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Islamkritik
Fünf Prototypen

Für die einen ist es eine Lebensaufgabe, für andere ein Schimpfwort: die Islamkritik. Dabei gibt es große Unterschiede: Während manch ein selbst ernannter Islamkritiker die Religion am liebsten ganz verbieten würde, streben andere Reformen an. Wir stellen sie vor: die fünf Prototypen des Islamkritikers.

Von Christian Röther | 20.09.2016
    Eine Moschee auf Koh Lanta in Thailand
    Eine Moschee auf Koh Lanta in Thailand (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
    Typ 1, und die Reihenfolge stellt keine Wertung dar: der Islamhasser. Er nennt sich zwar zumeist Islamkritiker, hat damit aber vor allem eines erreicht: den Begriff Islamkritik nachhaltig verdorben. Der Islamhasser will am liebsten alles verbieten, was mit dem Islam zu tun hat: Moscheen, Koran, Muslime.
    Typ 2 der Islamkritiker geht ein wenig differenzierter vor: der Ethnopluralist. Er weist jeder "Kultur" ihren "Raum" zu – und will Muslime aus Deutschland verbannen. Ein typischer Vertreter ist der Islamwissenschaftler und AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, der bei Pegida in Dresden sagte: "Der Islam hat eine Heimat. Und dort, in seinem angestammten Gebiet, darf er so sein, wie er will. Wir wollen nur nicht, dass er sich hier bei uns, in unserer Heimat, wo er fremd ist, breitmacht. Und das ist unser gutes Recht." Früher war der Ethnopluralist in der extremen Rechten zu Hause, mit der AfD ist er jetzt in den Parlamenten abgekommen.
    Talkshow-Islam
    Ganz anders Typ 3: der intellektuelle muslimische Islamkritiker. Er oder sie will den Islam reformieren oder in seine Grenzen verweisen. Prominente Vertreter sind beispielsweise Necla Kelek, Seyran Ates oder Bassam Tibi, der sagt: "Für mich ist das Grundgesetz, vielleicht ist das häretisch, aber ich wage es zu sagen, das Grundgesetz emotional ist das so wichtig wie der Koran." Anzutreffen sind die reformorientierten Muslime nicht etwa in islamischen Gemeinden, um dort etwas zu bewirken, sondern vor allem in Feuilletons und Talkshows.
    Dort findet sich auch Typ 4: der deutsche nicht-muslimische Islamkritiker. Reden wir nicht von Thilo Sarrazin, eher von Alice Schwarzer oder Henryk Marcin Broder. Seit Jahrzehnten erhebt Typ 4 die gleichen Klagen, in etwa: In islamischen Parallelgesellschaften werde der Schwimmunterricht unterwandert. Ein reaktionäres Weltbild mache sich breit. Obwohl diese Islamkritiker oft einen linksliberalen Hintergrund haben und für eine Trennung von Staat und Religion plädieren, müssen sie sich immer wieder als rechtsextrem bezeichnen lassen.
    Ex-muslimische Kritik
    Vor diesem Vorwurf ist auch Typ 5 nicht sicher: der Ex-Muslim oder die Ex-Muslimin. Mina Ahadi, die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, hielt dem kürzlich im Deutschlandfunk entgegen: "Wir sind der Meinung, Säkularismus ist die Antwort und wir brauchen einen säkularen Staat. Wir verteidigen eine moderne Kultur, wir verteidigen ein modernes Leben in Deutschland. Wir verteidigen Frauenrechte, Menschenrechte, freie Meinungsäußerungen und wir sind gegen islamische Organisationen."
    Ex-Muslime gelten so manchen aktiven Muslimen als Abtrünnige. Sabatina James zum Beispiel. Sie wuchs in einer muslimischen Familie auf und versteht sich heute als Katholikin. Ex-Muslime und Islamkritiker wie sie müssten sich versteckt halten, sagt James in einem ihrer Youtube-Videos: "Denn wer sich kritisch über Islam und seinen Propheten äußert, der riskiert schnell sein Leben."
    Islamkritik, tatsächlich kein einfaches Terrain. All diese Positionen – vom Islamhasser bis zur Ex-Muslim – werden immer wieder in einen Topf geworfen: vor allem von jenen, die die Islamkritik nicht differenzieren können oder wollen. Die Islamkritiker giften oft zurück und bezeichnen ihre Kritiker schlicht als Islamversteher. Auch nicht gerade eine differenzierte Position.