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Joel Gibb und Hidden Cameras
Kleiner Etikettenschwindel und Country

Joel Gibb ist eine Ikone des Queer-Pop. Der Kanadier hat mit seinem Band-Projekt Hidden Cameras seit 2001 manchen Stil-Haken geschlagen. Nach orchestralem Folk, Indie-Pop und dunklen Elektro-Klängen ist er mit dem neuen Album "Home On Native Land" nun beim Country gelandet - aber ganz nach Kanada zurückgekehrt ist er doch nicht.

Von Jörg Feyer | 04.12.2016
    Der kanadische Musiker Joel Gibb.
    Der kanadische Musiker Joel Gibb hat Berlin nie ganz verlassen. (Jeff Harris)
    Musik: The Hidden Cameras, ”Day I Left Home"
    "Ich bin kein Country-Experte. Was nicht heißt, dass ich diese Musik nicht machen kann. Ich mag die Pedal-Steel-Gitarre, das Banjo, auch einige Country-Sänger. Das ist ja das Tolle als Künstler: Du musst kein Experte sein, um zu experimentieren. Deine Ignoranz ist dann dein größter Aktivposten. Weil du die Regeln nicht genau kennst, kannst du eigenen erfinden.
    "Home On Native Land", das neue Album der Hidden Cameras, wird titelgemäß als Rückkehr des verlorenen Sohnes in die alte Heimat Kanada vermarktet. Musikalisch geht das in Ordnung: Joel Gibb schwelgt in melancholisch leuchtenden, romantisch aufgeladenen Country- und Folk-Songs. Was ihn selbst angeht, liegt aber ein kleiner Etikettenschwindel vor.
    "Ich habe die letzten beiden Jahre überwiegend wieder in Kanada gelebt. Aber ich habe Berlin nie verlassen und dort immer noch gern eine Wohnung, auch als Basis für die Konzerte hier. Es klingt gut auf Papier. Dass ich gegangen bin. Aber heute verlässt du ja nichts mehr wirklich. Zumal nicht als Musiker, wenn dein Leben darin besteht, deine Musik überall zu promoten und zu spielen."
    "Ich schreibe keine Alben. Ich bin ein Songschreiber"
    Etwa die Hälfte der Songs ist bereits vor zehn Jahren entstanden. Zusammen mit Material, das dann ganz andere Wege nahm. Wie "Carpe Jugular" vom Album "Age", 2014 veröffentlicht.
    Musik: The Hidden Cameras, ”Carpe Jugular"
    "Ich hatte damals so viele Songs beisammen. Und im Hinterkopf die Idee, daraus ein eher düsteres Album wie zuletzt "Age" und eine Country-Platte zu machen. Das war der Plan. Aber ich schreibe keine Alben. Ich bin ein Songschreiber. Und besonders in meinen 20ern habe ich so viele Songs geschrieben, dass ich zwischendurch sogar aufgehört habe zu schreiben. Weil ich noch viele Platten einfach mit alten Songs machen könnte."
    Für Gibb ist Musik eine Spielwiese
    Orchestraler Folk, Indie-Pop, dunkle Electro-Sounds, nun Country: In 15 Jahren wurde deutlich, dass die Hidden Cameras eher ein Projekt als eine Band sind. Auch weil Joel Gibb einst nicht als Musiker zur Musik kam. Sondern als Kunststudent, der Musik als große Spielwiese betrachtet. Dass er manchen Fan dabei mit seinen Stil-Haken überfordert haben könnte, kümmert ihn nicht.
    "Ich möchte das sein, was mich auch an anderen Künstlern interessiert. Einer, der sich verändert und fortbewegt. Eine Band, die ein Album immer wieder macht, wie etwa Coldplay, langweilt mich. Ich möchte ein forschender Künstler sein. Und wenn manche Leute nicht mitkommen, ist das nicht mein Problem. Denn ich möchte Musik machen, die ich liebe, die mich bewegt."
    Bewegung in den Country-Reigen von "Home On Native Land" bringt Gibb auch mit einem Gospel-Ausflug.
    Musik: The Hidden Cameras, "Counting Stars"
    Doch die Botschaft von "Counting Stars" ist gar nicht so froh: Auf in den Himmel geht es in dem Song am Ende jedenfalls doch nicht.
    "Genau. Keiner sonst scheint bisher den Song richtig zu verstehen. Was mich überrascht. "Counting Stars" handelt von religiöser Heuchelei. Wie Leute denken können, dass sie in den Himmel kommen. Was sehr arrogant ist, vor allem, wenn sie über andere urteilen, die das nicht glauben. Einige der Chor-Sängerinnen fragten mich sogar: Ist das ein christlicher Song? Ja, sagte ich, gewissermaßen. Dabei stand doch im Text vor ihnen: Wir streben danach, aber es wird nichts mit dem Himmel."
    Abgespeckt im goldenen Anzug
    Auch im Konzert ist der Himmel nicht wirklich nahe. Gerade Songs wie "Counting Stars" stoßen im Hamburger Hafenklang an Grenzen: Man vermisst die Chöre der Vorlage schon. Überhaupt hat Gibb auf der Bühne abgespeckt, nachdem die Hidden Cameras lange für ausschweifende Shows berüchtigt waren, Go-Go-Tänzer inklusive.
    Immerhin trägt er den schicken, goldenen Elvis-Anzug, wie im Video zum Song "Twilight Of The Season". Der heimliche Star im Quartett ist ohnehin die Pedal-Steel-Gitarre – sieht man ja nicht oft auf hiesigen Bühnen. Joel Gibb hat zuletzt zunehmend Geschmack an Solo-Auftritten gefunden. Zum Konzert in Hamburg reiste er aus Schottland an, wo er allein im Vorprogramm von Rufus Wainwright auftrat . Einen Tip für Kollegen, die um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, hat er auch mitgebracht.
    "Die Leute lieben es, wenn sie sich auf deine Seite schlagen können. Wenn du einen Song anfängst, einen Fehler machst, und den Song dann einfach noch mal anfängst – das ist das Beste, was dir in einer Show passieren kann. Weil die Leute aufhorchen und dich jetzt erst recht unterstützen wollen. Ein Trick, den ich einer neuen Band mitgeben könnte: Täuscht vor einen Fehler zu machen, wenn’s mal nicht so läuft. Denn dann wollen die Leute sehen, dass es doch noch klappt."
    Er selbst, versichert Gibb, habe das aber noch nie getan. Natürlich nicht.