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Israel, Antisemitismus und Terror heute

Gerechtfertigte, faire Israelkritik sei legitim, sagt in Paris der französische Filmemacher Claude Lanzmann. Doch oft sei die Kritik an Israel und der israelischen Armee unfair. Der 83-jährige Lanzmann ist berühmt geworden durch seinen Dokumentarfilm "Shoah", der 1985 herauskam. Neun Jahre später entstand sein Film "Tsahal" - auf Deutsch "Armee zur Verteidigung Israels".

Von Natascha Freundel | 11.01.2009

Auf die Frage, warum er der israelischen Armee einen knapp fünfstündigen Film gewidmet hat, reagiert Claude Lanzmann etwas unwirsch:

"Das ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder? Ich habe mich für die israelische Armee interessiert, weil die Juden fähig sind, sich selbst zu verteidigen. Sie haben aufgehört, Opfer zu sein. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sie war auch ein Massaker an wehrlosen Menschen. Ok? Und die Tatsache, dass es den Israelis gelungen ist, eine eigene Armee aufzubauen und zwar so eine Armee, geht genau darauf zurück."

Schon Lanzmanns Debütfilm von 1973 "Pourquoi Israel", "Warum Israel" beginnt und schließt mit der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Innerhalb dieses Rahmens fragt der Film, was das sein soll, ein "jüdischer Staat". Für den aus einer assimilierten jüdischen Familie stammenden Filmemacher auch eine sehr persönliche Frage. Der damalige Chefpsychologe der israelischen Armee Tsahal, Benjamin Shalit, sagt an einer Stelle: Israelis sind sich über weniges so einig wie über die Bedeutung der Armee. Damals in den 70ern ließ Lanzmann noch amerikanische Touristen in einem israelischen Supermarkt über "jüdisches Brot" und "jüdischen Thunfisch in Öl" staunen: sehr komische Szenen sind das über die unnormale Normalität Israels.

"Israel hat sich verändert, heute ist es viel mehr ein normaler Staat wie jeder andere. Doch mit einem Leben, das überhaupt nicht normal ist. Weil sich das Land ohne Ende im Krieg befindet. Das hat die Psyche der Israelis, der Jugend sehr beeinflusst. Aber ich mag dieses Land."

Es ist schon verblüffend, wie hingebungsvoll in Lanzmanns Dokumentarfilm "Tsahal" ein israelischer Soldat über einen Panzer spricht. In dem jungen, staubverschmierten Gesicht glänzen Tränen der Rührung. Er sagt: "Wenn man dem Panzer Liebe und Zuwendung gibt, gibt er einem alles zurück." "Tsahal" - Lanzmanns Film von 1994 nach dem gigantischen Werk "Shoah", an dem er zwölf Jahre lang arbeitete - "Tsahal" studiert das militärische Denken der Israelis. In den 60 Jahren seit der Staatsgründung kämpfte Israel in sieben Kriegen, der aktuelle Gaza-Krieg ist der Achte. Ehud Barak, der damalige Chefkommandeur der Armee und heutige Verteidigungsminister, spricht in "Tsahal" von der Wichtigkeit, zu attackieren, Inititative zu ergreifen. Der Schriftsteller David Grossman nennt diesen "Instinkt der Agression" eine Lehre aus der Shoah. Claude Lanzmann zur gegenwärtigen Situation:

"Mein erstes Gefühl ist Angst. Ich verstehe sie sehr gut. Die Israelis sind keine Killer. Definitiv nicht. Sie töten, aber sie sind keine Killer, das ist nicht im Blut. Und all das ist eng verbunden mit der Shoah. Sie versuchen, das Leben ihrer Soldaten so gut wie möglich zu schützen. Das ist einer der Gründe, weshalb sie Luftwaffen nutzen. Und Bomben. Es ist eine Erfahrung, den israelischen Militärfriedhof zu sehen."

Lanzmann lässt sich in "Tsahal" über einen Militärfriedhof führen. Wenige Soldaten, die dort begraben liegen, haben das 25. Lebensjahr erreicht. Uri Grossman war 20, als er im zweiten Libanonkrieg fiel. 1994 erklärte sein Vater David Grossman gegenüber Claude Lanzmann: "Die Vergangenheit ist so gegenwärtig in unserem Leben, wir können nicht dahin zurück". Und: "Als Israeli kann ich nie in absoluten Werten denken." Manchmal beneide er Autoren oder Intellektuelle, die für absolute Werten eintreten. Er könne es sich nicht erlauben, weil er in dieser sehr komplizierten, widersprüchlichen Realität lebt. Israel müsse seine Bevölkerung schützen und verteidigen, betont Claude Lanzmann:

"Wie kann man nicht verstehen, dass die Schaffung eines israelischen Staates eine Armee verlangte. Man muss wissen, wie alles begann. Dass sie sehr wenige waren, welche Opfer sie brachten, wie viel Mut es verlangte. Das ist die Bedeutung des Films "Tsahal", die Eroberung des Muts. Es ist ein Film über Waffen, über Panzer. Wenn junge Leute heute an Panzer denken, sehen sie den Tienanmen-Platz in China vor sich, wo ein Einzelner einen Panzer aufzuhalten versuchte. Aber "Tsahal" ist genau umgekehrt, dort geht es um denjenigen, der in dem Panzer ist und wie er reagiert, wenn eine Bombe drinnen explodiert."