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StartseiteDie neue PlatteVengerovs himmlische Ruhe und Gelassenheit22.06.2014

KammermusikVengerovs himmlische Ruhe und Gelassenheit

Das Gesamtwerk des russischen Geigers Maxim Vengerov ist jetzt in einer Sammelausgabe erschienen. Der 39-Jährige ist ein Schüler des Violinenpädagogen Zakhar Bron und repräsentiert wie kein anderer das Erbe der russischen Geigenschule.

Von Raoul Mörchen

Maxim Vengerov, russischer Violonist, während eines Konzerts in der Philharmonie in Köln (Foto vom 28.11.2004). Mit knapp 30 Jahren zählt der in Nowosibirsk geborene Musiker bereits zu den größten Geigern der Welt: Er begann mit viereinhalb Jahren Geige zu spielen und gab ein halbes Jahr später sein erstes öffentliches Konzert. Der Stargeiger mit Professur an der Musikhochschule Saarbrücken ist auch UNICEF-Botschafter. (dpa/picture alliance/Hermann Wöstmann)
Maxim Vengerov, russischer Violonist, während eines Konzerts in der Philharmonie in Köln (dpa/picture alliance/Hermann Wöstmann)

Beethoven: Sonate für Violine und Klavier Nr. 5 F-Dur, op. 24 – "Frühlingssonate", I. Allegro

Der Anfang hätte klassischer nicht sein können. Sonaten von Mozart und Mendelssohn und die Frühlingssonate von Beethoven – damit stellte sich 1992 ein 18-jähriger Geiger aus Russland vor: Maxim Vengerov sein Name – einer der ersten von bald so vielen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihr Glück im Westen, vorzugsweise: In Deutschland suchten. Vengerov fand sein Glück in Lübeck: Dorthin war er seinem Lehrer Zakhar Bron gefolgt, einem der wichtigsten Violinenpädagogen der vergangenen Jahrzehnte. Lange Zeit hatte Bron am Konservatorium in Vengerovs Heimatstadt Nowosibirsk unterrichtet. Dort nahm er den jungen Geiger in seine Klasse auf – ein Wunderkind wie es im Buch steht. Schon seine erste Lehrerin hatte er zum viel zitierten Ausspruch hingerissen: Du wirst der Beste der Welt werden! Was sie damit meinte, lässt Vengerovs klassisches Westdebüt von 1992 nur erahnen: Verstehen kann man es leichter, wenn man eine andere Aufnahme hört, eine Sammlung virtuoser Zugaben, die seine Plattenfirma im darauffolgenden Jahr präsentierte. Schon die Eröffnungsnummer, eine Polonaise von Henry Wieniawski, lässt keinen Zweifel – hier spielt einer, der es mit jedem anderen aufnimmt.

Wieniawski: Polonaise op. 4

Man mag die künstlerische Aussagekraft von virtuosen Salonstücken wie diesem generell in Frage stellen: Wer Wieniawski bezwingt, bezwingt noch lange nicht Beethoven oder Brahms. Und doch zeigt sich in den eher belanglosen Werken der Geiger Maxim Vengerov oft von seiner besten Seite: Als ein geradezu instinktiver Musiker, der vergessen lässt, dass Virtuosität das Ergebnis von Arbeit ist. Und vergessen lässt, dass ein Musiker auch scheitern kann. Zwar hat Vengerov als Kind mit extremer Disziplin geübt, nach eigenen Aussagen sieben, acht Stunden am Tag, doch dieses Pensum scheint sich bald erübrigt zu haben. Die Geige ist zum selbstverständlichen Teil seines Körpers geworden, den Bogen und die Finger darauf zu bewegen scheint bei ihm so natürlich wie das Atmen. Das verleiht Vengerovs Vortrag eine ungeheure Souveränität und Freiheit – frei ist er sogar vom Zwang, immer korrekt sein zu müssen, frei vom Zwang zu absoluter Perfektion. Diese Freiheit wiederum kommt längst nicht nur den virtuosen Schaustücken zu Gute: In einer der späteren Aufnahmen mit seinem Mentor und Freund, dem Cellisten und Dirigenten Mstislaw Rostropowitsch von 2005, beim Violinkonzert von Beethoven, scheint diese Freiheit sogar das eigentliche Thema zu sein: Der extrem langsam genommene erste Satz verströmt himmlische Ruhe und Gelassenheit.

Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61, I. Allegro ma non troppo

Himmlische Ruhe und Gelassenheit – man glaubt den russischen Geiger Maxim Vengerov bar jeder Sorge. Nur eines kann ihm in die Quere kommen: die Gewöhnung, ja Langeweile. Tatsächlich verläuft die Begegnung mit Vengerov nicht störungsfrei. Der Eindruck von Live-Konzerten wiederholt sich, hört man sich durch die große Box, die jetzt schon so etwas wie das Lebenswerk des gerade 40-Jährigen summiert. Da gibt es einen Geiger, den man mit Größen wie Heifetz oder besser noch: Mit David Oistrach vergleichen möchte, einen Künstler, der das wunderbare Gefühl vermittelt, das Werk, das er spielt, entstünde gerade erst in dem Moment, in dem er den Bogen auf die Saiten legt. Doch man begegnet zuweilen auch einem anderen Vengerov, einem Genie, dem es in der Routine des Repertoires zu eng wird, das mit seinen Gedanken schon woanders zu sein scheint – das hört man etwa in der Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim beim Violinkonzert und einer Sonate von Brahms.

Unter anderen Voraussetzungen würde man diese Aufnahme "gut" nennen – wenn man weiß, wozu Vengerov in der Lage ist, enttäuscht sie in ihrer professionellen Beliebigkeit.

Brahms: Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 D-Dur, III. Un poco presto e con sentimento
Nicht immer also schöpft Maxim Vengerov sein Potenzial wirklich aus – zu oft wohl hat er es schon getan. Dass sich der Russe 2005, mit 30 Jahren, eine erste Auszeit gönnt, aus Angst vorm Burn-out, verwundert nicht. Auch nicht, dass er wenig später, nach einer Verletzung seiner Schulter und einer vierjährigen Konzertpause, bekennt, zumindest in den ersten beiden Jahren seiner Rekonvaleszenz die Geige nicht vermisst zu haben. Krisen wie diese kennt man auch von anderen: von den Pianisten Vladimir Horowitz oder Michail Pletnev.

Immerhin: Vengerov ist zurück, seit 2012 tritt er wieder auf, übrigens, wie sein Vorbild Rostropowitsch, nun auch als Dirigent. Vielleicht gelingt Vengerov jetzt auch, Anschluss zu finden an eine veränderte, moderne Aufführungspraxis. Dass er Beethoven und Brahms spielt wie die großen alten Stars, wie Stern, Milstein oder eben Oistrach, das mag man heute noch bewundern, dass er auch Bach und Mozart so spielt, allerdings nicht. Vengerov repräsentiere wie kein anderer das stolze Erbe der russischen Geigenschule, wird oft gesagt - besser wäre, er verkörperte deren Zukunft.

Ysaÿe : Sonate für Violine solo Nr. 2, IV 'Les Furies

Doch während wir nur hoffen können auf diesen neuen Maxim Vengerov, bleibt uns die schöne Wahl, das Beste herauszusuchen von dem, was dem alten gelungen ist: zum Beispiel die höllisch-schweren und himmlisch-schönen Solo-Sonaten seines belgischen Kollegen Eugène Ysaÿe.

Titel: Maxim Vengerov – Complete Recordings 1991-2007
Interpret: Maxim Vengerov
Label: Warner Classics
Labelcode: 02822
Bestellnummer: 0825646315147!!

 

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