Donnerstag, 22. Februar 2024

Archiv

"Jimmy's Hall"
Politischer Feelgood-Film

Liebe und Freiheit im Irland der 1930er-Jahre: Ken Loach hat wieder einen Film in den Kulissen der Vergangenheit gedreht, in dem diesmal viel getanzt und geswingt wird. "Jimmy's Hall" macht es dem Zuschauer dabei einfach, die Guten und die Bösen zu erkennen - zu einfach.

Von Rüdiger Suchsland | 14.08.2014
    Die britische Regielegende Ken Loach auf der Berlinale.
    Die britische Regielegende Ken Loach auf der Berlinale. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
    "Bist Du es, kann das sein? Bist Du Jimmy Gralton?"
    "Und wer will das wissen?"
    "Mary O Keefe will das wissen."
    "Die Tochter von Danny O Keefe?"
    "Er hasst Dich aus tiefstem Herzen."
    Ein junger Mann und ein junges Mädchen - ein Blick und alles ist klar. Diese Begegnung wird nicht nur der Auftakt einer privaten Liebesgeschichte, sie leitet auch eine Handlung von grundsätzlicher Bedeutung ein.
    Denn die aufkeimende Liebe zwischen den beiden, einem Rückkehrer aus Amerika und einer jungen Bürgerstochter, ist auch eine über politische und ökonomische Gegensätze - wir befinden uns schließlich in der Klassengesellschaft des frühen 20.Jahrhunderts.
    Zusammen mit seinem Langzeitautor Paul Lavarty hat Ken Loach wieder einen Film in den Kulissen der Vergangenheit gedreht. Und wieder ist Irland der Schauplatz. Gut zehn Jahre nach den unruhigen Zeiten, die in seinem Cannes-Gewinnerfilm "The Wind That Shakes the Barley" über die Frühzeit der IRA thematisiert werden, ist auch die Geschichte von James "Jimmy" Gralton nach wahren Begebenheiten erzählt.
    Liebe und Freiheit im Irland der 30er
    Diesmal ist es die Welt der 30er-Jahre, der Tanzschuppen in denen sich die Jugend aller Klassen trifft und austoben kann, für einen Abend der engen konservativen Welt des Vorkriegsirland entfliehen. Es geht um Liebe und Freiheit in diesem Film, und um Musik. Aber es wäre kein Film von Ken Loach, wenn es nicht auch um Politik ginge:
    "Er ist jetzt ein hohes Tier, und vertritt die Interessen der ehemaligen Freistaatssoldaten" "Die Engländer werden nicht von deren Ideen gerade begeistert sein"
    "Haufen Faschisten sind das"
    "Halt Dich von ihm fern."
    Loach lässt die historische Situation kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auch filmisch mit den bekannten Mitteln des historischen Kostümdramas wieder auferstehen. Die Unterklassen sehnen sich nach Bildung:
    "Wenn die Hütte repariert würde, könntet ihr da wieder Unterricht im Tischlern geben. Mein Onkel hat es gelernt, er ist einer der besten Schreiner in der Stadt."
    "Und Tess könnte den Saal für ihren Kunstunterricht nutzen."
    "Shaun hat mir gestern erzählt, dass er all die Gedichtbände und Romane aus anderen Ländern aufgehoben hat. Er würde gerne wieder unterrichten...."
    Musik als Mittel der Befreiung
    Sie sehnen sich auch in anderer Hinsicht nach neuen Welten. Viele Iren wollen auswandern, aber solange dafür das Geld fehlt, bietet die Musik einen willkommenen Ausweg:
    "Wir möchten tanzen Jimmy!"
    Musik wird zum Mittel der Befreiung in "Jimmy's Hall".
    "Ich glaube an die Menschen hier, meine Mitbürger. Daran, dass wir, wenn wir uns anstrengen, verstehen, worum es im Leben wirklich geht. Der Saal ist ein sicherer Ort. Dort können wir träumen, diskutieren, und tanzen. Also kommen Sie und sehen Sie selbst, was wir dort tun. Haben Sie keine Angst."
    Doch natürlich kann das nicht lange gut gehen. Die Konservativen, die Kapitalisten und Kirchen wehren sich, und zwar massiv:
    "In diesem Saal wird etwas Böses ausgebrütet. Grafton und seine Bande sind Atheisten. Unsere Gemeinde muss eine Entscheidung treffen. Christus oder Jimmy's Saal."
    "Jimmy's Hall" macht es dem Zuschauer einfach, zu einfach, die Guten und die Bösen zu erkennen, und selbst Partei zu ergreifen. Der Held ist ganz heroisch, selbstlos und edel, der Böse ist ein katholischer Priester. Und der andere ein autoritärer, selbstherrlicher prügelnder Familienvater, und natürlich ein Faschist.
    Aber Loach zeigt auch etwas und erinnert an eine zeitlose, universale Tatsache: Politik und Kultur sind nicht zu trennen. Jeder Kulturkampf, das macht Ken Loach klar, ist politisch:
    "Von einem Kampf zum nächsten. Hört das nie auf?"
    Hier gibt es noch Gut und Böse
    Grautöne waren noch nie die Sache von Ken Loach. In der Welt dieses Filmemachers gibt es noch Gut und Böse, Schön und Hässlich, es gibt Freunde und Feinde. Darin liegen die Stärke und die Schönheit seiner Werke, aber da liegen auch deren Grenzen. Denn das Ambivalente kommt zu kurz. Figuren, die Sympathisches und Unsympathisches vereinen, deren Position und Charakter unklar bleibt, gibt es in Loachs Welt keine.
    Es wird auch viel getanzt und geswingt in diesem Loach-Film, der milde und zuversichtlich ist. Einmal mehr hat Ken Loach mit "Jimmys Hall" etwas gedreht, wovon es früher wohl zu viel gab und heute vielleicht zu wenig: einen politischen Feelgood-Film.
    "Wir dürfen uns nicht mehr alles vorschreiben lassen. Wir müssen wieder leben, wieder feiern. Und tanzen! Als freie Menschen."