsregierung die Finanzhilfen für Start-up-Unternehmen im kommenden Jahr von 200 auf 400 Millionen Euro verdoppeln.
Für die Regierung ist der Web Summit eine willkommene Gelegenheit, um ein anderes Bild von Portugal zu präsentieren. Das Land hat in den vergangenen Jahren nur wenige gute Nachrichten verbreiten können: Die Staatsverschuldung hat einen neuen Höchststand erreicht, die Defizitvorgaben aus Brüssel wurden seit 2008 nicht mehr eingehalten und in diesem Jahr ist die Wirtschaft weit weniger stark gewachsen als erwartet.
Die Krise habe aber dennoch eine indirekt, positive Wirkung gehabt, sagt der Wirtschaftsprofessor und ehemalige Finanzminister Luís Campos e Cunha. Gerade in der jüngeren Generation zeige sich ein Mentalitätswechsel:
"Vor 25 Jahren hatten meine Studenten vor allem einen Wunsch: Sie wollten im Finanzsektor arbeiten. Heutzutage wissen sie, dass es bei den Banken keine Jobs mehr gibt. Und deshalb wollen sie fast alle ihr eigenes Unternehmen gründen und ihre Ideen verwirklichen. Mit dem Web Summit schauen die Leute jetzt genauer auf dieses Phänomen der Start-ups, aber das hat vor zehn Jahren schon begonnen. Was wir jetzt sehen, sind auch die Früchte einer wesentlich besseren Ausbildung an den portugiesischen Universitäten."
In Lissabon werden 1.300 Investoren erwartet
Ein großes Hindernis bleibt: Die Unternehmen haben Schwierigkeiten, ihr Geschäft auszubauen. Denn das Investitionsniveau der Firmen ist im Vergleich zum Jahr 2008 um 27 Prozent zurückgegangen: schlechter geht es im europäischen Vergleich nur den Unternehmen in Griechenland.
Der Web Summit ist auch ein Ort, wo Start-up-Unternehmen auf mögliche Investoren treffen können. Laut Veranstaltern sollen den Teilnehmern der Konferenz von 2015 über eine Milliarden Dollar zugeflossen sein. In Lissabon werden in den kommenden Tagen 1.300 Investoren erwartet. Und damit wächst in Portugal auch die Hoffnung, dass sich für die lebhafte Startup-Szene im Land neue Türen öffnen.