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Portugal vor den Wahlen
Hoffnungsschimmer im Südwesten Europas

In der Griechenlandkrise wurde immer wieder auch auf Portugal verwiesen. Dieses Land habe ebenfalls in einer schweren Krise gesteckt, aber mit dem strikten Sparkurs die Wirtschaft angekurbelt. Wenn die Portugiesen am Sonntag ein neues Parlament wählen, dann kommt viel darauf an, ob sie dieser Argumentation folgen, oder ob sie sagen: Wir wollen nicht mehr sparen.

Von Tilo Wagner | 02.10.2015

    Antonio Costa (r.), sozialistischer Herausforderer, und der konservative Premierminister Pedro Bassos Coelho vor dem TV-Duell.
    Antonio Costa (r.), sozialistischer Herausforderer, und der konservative Premierminister Pedro Bassos Coelho vor dem TV-Duell. (AFP / PATRICIA DE MELO MOREIRA)
    Am Bahnhof in Sintra herrscht reges Treiben. Dutzende Touristen sind aus Lissabon mit dem Nahverkehrszug in die ehemalige portugiesische Königsresidenz gekommen, um sich die berühmten Schlösser und Parks anzuschauen. Der Tourismus boomt in Portugal, das Rekordjahr 2014 könnte in der laufenden Saison noch einmal übertroffen werden. Auf dem Weg ins historische Zentrum kommen die Besucher zwangsläufig an einem neuen kleinen Laden vorbei, der nur ein einziges Produkt verkauft: Fischspezialitäten in Konserven. Rita Antunes steht hinter der Ladentheke:
    "Wir verkaufen hier in unserem Geschäft nur ein einziges Produkt, das das ganze Land repräsentiert. Wir wollten nicht noch einen Touri-Laden aufmachen mit tausend Sachen und Souvenirs aus dem Kunsthandwerk. Die Fischkonserven sind zurzeit richtig "in". Die Fabrikanten setzen jetzt auf Delikatessen mit schick designten Verpackungen. Also verkaufen wir die Konserven als ein ganz anderes Mitbringsel an die Touristen. Und es läuft wirklich sehr gut."
    Innovative Projekte entwickelt
    Die 34-jährige Agraringenieurin hat wie so viele junge portugiesische Fachkräfte in ihrem Ausbildungsbereich keinen Job gefunden. Aber anstatt auszuwandern, ist sie in ihrer Heimatstadt Sintra geblieben und hat vor einem Jahr den Laden aufgemacht.
    "Die Krise hat dazu geführt, dass viele Leute aus meiner Generation innovative Projekte entwickelt haben und sie jetzt auch umsetzen. Wir sind einfach Jungunternehmer geworden und glauben an unsere Ideen. Das war eine wirklich positive Reaktion auf die Krise."
    In Portugal ist mittlerweile eine lebhafte Landschaft von Start-up-Unternehmen entstanden, die vor allem im Tourismus und in der IT-Branche tätig sind. Impulse setzt auch die portugiesische Industrie, zum Beispiel im Werkzeug- und Maschinenbau oder in der Schuh- und Textilindustrie.
    Die Regierung habe zwar auch ihren Anteil an dem Aufschwung, sagt der Wirtschaftsprofessor Luís Campos e Cunha. Doch die wahren Helden seien die Unternehmer:
    "Die lange Rezession, die wir in Portugal durchlaufen haben, hat dazu geführt, dass die weniger effizienten Unternehmen Pleite gegangen sind. Der Aufschwung wird aber jetzt von den Firmen getragen, die die lange Krisenphase von fast fünf Jahren überlebt haben. Sie sind jetzt dementsprechend gut aufgestellt und das heißt, dass der jetzige Wirtschaftsaufschwung robuster sein wird als in der Vergangenheit."
    Lebhafte Landschaft von Start-up-Unternehmen
    Das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen ist innerhalb von zweieinhalb Jahren von 17,5 auf 12,4 Prozent zurückgegangen. Insgesamt soll die portugiesische Wirtschaft in diesem Jahr um 1,6 Prozent wachsen. Dementsprechend optimistisch sind die Unternehmer: Die Stimmung in der portugiesischen Wirtschaft ist so gut wie seit 14 Jahren nicht mehr.
    Die Mitte-Rechts-Koalition spürt den Rückenwind. Bis vor Kurzem schien ein Sieg bei den Parlamentswahlen am Sonntag sehr unwahrscheinlich. Denn die Regierung um Premierminister Pedro Passos Coelho hatte in den vergangenen vier Jahren massive Steuererhöhungen, Lohnkürzungen und Einschnitten im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsetat durchgesetzt, um die Staatsfinanzen wieder in den Griff zu bekommen.
    Die dadurch entstandene Unzufriedenheit in der Bevölkerung wollte die Sozialistische Partei eigentlich für sich nutzen und präsentierte ein Wirtschaftsprogramm, das eine Reihe von Steuererhöhungen und Gehaltskürzungen zurücknehmen will. Doch das Programm scheint bei den portugiesischen Wählern auf Misstrauen zu stoßen. In jüngsten Umfragen ist der Vorsprung der Mitte-Rechts-Koalition gegenüber der größten Oppositionspartei weiter gewachsen. Gewinnt sie die Wahl, würde zum ersten Mal in einem EU-Land, das ein Sparprogramm der Troika durchsetzen musste, die Regierung bestätigt werden.