Mittwoch, 08. Dezember 2021

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JustizDas Oktoberfest-Attentat wird neu aufgerollt

Nach 35 Jahren sollen die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat, dem blutigsten Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik, neu aufgerollt werden. Die Suche nach den Tätern ist bis heute von Unregelmäßigkeiten geprägt - und erinnert nicht wenige an die NSU-Mordserie.

Von Michael Watzke | 16.04.2015

Gedenken an den Jahrestag des Wiesn-Attentats vom 26. September 1980. 13 Menschen wurden damals getötet, 211 verletzt, 68 davon schwer.
Gedenken an den Jahrestag des Wiesn-Attentats vom 26. September 1980. 13 Menschen wurden damals getötet, 211 verletzt, 68 davon schwer. (imago / Michael Westermann)
Das Bayerische Landeskriminalamt kann offensichtlich zaubern. Es kann eine Hand verschwinden lassen wie ein Magier das Kaninchen. Die Hand ist - oder besser: war - das wichtigste Beweisstück des Oktoberfest-Attentats, des tödlichsten Terroranschlags in der Geschichte der Bundesrepublik. Dass eine menschliche Hand einfach so aus einer Asservatenkammer verschwindet, ohne dass da jemand seine Hand im Spiel hat - das allein sei schon schwer zu glauben, sagt der Investigativjournalist Ulrich Chaussy:
"Dass aber im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität München, das ja dem Landeskriminalamt in keiner Weise irgendwie weisungsgebunden angehört, dass auch dort die Unterlagen über diese Hand komplett verschwinden, ist ein Vorgang, der eine unbedingt notwendige, vollständig unabhängige Untersuchung erfordert."
Die bayerische Staatsregierung verspricht Aufklärung. Bei einer Podiumsdiskussion gab Innenminister Joachim Herrmann, CSU, seine Hand drauf.
"Sie sehen daran, dass auch die Bayerische Staatsregierung und die Staatskanzlei das nicht als Frontalangriff auf den Freistaat Bayern und die Regierung sieht, sondern ganz im Gegenteil."
Und in wessen Händen liegt nun die "vollständig unabhängige Untersuchung"? In denen des Landeskriminalamtes Bayern. Jener Behörde, bei der die Hand und die dazugehörigen Akten verschwanden.
Wem gehörte die Hand?
Die ominöse Hand ist der Schlüssel zu dem oder den Tätern des rechtsextremistischen Bomben-Attentats. Die Frage ist: Wem gehörte die Hand? Dem alleinigen Attentäter Gundolf Köhler, sagte der ermittelnde Bundesanwalt Klaus Pflieger vor 34 Jahren. Mittlerweile aber plagen den pensionierten Juristen Zweifel:
"Ich kann's bis heute nicht sagen. Weil uns da alles durch die Hände glitscht. Wir haben zahlreiche Hinweise gehabt, dass andere beteiligt waren. Unstreitig. Das sagt die Bundesanwaltschaft auch in ihrer Abschlussverfügung. Nur: Wir konnten es nicht nachweisen."
Heute könnte man es leicht nachweisen, per DNA-Analyse. Wenn man die Hand hätte. Aber die ist ja verschwunden. Stattdessen gibt es neue Zeugen. Etwa eine niedersächsische Krankenschwester, die damals kurz nach dem Attentat in einem Spital in Hannover einen jungen Mann behandelte. Dem fehlte eine Hand - und er schien auch noch stolz darauf zu sein. Bis er plötzlich unerwartet verschwand. Als Generalbundesanwalt Harald Range davon erfuhr, legte er seine Hand auf den Fall:
"Wir haben von einer bislang unbekannten Zeugin Hinweise erlangt, die auf bislang unbekannte Täter hindeuten könnten. Ich habe deshalb entschieden, die Ermittlungen wegen des Oktoberfest-Attentats wieder aufzunehmen."
Parallelen zur NSU-Mordserie
Nicht nur die Justiz, auch die Politik interessiert sich mittlerweile für den Fall. Denn der rechtsextreme Bombenanschlag von 1980 weist erstaunliche Parallelen zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrundes auf. Der NSU von damals hieß WSG - Wehrsportgruppe Hoffmann. Der Attentäter Köhler war Mitglied dieser paramilitärischen Nazitruppe. Hatte er Mitwisser oder gar Mithelfer in der WSG? Und was wussten damals die V-Leute des Bundesverfassungsschutzes? Das hätte die Bundestagsfraktion der Grünen gern von der Bundesregierung gewusst.
Doch Justizminister Heiko Maas, SPD, verweigert jede Kooperation. Denn die V-Leute von vor 35 Jahren seien auch heute noch in akuter Gefahr, sagt der Minister. Ein hanebüchenes Argument, findet Investigativjournalist Ulrich Chaussy, der für den Bayerischen Rundfunk seit Jahrzehnten an dem Kriminalfall recherchiert:
"Ich selber halte das für einen Vorwand, mit dem die Öffentlichkeit für dumm verkauft wird. Und zwar so dumm, dass es kracht."
Chaussy glaubt, dass es dem Justizminister und der Bundesregierung in Wahrheit darum gehe, mit aller Macht das umstrittene V-Mann-System der deutschen Verfassungsschutz-Behörden zu retten:
"Denn wenn wir einen zweiten Fall wie den der NSU-Tragödie jetzt auf den Tisch bekommen, in dem sich erweisen sollte, dass es mit diesem System nicht geht, dann muss endgültig gehandelt werden. Und das will man offenkundig verhindern."
Und zwar parteiübergreifend von Maas bis Merkel, von der Isar bis zur Spree.
Oktoberfest-Attentat bleibt hoch aktuell
Florian Ritter, Landtagsabgeordneter der bayerischen SPD, beschäftigt sich seit Jahren mit der Aufklärung des Oktoberfest-Attentats. Für ihn ist das lange zurückliegende Verbrechen keine historische Randnotiz, sondern hoch aktuell:
"Wir müssen uns mal ganz prinzipiell darüber unterhalten, wie denn eigentlich unsere Rolle in solchen Untersuchungen der Verfassungsschutz-Behörden ist. Ich denke, da muss die Kontrolle deutlich schärfer gehandhabt werden, als wir sie bisher handhaben. Und ich bin schon auch der Meinung, dass diese Information über die V-Leute zumindest im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) offengelegt werden muss."
Die letzte Hoffnung sieht Ritter, wie so oft, beim Bundesverfassungsgericht. Das entscheidet demnächst auf Antrag der Grünen-Bundestagsfraktion, ob die Bundesregierung kooperieren muss. Oder ob sie weiterhin schützend ihre Hand über die V-Leute der Geheimdienste halten darf. Wenn nicht, dann erfährt die Öffentlichkeit, welche Spitzel damals wie in der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann aktiv waren, ob das die deutsche Verfassung wirklich schützte oder ihr vielmehr schadete. Ähnlich wie Jahre später beim NSU. Vielleicht ließe sich so nach 35 Jahren doch noch Licht in die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats bringen. Sogar ganz ohne die Hand, die in München verschwand.