Donnerstag, 26. Mai 2022

Iwan Schmeljow: „Der Mensch aus dem Restaurant“
Ein zweiter Hiob

In Iwan Schmeljows großartigem Erfolgsroman wird ein Luxusrestaurant zur Bühne, die die russische Gesellschaft um 1905 in ihren krassen sozialen Gegensätzen zeigt. Erzähler und Beobachter ist ein vom Schicksal gebeutelter Kellner. Weltliteratur!

Wolfgang Schriek im Gespräch mit Angela Gutzeit | 21.12.2021

Iwan Schmeljow: "Der Mensch aus dem Restaurant"
Der russische Schriftsteller Iwan Schmeljow hat sein geliebtes Land nie wieder gesehen (Die Andere Bibliothek)
Der Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Schmeljow (1873-1950) ist bei uns so gut wie unbekannt. Von seinem umfangreichen Werk erschienen bei uns im 20. Jahrhundert nur vereinzelt deutsche Übersetzungen. Dabei konnte der Moskauer Schriftsteller 1911 mit dem Erscheinen seines Romans „Der Mensch aus dem Restaurant“ zunächst einen internationalen Erfolg feiern. Thomas Mann, der mit Schmeljow in regem Briefaustausch stand, rühmte dessen Prosa. Aber „Schmeljow gehörte zu jenen unglücklichen, nicht erwünschten ‚bürgerlichen Volksverderbern‘ und ‚antisowjetischen Elementen‘, die nach der ‚großen sozialistischen‘ Oktoberrevolution  von 1917 von den neuen Machthabern geschasst wurden“, so ist in dem ausführlichen Nachwort des Slawisten Wolfgang Schriek in der sorgfältig edierten Neuausgabe des Romans in der Anderen Bibliothek zu lesen. Schmeljow hatte im französischen Exil bis zu seinem Tod 1950 ein umfangreiches Werke geschaffen, wie Schriek im „Büchermarkt“-Gespräch erzählt. Ein weiterer großer Erfolg blieb ihm jedoch in der Fremde verwehrt. Sein geliebtes Moskau sah Schmeljow nie wieder.

Schmeljows unbeugsamer Gottesglaube

Schmeljow malt nach den Worten Schrieks im Roman „Der Mensch aus dem Restaurant“ ein groteskes Bild der reichen Gesellschaft in einem Luxusrestaurant – beobachtet von einem einfachen Kellner in den Fünfzigern, den finanzielle Nöte und Schicksalsschläge quälen. Eine ehrliche Haut, die an sozialer Ungerechtigkeit sowie politischem Spitzel- und Denunziantentum zu zerbrechen droht. Was diesen Skorochodow jedoch aufrecht hält, so Wolfgang Schriek, das sei sein unbeugsamer Gottesglaube. Wie Hiob erträgt er das Unglück. Iwan Schmeljow jedoch beschert seinem geradezu religiös erleuchteten Protagonisten letztendlich eine versöhnliche Wende.
Der Verlag hat auf die Übersetzung von Georg Schwarz aus dem Jahr 1968 in der DDR zurückgegriffen. Nach den Worten Wolfgang Schrieks eine nach wie vor gültige Meisterleistung. 
Ivan Schmeljow: "Der Mensch aus dem Restaurant"
Die andere Bibliothek, Berlin
310 Seiten, 44 Euro.