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Kino im Urwald

Mitten im Urwald, in der brasilianischen Stadt Manaus, fand zum zehnten Mal das internationale Amazonas-Filmfestival statt. Auch dieses Jahr wurde ein gut ausgewähltes Wettbewerbsprogramm mit gehaltvollen Filmen präsentiert - teilweise sogar in Dörfern, an Bushaltestellen oder Schulen.

Von Ole Schulz | 06.11.2013

    Nacht in Manaus: Im "Teatro Amazonas", der legendären Oper von Manaus, wird das zehnte Amazonas-Filmfestival eröffnet. Was als Festival mit einem Fokus auf Umweltthemen begonnen hat, ist mittlerweile zu einer etablierten Veranstaltung mit Filmen aus aller Welt geworden. Zugleich dient das Festival aber auch der Förderung der lokalen Filmwirtschaft. Denn die goldenen Jahre, als Manaus durch den Kautschukanbau reich geworden war, sind längst vorbei, und die mitten im Regenwald gelegene Stadt ist auch für brasilianische Verhältnisse ein abgelegener Ort.

    Um sich national wie im Ausland wieder einen Namen zu machen, setzt die Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas nun auf Film und Kultur. Zum Auftakt läuft der Spielfilm "Un giorno devi andare", des italienischen Regisseurs Giorgio Diritti. Der Film handelt von einer jungen Italienerin, die nach Amazonien kommt, um zu sich selbst zu finden. Zwar hat der Film dramaturgische Schwächen, doch zumindest überzeugt er durch seine Bilder. Lange Kamerafahrten vermitteln einen Eindruck von der Langsamkeit des Lebens am Amazonas, wo das Zeitmaß bis heute die Dauer der Bootsfahrten auf dem Fluss ist.

    Patricia Martin, die argentinische Kuratorin, über das Programm des Amazonas Filmfestivals:

    "Die Idee ist, einem Publikum, das keinen Zugang zu Qualitätsfilmen hat, weil es weit weg wohnt, gehaltvolle Filme zu zeigen. Zugleich sollte sich das Publikum aber mit den Filmen identifizieren können."

    Einige der Wettbewerbsfilme in Manaus waren schon vorher bei anderen Festivals zu sehen – zum Beispiel der chilenisch-italienische Film "Eine Lumpengeschichte in Rom" von Alicia Scherson nach einer Erzählung Roberto Bolaños. Oder der indische Beitrag "The Lunchbox", der bald in Deutschland Premiere hat. Er erzählt mit einfachen Mitteln die berührende Geschichte eines älteren Mannes und einer jungen Frau, die sich zwar nie persönlich kennenlernen, aber durch tägliche Briefe Vertrauen und Zuneigung zueinander entwickeln.

    Das zehnte Amazonas-Filmfestival hat auch dieses Jahr ein gut ausgewähltes Wettbewerbsprogramm. Dazu zählt die britisch-phillipinische Produktion "Metro Manila" ebenso wie "Tatuagem" - "Tattoo" aus Brasilien. Doch für Manaus und die Region Amazonien vielleicht noch wichtiger sind die weiteren Elemente des Festivals. Die Kuratorin Patricia Martin:

    "Das Festival zeigt auch Filme in Dörfern am Amazonas-Fluss, wo es kein Kino gibt. Dazu gibt es Vorführungen an öffentlichen Orten – an Bushaltestellen etwa, aber auch an Schulen."

    Zum Festival gehören außerdem ein Drehbuch-Förderpreis und ein Wettbewerb für Kurzfilme aus Amazonien. Auch der Regisseur Sergio Andrade aus Manaus hält das Festival wichtig dafür, dass sich die lokale Filmindustrie weiter entwickelt:

    "Es ist ein Fenster für junge Regisseure, die hier ihre ersten Filme zeigen können. Außerdem fördert das Festival die Produktion von Kurzfilmen aus der Region. Doch es fehlt noch eine Menge, vor allem eine langfristig angelegte staatliche Filmförderung."

    Im Vorjahr war Andrades Film "A Floresta de Jonathas" - "Jonathas Wald", der erste Spielfilm aus Manaus, der am Amazonas Filmfestival teilgenommen hat. Zum Film gekommen ist Andrade dabei durch einen Zufall: Als Jugendlicher half er bei den Dreharbeiten für Werner Herzogs "Fitzcarraldo" im "Teatro Amazonas" mit. Heute ist Sergio Andrade der wohl bekannteste einer Reihe von jungen Filmemachern aus Manaus.