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Jenseits von Fleiß und PünktlichkeitMentalitätswandel in Deutschland

Fleiß, Pünktlichkeit, Gründlichkeit: Diese alten deutschen Tugenden gelten heute immer noch, sind aber ergänzt worden durch Flexibilität, Toleranz und Leichtigkeit. Einen besonderen Anteil an dem Wertewandel hat unter anderem die Deutsche Fußballnationalmannschaft.

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann | 05.05.2016

Menschen auf der Fanmeile in Berlin halten am 9. Juli 2006 ein Schild hoch mit der Aufschrift "Wir sind die Weltmeister der Herzen"
Das "Sommermärchen" 2006 in Berlin - ein Imagewandel für Deutschland (dpa / Picture Alliance / Miguel Villagran)
Jan Böhmermann "Be deutsch":
"Wake up Deutschland, sleeping beauty
can you hear your call of duty?”
Heinz Bude:
"German Angst is over!”
Jan Böhmermann "Be deutsch":
"Achtung, Germans on the rise
but this time we are fucking nice.”
Stefan Wolle:
"Ob ich jemals mich hatte schämen müssen, weil ich Deutscher war? Nö, ich hab's nicht und ich musste es auch nicht."
Jan Böhmermann "Be deutsch":
"Cause we are deutsch: nice, liberal, deutsch, compassionate, deutsch, reasonable, deutsch, social."
Gunter Gebauer:
"Darauf kann man nicht stolz sein."
Jan Böhmermann "Be deutsch":
"We learned our lessons so take our advice
hold together, try to be nice.”
Cilly Kugelmann:
"Ich weiß nicht, ob es so etwas wie nationale Tugenden überhaupt gibt."
Jan Böhmermann "Be deutsch":
"Cause we are deutsch: open, deutsch, multicultural, deutsch, modest, deutsch, tolerant, deutsch, Grundgesetz, deutsch, Dosenpfand."
Angelo Bolaffi:
"Jede Tugend hat zwei Gesichter, ein gutes und ein schlechtes."
Für den Satiriker Jan Böhmermann sind sie Objekte des Spotts, die tugendhaften neuen Deutschen, die ihre Wehrmachtsstiefel gegen Birkenstocksandalen getauscht haben, die zwar gelegentlich "Wir sind das Volk" rufen, aber doch ihr Land für Fremde geöffnet haben. Kurz: die behaupten, ihre historische Lektion gelernt zu haben und gerade deshalb der Welt Toleranz und Offenheit predigen wollen.
Soll am deutschen Wesen tatsächlich dieses Mal die Welt genesen? Oder haben sich in dem Land, das die Willkommenskultur erfunden hat, wirklich Tugenden entwickelt, von denen auch andere profitieren könnten?
"Weitsicht, Geduld, Großherzigkeit. Die deutschen Tugenden haben sich geändert."
Geänderte Tugenden
Angelo Bolaffi ist kein Satiriker, sondern Politologe, und was er sagt, meint er ernst. Er hat immer wieder in Deutschland gelebt, als Student, als Universitätsdozent und von 2007 bis 2011 als Leiter des Italienischen Kulturinstituts.
"Das deutsche Leben, das ich kennengelernt habe, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, in den 70er-Jahren, das war eine Katastrophe. Durch die Migration, durch die Türken, die Italiener, sogar die deutsche Tugend hat sich geändert. Das deutsche Leben, der deutsche Umgang mit den Ausländern, ist viel besser geworden. Die deutschen Tugenden heute sind anders als die deutschen Tugenden vor 30, 40 Jahren."
Fleiß, Pünktlichkeit, Gründlichkeit – die Klassiker gelten alle noch, meint Angelo Bolaffi. Aber die Deutschen hätten ihre Grobheit abgelegt, im Umgang miteinander und mit anderen.
"Die Fähigkeit zur Kooperation in der Arbeit, in diesem Bereich sind die Deutschen besser als die Italiener, auch als die Franzosen, das könnte ein Modell sein. Übrigens auch wie der Staat funktioniert, die Bürokratie funktioniert."
Ein Modell für Europa
In Meinungsumfragen erscheint Deutschland als eines der beliebtesten Länder der Welt. Für Angelo Bolaffi ist es zumindest ein Modell für Europa.
"Deutschland ist die Macht in Europa, die fast alles bestimmen kann, wirtschaftlich, und insofern muss Deutschland auf sich die Bürde nehmen, Europa zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einheit zu führen. Wenn das Wort Hegemonie zu hart klingt, dann sagen wir doch Führung, Leadership."
Vor zehn Jahren habe die Welt den Mentalitätswandel bemerkt, angesichts des sogenannten Sommermärchens bei der Fußball-WM 2006. Und immer noch sei die Nationalmannschaft einer der besten Botschafter eines neuen Deutschlands.
Einer der besten Botschafter für eine neues Deutschland
"Ich lasse mal dahin gestellt sein, ob der Fußball wirklich ein Spiegel ist, aber er wird gerne so betrachtet, weil der Fußball eine Art dramatische Aufführung ist, an der man erkennen kann, wie sich die Mannschaften organisieren, wie sie mit ethischen Situationen umgehen, mit Konflikten fertig werden, mit Siegen und Niederlagen, das alles sind wichtige Indizien dafür, wie in einer Gesellschaft generell Konflikte geregelt werden. Und in der Vergangenheit war es oft so, dass Nationalmannschaften so etwas waren wie Ausdruck dieser Gesellschaft."
In ganz besonderer Weise, sagt der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer, galt das stets für die deutsche Mannschaft. 1954, als sie zum ersten Mal Weltmeister wurde, schrieb sie sich in die Gründungsgeschichte oder zumindest die Gründungserzählung der Bundesrepublik ein.
"1954 hatten wir Spieler, die alle aus Deutschland kamen, das waren typische Deutsche, in denen man sich auch sehr wiedererkennen konnte. Also sehr homogen. Hinzu kommt, sie hatten alle typisch deutsche Schicksale, teilweise waren sie schon Nationalspieler im Dritten Reich gewesen wie der Mannschaftskapitän Fritz Walter, oder in der Nachkriegszeit zu Spielern der nationalen Spitzenklasse gereift in der sogenannten schlechten Zeit mit Perioden des Hungers, es spiegelten sich in diesen Spielern nationale Schicksale."
Im Wandel
"Wir sind wieder wer", sagten sich viele Zeitgenossen nach dem "Wunder von Bern". Die Betonung konnte dabei aus gutem Grund auf dem "wieder" liegen. Denn die Mannschaft von Trainer Herberger verkörperte klassische deutsche Traditionen, die heute nicht mehr gepflegt werden, weder in der Gesellschaft, noch im Fußball.
"Wir haben keinen Fritz Walter mehr. Wir haben keinen Vertrauten des Chefs, der dann die Befehle des Feldmarschalls Herberger, so war es ja 1954, auf dem Rasen umsetzt, fast wie bei einer militärischen Hierarchie. Die Mannschaft heute funktioniert eben mit einer sehr flachen Hierarchie, sehr funktional. Das hat den großen Vorteil, dass der Gegner sich schwer darauf einstellen kann."
Die deutsche Mannschaft spielt heute nicht nur anders, sie sieht auch ganz anders aus. Zu ihren überragenden Persönlichkeiten gehört etwa Jerome Boateng, Sohn einer Berlinerin und eines Ghanaers. Für Sportexperten, betont Gunter Gebauer, ist aber dennoch in jedem Moment ihres Auftretens erkennbar, dass es sich um eine deutsche Mannschaft handelt.
"Das Deutsche zeigt sich zum Beispiel darin, wie deutsche Mannschaften ausgebildet werden, wie sie geführt werden. Ein Spieler, der sich total daneben benimmt in einem Hotelfoyer zum Beispiel, wird still und heimlich aus der Weltmeistermannschaft aussortiert und hat auch keine Chance, jemals wiederzukommen.
Das ist zum Beispiel in Frankreich ganz anders, ... da wird auch mal über schwere Vergehen hinweg gesehen, in Deutschland ist man da strenger."
Sporttugenden im Alltag
Die Mischung aus Effizienz und Flexibilität, aus Disziplin und Leichtigkeit, die die Nationalmannschaft zeigt, kann man auch im deutschen Alltag wiederfinden, meint Gunter Gebauer.
"Das Verhalten insgesamt ist in Deutschland leichter, etwas vergnügter, nicht so verbissen, nicht so arbeitswütig, wie es vielleicht noch die Aufbaugeneration war, zwangsläufig muss man vielleicht sagen, das kann man auch nicht von ihnen erwarten mit den Lebensschicksalen, aber die Kinder von denen waren schon munterer und lockerer und die Kinder von den Kindern sind südländischer veranlagt, als es jemals ihre Eltern oder Großeltern gewesen sind."
Ein ambivalentes Erscheinungsbild
Auch der Kassler Soziologe Heinz Bude freut sich am Spiel der Nationalmannschaft wie am Mentalitätswandel in Deutschland. Das Erscheinungsbild der Deutschen, meint er, bleibe aber ambivalent. Zum Beispiel wegen ihrer Politik in der Euro-Krise.
"Die Deutschen sind diejenigen, die bewundert und gehasst werden. Gehasst, weil man bei den Griechen gesagt hat, was Sache ist, was Trumpf ist, und das war für viele europäische Beobachter nicht so wahnsinnig nett, was die Deutschen da gemacht haben.
Gleichzeitig dachte man, na, vielleicht haben sie ja recht, da muss eine gewisse Strenge wieder einkehren in den Volkswirtschaften Europas."
Hadern mit sich selbst
Ebenso wie die Nachbarn hadern auch die Deutschen selbst mit sich, meint Heinz Bude. Als sie im vergangenen Jahr um ihr Geld fürchteten, gefiel den meisten die Unnachgiebigkeit ihres Finanzministers gegenüber Griechenland. Als kurze Zeit später die Flüchtlinge kamen, genossen sie die schönen Bilder von den Willkommensszenen an den Bahnhöfen und Grenzen.
Aber seit dieser emotionale Sommer vorbei ist, beobachtet Heinz Bude bei den Deutschen eine wachsende Verzagtheit. Sie wollten immer alles richtig machen. Aber egal ob sie Härte zeigen oder Großzügigkeit, jedes Mal überforderten sie sich und andere.
"Deutschland ist der widerwillige Hegemon Europas. Das heißt, eine Art Angst vor dem eigenen Einfluss wurde in Deutschland deutlich. Nicht so sehr die alte German Angst, also nicht diese alte, quasi Pickelhaubeneuphorie oder gar nationalsozialistische Euphorie und gleichzeitig so eine manisch-depressive Struktur, die man den Deutschen immer andichtet oder angedichtet hat, mit gewissen Gründen auch, ich glaube, dieses Manischdepressive ist weg, dieses himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt ist weg, es ist aber so eine rieselnde Unsicherheit eingekehrt, die daher rührt, dass die Deutschen plötzlich gemerkt haben, dass sie die Soft-Power Europas sind."
Mit Überzeugung Werte vertreten
Soft-Power arbeitet weniger mit politischem Druck und schon gar nicht mit militärischer Macht. Sie arbeitet mit Überzeugungen, mit Werten, die ein Land nicht nur vertritt, sondern auch vorlebt, weil sie für die eigene Gesellschaft allgemein verbindlich sind.
"Ich glaube, was hier fehlt, wenn ich mir so die Politik anschaue, ist, was man so im angelsächsischen Bereich für Common Sense hält, ist hier nicht sehr stark verbreitet."
Cilly Kugelmann, Programm-Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, bezweifelt, dass es in Deutschland einen breit verankerten Konsens darüber gibt, für welche Werte das Land stehen soll. Doch ein solcher Konsens wäre Voraussetzung dafür, dass es nationale Tugenden überhaupt geben kann.
Dass sie quasi angeboren oder genetisch vererbt sind, wie nationale Schwärmer im 19. Jahrhundert behaupteten, glaubt heute natürlich niemand mehr. Aber sie könnten sich entwickeln, wenn sie im gesellschaftlichen Zusammenleben über Generationen eingeübt werden und sich dann im Moment der Krise als selbstverständlich erwiesen.
Welche Tugenden sind selbstverständlich?
Doch was ist in der Flüchtlingsfrage selbstverständlich: Jene Weltoffenheit, die Angela Merkel zeigen wollte, weil ohne die dieses Land nicht mehr ihres sei? Oder die Forderung nach Recht und Ordnung, wie sie Horst Seehofer vertrat, weswegen er die Politik der offenen Grenzen als "Herrschaft des Unrechts" geißelte?
"Die Haltungen hier sind oft, man könnte das positiv sagen, philosophisch geprägt. Oder apodiktisch geprägt von Überzeugungen. Und ich denke schon, dass der Umschlag ins Rechthaberische naheliegen kann."
Haltungen und Entscheidungen überzeugen in Deutschland vor allem dann, wenn sie kategorisch sind, beobachtet Cilly Kugelmann.
So habe das Land auch in der Flüchtlingsfrage agiert. Jahrelang hatte die Bundesregierung darauf gepocht, dass das Abkommen von Dublin strikt eingehalten wurde, wonach Flüchtlinge dort, wo sie zum ersten Mal europäischen Boden betraten, auch Asyl beantragen mussten. Faktisch hieß das, die Mittelmeerländer wurden mit dem Problem allein gelassen. Als das nicht mehr funktionierte, kam die grundlegende Kehrtwende: Die Grenzen wurden komplett aufgemacht.
"Ich glaube, die europäischen Staaten haben die deutsche Politik in Bezug auf die Flüchtlingskrise als rechthaberisch empfunden und dementsprechend darauf reagiert.
Es ist ja eine merkwürdige, späte Entwicklung, denn seit Jahren stranden Menschen vor Lampedusa und kommen um. Das stand hier in den Zeitungen und war in den Nachrichten und hat überhaupt keine Reaktionen hervorgerufen. Aber erst seit Flüchtlinge vor der Tür standen, hat sich das geändert."
Video Goethe-Institut: "Typical German”: Do you really know the Germans? Do you know what makes them tick? Germany inspires a lot of clichés.”
Wenn das Goethe-Institut in seinem Image-Film "Typical German" für Deutschland wirbt, dann wissen die Macher: Die Deutschen gelten dem Rest der Welt bis heute als ein Rätsel.
Und im Zentrum dieses Rätsels steht auch mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch Auschwitz. Wie konnte dieses Jahrhundertverbrechen geschehen? Und wie können die Deutschen damit leben? "Das bewundern wir bei den Deutschen, dass die Deutschen so tief die schwarzen Kapitel ihrer eigenen Geschichte studieren."
Denkmäler als Mahnmäler
Der schottische Historiker Neil MacGregor, der derzeit in Berlin das Humboldt-Forum mit aufbaut, hat in seiner berühmten Ausstellung "Deutschland – Erinnerungen einer Nation" im British Museum seinen Landsleuten nicht nur gezeigt, dass die deutsche Geschichte mehr beinhaltet als die 12 Jahre der Nazi-Diktatur.
Er hat vor allem hervorgehoben, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte in Deutschland einen Stellenwert für das eigene Selbstverständnis hat wie wohl nirgendwo sonst auf der Welt.
"In Deutschland blickt die Geschichte immer nach vorne. In Großbritannien oder in Frankreich stehen Denkmäler da, um von einer herrlichen, grandiosen Vergangenheit zu sprechen. Die Denkmäler in London oder Paris dienen dazu, uns zu beruhigen, zu stärken und geben immer noch die Idee einer nationalen Sendung.
In Deutschland ist das aus geschichtlichen Gründen ganz anders. Die deutschen Denkmäler stehen fast alle auch als Mahnmäler da. Interessant ist, dass es auf Englisch kein Wort für Mahnmal gibt." Die Vergangenheitsbewältigung ist in den Augen von Neil MacGregor die vielleicht größte Tugend der Deutschen.
"Dieses Deutschland, das nach dieser Geschichte und dank dieser Geschichte zum mutigsten Verteidiger der europäischen Werte geworden ist. Und das ist frappierend, wenn man es vom Ausland ansieht."
So sehen sich offenbar auch viele Deutsche gern. Egal, ob der evangelische Bischof Markus Dröge oder die Grüne Katrin Göring-Eckardt oder CDU-Urgestein Norbert Blüm, alle feierten Deutschland in der Flüchtlingskrise als Nation, die gerade wegen ihrer schuldhaften Geschichte diesmal besonders moralisch handelte.
Cilly Kugelmann bleibt skeptisch: "Willkommenskultur kann man ja so verstehen, dass es in einem großen Teil der Bevölkerung eine spontane Bereitschaft gab, sich rühren zu lassen vom Schicksal von Flüchtlingen, was ja immer ein trauriges Schicksal ist und sie hier willkommen zu heißen. Das ist ein bisschen auch eine romantische Geste, aber in erster Linie, glaube ich, sind das Gesten, die dem Willkommensheißer gut tun. Man verortet sich selbst als Person, die Gutes tut und die moralisch handelt. Aber es ist natürlich auch ein bisschen sentimental, auch ein bisschen kitschig und vor allen Dingen ist es sehr fragil."
"In der DDR war das selbstverständlich, dass wir deutsch sind. Das ist nie infrage gestellt worden." Ganz im Gegenteil, Patriotismus sei immer betont worden, erinnert sich Stefan Wolle, Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Der stand schon bei der Gründung der Deutschen Demokratisch Republik hoch im Kurs. Die SED wollte dem deutschen Volk nicht nur zurück zu seiner Einheit verhelfen, sondern auch wieder zu einem ehrenhaften Platz unter den Völkern, als sozialistische deutsche Nation.
Denn die Deutschen, insbesondere natürlich die deutsche Arbeiterklasse, waren in der kommunistischen Weltsicht nicht diskreditiert durch die Geschichte, weil sie ja von den Nationalsozialisten nur verführt worden, aber in ihrem Kern sauber geblieben waren. Der Arbeiter- und Bauernstaat sollten ihnen den Rahmen schaffen, an ihre guten Traditionen wieder anzuknüpfen.
Und so wurde im Alltag alles Klassischdeutsche weiter gepflegt, erzählt Stefan Wolle, bis hin zu Dialekten und Mundarten. "Vielleicht, weil durch die Gesellschaft doch so ein gewisser proletarischer Zug ging, so ein leicht proletarisch, trotziger Zug und so ein wüstes Sächsisch zu sprechen, das war irgendwie ein Ausweis dafür, wie bodenständig man sei und wie volksverbunden und wie erdverwurzelt."
Auf der richtigen Seite der Geschichte stehen
Volksverbundenheit und Bodenständigkeit galten als Ausweis dafür, dass man auf der richtigen Seite der Geschichte stand. Und niemand kam, der das hätte infrage stellen können. Die wenigen Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik, die die DDR anwarb, wurden bewusst von der einheimischen Bevölkerung isoliert.
Gestört wurde die deutsche Gemütlichkeit nur von der Popkultur, die via Westfernsehen über die Mauer schwappte. Die war durchaus verlockend, gerade für junge Leute. Aber sie blieb im öffentlichen Leben lange verpönt. Und die Tendenzen zur Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens, die sie mit sich brachte, wurden im Alltag der DDR-Bürger fast unmerklich auf Schritt und Tritt konterkariert.
"Unausgesprochen wurden die deutsche Tugenden – Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Disziplin – immer sehr, sehr hochgehalten. Da gab es eine ungebrochene Kontinuität, speziell in den Schulen und Bildungseinrichtungen, aber auch bei den Jungen Pionieren, der FDJ, und ganz besonders natürlich beim Militär, bei der NVA.
Da wurde das unausgesprochen sehr, sehr stark einfach perpetuiert, unter neuen Vorzeichen: Es war jetzt die sozialistische Ordnung, die sozialistische Disziplin, die sozialistische Pünktlichkeit, aber es waren die gleichen Ideale.
Dass Pegida und AfD vor allem in den neuen Ländern Zulauf haben, ist deshalb für Stefan Wolle kein Zufall. Aber die DDR-Geschichte reiche allein als Erklärung nicht aus.
Schließlich kommen national-populistische Töne neuerdings auch im Westen wieder gut an, wie die Ergebnisse der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gezeigt haben. Nach einer Analyse des Göttinger Instituts für Demokratieforschung haben dort vor allem Arbeitslose und Arbeiter, aber auch Angehörige der unteren Mittelschicht AfD gewählt, "die den Aufstiegsversprechen moderner Gesellschaften keinen Glauben mehr schenken".
Sie wünschen sich ein ethnisch homogenes Deutschland, weil sie glauben, dass dann auch sie von der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung profitieren könnten. So wie es in Zeiten des Wirtschaftswunders war.
VW-Werbespot 1968: "Jahre der Entwicklung und Forschung, Jahre der Erfahrung von sieben Millionen Besitzern in der ganzen Welt machten viele Eigenschaften des Volkswagens berühmt. Aber die Allerwichtigste ist, dass dieser Wagen läuft, und läuft, und läuft ..."
"Für die Nachkriegszeit ist natürlich Volkswagen und der Käfer das Symbol für alle Welt dieser deutschen Technik. Und daher ist es jetzt so wichtig, dass dieses Symbol des deutschen Fleißes, der deutschen Tugend, dass das alles infrage gestellt worden ist. Das hat tief gehende psychologische Folgen, für alle, für die Welt."
Weil das Image von VW beschädigt sei, könne auch der Nimbus von "Made in Germany" bröckeln, fürchtet Neil MacGregor. Aber noch leidet nicht der Ruf der vielen, vor allem mittelständischen Firmen des Maschinenbaus, der Chemie und der Elektroindustrie, die auf ihren Gebieten Weltmarktführer sind und die für Heinz Bude das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Dennoch spürt er in den Belegschaften allenthalben eine wachsende Unsicherheit.
"Reichen die Tugenden der Deutschen aus, um die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit zu gewährleisten? Es wird einem mulmig, Intensivierung der Arbeit, ist es jetzt so, dass Burn-out, Erschöpfungssymptome in der Facharbeiterschaft angekommen sind?
Das sind alles Fragen, die untergründig eine Rolle spielen, die den klassischen Tugendkatalog der Deutschen betreffen, die Neuausgestaltung der Tugenden unter den neuen weltwirtschaftlichen Verhältnissen, neuen weltpolitischen Verhältnissen. Und ich glaube, dass wir da im Moment in einer Situation sind in der Gesellschaft, wo wir nicht mehr sicher sind, wie das weiter gehen wird."
Es steht viel auf dem Spiel
Für Heinz Bude steht mehr auf dem Spiel als Exportüberschüsse und Arbeitsplätze. Denn das Selbstbewusstsein der Deutschen hänge in hohem Maße von der wirtschaftlichen Stärke ihres Landes ab. Mit dem Anspruch, Wertarbeit zu leisten, hätten sie nicht nur das Ausland beeindruckt. Hierauf beruhe auch ein großer Teil der Integrationskraft der Bundesrepublik.
"Dieses Wertarbeitsideal ist übrigens, egal was für Herkünfte Deutsche haben, ob es vietnamesischstämmige Deutsche, griechischstämmige Deutsche, türkischstämmige Deutsche, die sind verpflichtbar auf diese Wertarbeitsidee, das ist also mal was Deutsches, was transkulturell funktioniert: Wertarbeit."
"Das bedeutet, dass die sogenannten deutschen Tugenden sich europäisiert haben, weil die Deutschen mehr Europäer geworden sind." Auf diese Offenheit komme es in Zukunft mehr denn je an, meint Angelo Bolaffi. Denn schon aus demografischen Gründen werde Deutschland gar nicht umhinkommen, immer mehr Einwanderer für sein Wertarbeitsideal zu begeistern, um so seinen Fachkräftebedarf zu decken.
Deutschland brauche auch in Zukunft den wirtschaftlichen Erfolg. Denn nur eine starke und selbstbewusste Nation könne auch großzügig sein. Aber es dürfe seine Kraft nicht dazu nutzen, anderen eine bestimmte Politik zu diktieren. Deutschlands Tugend müsse es sein, mit gutem Beispiel voranzugehen.
"Wenn wir Europäer die Zukunft überstehen wollen, dann müssen wir uns zusammentun. Allein schaffen wir es nicht, auch nicht das große Deutschland. Und das wissen die Deutschen auch."