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Ein Bestseller, eine Heldin, ein Ire und ein Drama

13.08.2014
    "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" von Peter Chelsom
    "Und wenn ich glücklich auf dich wirke, dann vielleicht, weil ich geliebt werde, so wie ich bin."
    Im Grund genommen hätte Hector - der Psychiater aus London, der wissen will, was Glück bedeutet und der sich deshalb auf eine Reise um die Welt macht - eigentlich hätte dieser Hector eine Menge Geld sparen können. Nur eine minimale Investition - und er wäre auch klüger: ein Abreißkalender. So einer mit klugen Lebensweisheiten. Aber Hector hat schließlich gut verdient. Und so baut er darauf, als ihn die Sinnkrise befällt, dass Reisen den Erkenntnisgewinn potenzieren wird.
    "Ich merke, dass ich meine Patienten nicht glücklicher mache. Ich komme mir wie ein Schwindler vor. So wie einer, der immer nur auf Landkarten verreist und dann von der Welt berichtet."
    Hector, der lupenreine Altruist. Eine Figur, die keinen anderen Zweck erfüllen soll als den der Projektionsfläche für alle Glücksritter im Kinosaal. Damit die Lektion aber nicht allzu didaktisch ausfällt, warten auf den von Simon Pegg mit naivem Charme gespielten Psychiater komische Situationen und Begegnungen. Wer sich dieser mit dem Holzhammer verabreichten Anleitung zum Glücklichsein nicht aussetzen will, hält es am besten mit einem der Kalendersprüche des Films:
    "Wir sollten uns nicht so sehr mit der viel beschworenen Suche nach dem Glück beschäftigen, sondern eher mit dem Glück beim Suchen."
    Zum Beispiel nach einer Film-Alternative.
    "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück": enttäuschend.
    "Night Moves" von Kelly Reichardt
    "Am Sonntag wird alles schön ausstaffiert, am Abend gehen wir in Position und am Montagmorgen geht jeder von uns zur Arbeit. Als wäre nichts gewesen, okay?"
    Drei radikale amerikanische Umweltaktivisten haben einen Staudamm in die Luft gesprengt. Doch die Rückkehr in den normalen Alltag - ganz so als wäre nichts gewesen - stellt das Trio vor ein Problem. Nach dem Anschlag wird ein Mann vermisst, der am Ufer des Stausees gezeltet haben soll.
    "Keiner von uns Dreien wollte das. Du hattest gesagt, niemand wird verletzt. Wir hätten es im Winter machen sollen, wenn niemand dort ist. - Und was willst du jetzt tun? - Was meinst du damit? - Ich meine, hast du vor, irgendetwas zu unternehmen? - Bist du deswegen hier, weil du befürchtest, ich könnte die Cops anrufen?"
    Erst nach gut einer Stunde schält Regisseurin Kelly Reichardt in "Night Moves" allmählich die an Dostojewski angelehnte Thematik um Schuld und Sühne aus ihrer Geschichte heraus. Der Planung und Ausführung des Anschlags räumt die Filmemacherin wesentlich mehr Zeit ein. Das erzeugt zwar hin und wieder spannende Momente, gibt den Darstellern der Aktivisten - Dakota Fanning, Jesse Eisenberg und Peter Sarsgaard - aber kaum Gelegenheit, ihren Filmcharakteren Persönlichkeit zu verleihen. So bleibt die Figurenzeichnung schwammig in einem Psychodrama, das nur halbherzig die Frage beantwortet: Wie weit würdest du für deine Ideale gehen?
    "Night Moves": zwiespältig.
    "Jimmy's Hall" von Ken Loach
    Für Ideale steht seit mehr als 40 Jahren der Name Ken Loach. Ein Filmemacher, der nie einen Hehl aus seiner sozialistischen Gesinnung gemacht hat. In fast all seinen Filmen hat er die Lebensumstände der einfachen Leute geschildert oder aber Geschichten von Freiheitskämpfern erzählt. "Jimmy's Hall" ist ein bisschen von beidem. Es ist die Geschichte Iren Jimmy Gralton, der 1932 nach vielen Jahren in Amerika in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort zum Ärger der Katholischen Kirche und konservativer Kreise einen Tanzsaal eröffnet, in dem auch Freigeister ein Zuhause finden.
    "Wichtig ist jetzt nur eins: die Kontrolle über unser Leben zu ergreifen. Arbeit für das Nötigste. Nicht für die Gier. Und nicht nur, um zu überleben wie ein Hund. Um zu leben, um zu feiern und zu tanzen und zu singen. Als freie Menschen. So wie es sein sollte."
    "Jimmy's Hall" ist im Ton so grundsympathisch und optimistisch, dass man darüber fast vergessen könnte, wie eindimensional die Geschichte und ihre Figuren geraten sind.
    Zwiespältig.
    "Lucy" von Luc Besson
    "Ich habe eine große Menge synthetisches CPH4 aufgenommen, wodurch ich 100 Prozent meiner Gehirnkapazität nutzen kann. Und was Sie schreiben, ist wahr. - Sie können Ihren Stoffwechsel kontrollieren. - Genauso wie magnetische und elektrische Wellen, Fernsehen, Telefon, Radio. - Das ist verblüffend."
    Genauso wie es natürlich blanker Unsinn ist. Aber die Mär von den gerade einmal zehn Prozent unserer Gehirnzellen, die aktiv sind, ist die Basis für einen im positiven Sinne durchgeknallten Actionkrimi. Gedreht hat ihn Luc Besson mit Scarlett Johansson als Lucy. Nachdem sich eine synthetische Droge in ihrem Körper aufgelöst hat, verwandelt sich die junge Frau in ein gnaden- und emotionsloses Superhirn.
    "Was Sie da eben gemacht haben, hat mich erschreckt. Alles in Tiefschlaf zu versetzen. Muss ich mir Sorgen machen? - Nein."
    Tiefschlaf ist hier definitiv ausgeschlossen. Zwischen komplettem Schwachsinn und umwerfender Genialität changiert Bessons Achterbahnfahrt, die an die "Matrix"-Reihe erinnert und an den Thriller "Ohne Limit" und, in deren Verlauf Lucy sogar die Grenzen von Raum und Zeit sprengen wird. Der beste Besson seit 20 Jahren - und empfehlenswert.