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StartseiteCampus & Karriere"Wir brauchen Aufklärung von unten"13.01.2015

Islamische Religionspädagogik "Wir brauchen Aufklärung von unten"

Der muslimischen Theologie müsse es gelingen, junge Menschen soweit aufzuklären, dass sie selbst zwischen Religion und politischer Instrumentalisierung unterscheiden könnten, sagte der Professor Mouhanad Khorchide im Deutschlandfunk. Er bildet an der Universität Münster Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus.

Mouhanad Khorchide im Gespräch mit Jörg Biesler

Mouhanad Khorchide, Leiter Zentrum für Islamische Theologie Münster, vor dem Schloss. (Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)
Mouhanad Korchide: "Solange wir noch davon ausgehen, dass Gott im Jenseits eine ewige Gewalt ausüben wird gegen Nicht-Muslime, impliziert das eine gewisse Legitimation für Gewalt auch hier im Diesseits." (Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

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(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 13.01.2015)

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(Deutschlandradio Kultur, Interview mit der Leiterin der Jungen Islam Konferenz Berlin, 13.01.2015)

Jörg Biesler: Nach den Attentaten von Paris stellt sich die Frage, wie die Muslime damit umgehen, dass ihre Religion als Begründung für Morde benutzt wird, und wie die Religionspädagogik damit umgeht. Gibt es eine Debatte über Werte und die Vereinnahmung religiöser Tradition? In Frankreich hat das Nachdenken darüber begonnen, denn Lehrer stellen fest, dass ihre muslimischen Schüler sich weigern, der Toten zu gedenken. Was macht da die muslimische Religionspädagogik in Deutschland? Professor Mouhanad Khorchide bildet in Münster Religionslehrer aus. Guten Tag, Herr Korchide!

Mouhanad Khorchide: Guten Tag!

Biesler: Ist das Thema derzeit in den Seminaren und vielleicht auch auf den Gängen zwischen den Veranstaltungen, inwieweit extremistischer Terror etwas zu tun hat mit der Religion Islam?

Khorchide: Wir thematisieren das nicht nur zwischen den Veranstaltungen, sondern in den Lehrveranstaltungen, denn es ist etwas, was uns auch betrifft, was die Religionslehrkräfte, gerade die muslimischen Religionslehrkräfte auch betrifft und später in ihrem beruflichen Alltag.

Biesler: Wir haben gerade gehört, es fehlt eine Instanz, die verbindlich vorgibt, welche Glaubensinhalte, welche Haltung Muslime dann am besten vertreten sollten. Ist das in Deutschland auch so?

Khorchide: Die Praxis in der islamischen Welt zeigt, dass es solche Instanzen zwar gibt, denn jedes islamische Land hat eine Art Religionsministerium, das verbindliche Fatwahs gibt, also Rechtsprechung und Rechtsgutachten. Dennoch gibt es in jenen Ländern Extremisten, die das, was sie im Sinne haben, ihre eigenen Interpretationen, durchsetzen wollen, die noch sich nicht an diese Instanzen halten. Das heißt, wir brauchen Aufklärung von unten, Aufklärung in den Köpfen der Menschen, sodass die jungen Menschen selbst in der Lage sind, zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Angeboten, religiösen Angeboten, zu unterscheiden. Heute gehen die Jugendlichen ins Internet und finden eine Bandbreite an Angeboten, alles Mögliche ist anzutreffen. Wir müssen sie aufklären, sodass sie selbst in der Lage sind, mündig genug zu sein, zu wissen, was hat jetzt wirklich mit meiner Religion zu tun und was ist einfach eine politische Instrumentalisierung.

Biesler: Islam-Professoren haben gestern dazu aufgerufen, sich kritischer auseinanderzusetzen mit menschenverachtenden Argumentationen, die sich auf Inhalte islamischer Religion beziehen. Es gibt ja durchaus Textstellen im Koran, die man so verstehen kann, dass daraus Gewalt abzuleiten ist. Die gibt es in der Bibel ja auch, und Jahrhunderte lang ist es Praxis gewesen, sich darauf zu beziehen, auf solche Textstellen. Was kann denn die akademische Theologie da tun, um für Sicherheit zu sorgen?

"Inwieweit kann sich der Islam auch öffnen? Da gibt es gute Ansätze"

Khorchide: Die Theologie kann und muss unbedingt diese Stellen, die Gewalt ansprechen, im Koran oder in der prophetischen Tradition oder in der islamischen Ideengeschichte, kontextualisieren, also in ihrem historischen Kontext lesen. Im siebten Jahrhundert, als der Koran verkündet wurde, gab es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Propheten Mohammed und den Mekkanern, und das alles findet sich wieder im Koran als Beschreibung dieser Kriege, aber nicht als Imperative, nicht im Sinne von: Tötet jetzt Nicht-Muslime, nur weil sie nicht Muslime sind; sondern es ging damals um Verteidigungskriege in einem bestimmten historischen, kriegerischen Kontext. Und diese Aufklärungsarbeit gilt es genau so zu leisten, stärker in den Mittelpunkt zu stellen. In meinen Augen gibt es noch einen wesentlichen Punkt, der zu wenig noch aufgearbeitet worden ist in der islamischen Theologie, und zwar die Frage nach dem Verhältnis zwischen Islam und anderen Religionen. Solange wir noch davon ausgehen, dass Gott im Jenseits eine ewige Gewalt ausüben wird gegen Nicht-Muslime, impliziert das eine gewisse Legitimation für Gewalt auch hier im Diesseits. Und das müssen wir thematisieren: Wie stehen wir zu anderen Religionen, zu Menschen mit anderen Ideen im Islam? Inwieweit kann sich der Islam auch öffnen? Da gibt es gute Ansätze und Potenziale schon im Koran selbst, der übrigens nicht nur Muslimen, sondern auch Christen und Juden die ewige Glückseligkeit verspricht.

Biesler: Nun ist ja die französische Situation, von der wir gerade im Beitrag gehört haben, sicher verschieden von der in Deutschland. Haben Sie Informationen darüber, wie das Verhältnis von Lehrern und muslimischen Schülern in Deutschland ist und wie da über diese Fragen debattiert wird?

" ... geht es hier darum, genau diese Jugendlichen aufzufangen"

Khorchide: In Frankreich ist der Frust einiger junger Menschen aus sozialen Gründen viel größer als in Deutschland. Die Integration auf sozialer Ebene hat nicht so gut funktioniert in Frankreich, da gibt es viele marginalisierte Jugendliche, die frustriert sind, weil sie im Bildungssystem nicht weitergekommen sind, am Arbeitsmarkt auch nicht. Die Lage sieht viel besser aus in Deutschland. Allerdings wissen wir, dass gerade diejenigen, die sich rekrutieren lassen hier in Deutschland, die jungen Menschen, die sich rekrutieren lassen in salafistische oder gewalttätige Milieus, gerade aus den sozial fernen Schichten kommen beziehungsweise selbst auch sozial marginalisiert sind. Da geht es hier darum, genau diese Jugendlichen aufzufangen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das ist nicht nur eine theologische.

Biesler: Brauchen deutsche Islamlehrer für die Schulen dann auch eine spezielle Vorbereitung auf solche Situationen?

Khorchide: Man braucht Aufklärung gerade über den Islam selbst – was ist den Muslimen auch wichtig? Damit man mit gewissen Sensibilitäten besser umgehen kann und den Extremisten nicht die Argumente einfach so schenkt. Wir müssen sensibel reagieren auf das, was Muslimen wichtig ist. Wenn die Gesellschaft ihnen vermittelt, was euch wichtig ist, anerkennen wir, respektieren wir, dann haben wir hier eine gesunde Basis für ein friedliches Zusammenleben. Aber ich mache immer wieder die Erfahrung, dass sehr wenig über den Islam kommuniziert wird, wie wirklich der Islam ist, sondern wir haben nur Bilder, und das hat auch die Bertelsmann-Studie vor ein paar Tagen gezeigt, dass über 50 oder 57 Prozent der Deutschland Ängste vor dem Islam haben, unbegründete Ängste. Und das beruht auf wenig Kenntnissen über den Islam, und da brauchen wir mehr Aufklärung.

Biesler: Professor Mouhanad Khorchide von der Universität Münster, der mit uns zwischen zwei Veranstaltungen gesprochen hat. Vielen Dank Ihnen, Herr Khorchide! Und ich bitte, die schlechte Leitungsqualität daher zu entschuldigen. Danke!

Khorchide: Vielen Dank, danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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