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StartseiteTag für TagJüdisches Leben in Tschechien05.04.2013

Jüdisches Leben in Tschechien

Ein Museumsprojekt mit Ausstellungen an zehn verschiedenen Orten

In Osteuropa sind viele jüdische Denkmäler verwaist und vom Verfall bedroht. Mit der Unterstützung der EU werden jetzt in Tschechien Gebäude, die zur jüdischen Geschichte des Landes gehören, renoviert und in einem über das Land verteilten gemeinsamen Museumsprojekt vorgestellt.

Von Kilian Kirchgeßner

Eines der wichtigsten Symbole des Judentums  ist die Menora (picture alliance / dpa - David Ebener)
Eines der wichtigsten Symbole des Judentums ist die Menora (picture alliance / dpa - David Ebener)

Zum größten Schatz ihrer Gemeinde muss Eva Stixova von ihrem Büro aus die steinerne Treppe nach unten steigen. Dort geht es durch eine schwere Holztür hindurch in den Innenhof des Gebäudes, das von außen genauso aussieht wie die anderen Bürgerhäuser hier im Stadtzentrum von Pilsen. Hier in dem geräumigen Hof aber erhebt sich eine Synagoge, drei Stockwerke hoch und vom Trubel der Stadt durch die Häuserzeile perfekt abgeschirmt.

"Mir gefällt es immer gut, dass man selbst gebürtige Pilsener überraschen kann: Die wissen gar nichts von der Synagoge hier. Naja, sie werden sie in der nächsten Zeit gut kennenlernen."

Eva Stixova ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Pilsen, eine Dame von 72 Jahren. Mit energischen Schritten geht sie voran und öffnet die Tür zur Synagoge, in der gerade Handwerker arbeiten. Aus ihrem Radio klingt Popmusik durch das Gotteshaus.

"Schauen Sie, hier ist alles schon renoviert. Das meiste ist zwar noch mit Folien abgehängt, aber die Säulen sind schon bemalt, die Brüstungen der Balkone erneuert. In unserer großen Synagoge habe ich einen alten Lüster gefunden, der da achtlos in den Keller geworfen wurde, den werden wir hier wieder aufhängen. Das wird wunderbar!"

Viele Jahrzehnte hat Eva Stixova für eine Renovierung der Synagoge geworben; zuletzt ist das alte Gemäuer fast in sich zusammengestürzt. Die Rettung kam buchstäblich in letzter Minute - dank eines Projekts, das in Mitteleuropa einzigartig ist: Die tschechische Föderation jüdischer Gemeinden plant ein Museum, das auf zehn Orte im ganzen Land verteilt ist. Für diesen Zweck werden in den Regionen jüdische Denkmäler renoviert, das Geld kommt von der Europäischen Union. Jan Kindermann koordiniert das landesweite Museumsprojekt.

"Wir wollen die Besucher in die Regionen bringen. Wer sich für jüdische Kultur interessiert, fährt bislang entweder nach Prag oder nach Theresienstadt. Wir möchten zeigen: Es gibt in Tschechien noch viel mehr interessante Orte mit jüdischem Erbe."

Die zehn Standorte des Museums sind - mit Ausnahme von Pilsen - allesamt kleine Städte, manchmal sogar Dörfer. In den meisten von ihnen gibt es heute keine jüdische Gemeinde mehr; die Synagogen, die Wohnhäuser des Rabbiners und andere Gebäude sind als leere Kulisse zurückgeblieben. Genau daran will das Museumsprojekt rütteln: Es soll zeigen, wie stark das jüdische Leben das Land geprägt hat. Jan Kindermann:

"Die Ausstellung im Ort Stikov zum Beispiel wird sich mit dem jüdischen Schulwesen befassen, in Jicin geht es um die jüdischen Literaten von Karl Kraus über Franz Kafka bis Franz Werfel. In Pilsen zeigen wir jüdische Feiertage und Gebräuche, und so wird jede Ausstellung einen anderen Blickwinkel einnehmen. Vor dem Krieg waren die jüdischen Gemeinden ein vollwertiger Teil der Gesellschaft; das wollen wir vermitteln."

Für die Föderation der jüdischen Gemeinden geht es aber auch noch um etwas anderes: Nur dank dieses gemeinsamen Projekts konnten sie Geld bei der Europäischen Union beantragen - Geld, ohne das viele der beteiligten Synagogen nicht mehr zu retten gewesen wären. Seit den 90er-Jahren gab es immer wieder Überlegungen und Studien, was man mit den Bauwerken machen könnte. Jetzt also ist mit dem Museumsprojekt die Lösung gefunden. "Zehn Sterne" nennen die Organisatoren ihr Konzept, das nach dem Mosaik-Prinzip funktionieren soll: Jede der zehn Ausstellung spricht für sich, aber in der Gesamtschau ergänzen sie sich zu einem großen, gemeinsamen Bild.

"In jeder Ausstellung wird sich ein Hinweis auf die übrigen neun Orte finden. Die Besucher erhalten eine Art Reisepass, in dem sie für jede besuchte Ausstellung einen Stempel bekommen. Und wer alle beteiligten Objekte gesehen hat, der gewinnt einen Preis."

Für die konkrete Gestaltung der Ausstellungen ist jede Gemeinde selbst zuständig. Eva Stixova, die Gemeindevorsteherin in Pilsen, weiß schon genau, was sie in dem Museum auch zeigen wird.

"Ich würde gern etwas zur Geschichte der Pilsener Juden erzählen. Die hiesigen Juden verdienen sich das, und die Toten auch."

Von der einst florierenden Gemeinde sind heute nur noch 112 Mitglieder übrig geblieben; Pilsen ist trotz dieser kleinen Zahl nach Prag und Brünn das drittgrößte jüdische Zentrum in Tschechien. Eva Stixova steht in der Baustelle, aus der bald wieder eine Synagoge werden soll. Auch für die Gemeinde, sagt sie, wird das ein wichtiger Schritt sein: In der großen Synagoge, die schon seit Jahren wieder in Betrieb ist und 1500 Plätze bietet, verlören sich die Betenden bei den Gottesdiensten regelrecht.

"Wir sind ja nur noch ein paar, und das sieht in der großen Synagoge allzu traurig aus. In der kleinen Synagoge wird das besser; deshalb werden wir auch mit unseren Gottesdiensten hierher umziehen."

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